Todesstoß für Byzanz

Eroberung durch Osmanen nach gescheiterter Union

Während der Kaiser hinter verschlossenen Türen alle Möglichkeiten der Geheimdiplomatie ausschöpft, wird das Auftreten der Osmanen immer bedrohlicher. Irgendwann wird sich Konstantinopel kampflos ergeben, so ihr selbstbewusstes Kalkül.

Immerhin hatten sie schon Kleinasien und den Balkan erobert und Konstantinopel isoliert. Aber noch werden die Belagerer durch die mächtigen Mauern der Stadt von einem alles entscheidenden Angriff abgehalten.

Lebenswichtige Stadtmauer

Heute versucht die Stadt Istanbul, das sieben Kilometer lange Monumentalbauwerk in seiner Substanz zu erhalten. Es ist dringend erforderlich, denn erst vor wenigen Jahren richtete ein starkes Erdbeben großen Schaden an, fünf Türme waren akut vom Einsturz bedroht. Bei den Restaurierungsarbeiten entdeckten die Archäologen Erstaunliches. Sie fanden als Baumaterial antike Säulenfragmente, zerbrochene Türstürze und sogar Grabsteine. Im Mittelalter wurde offensichtlich verzweifelt um den Erhalt der lebenswichtigen Stadtmauer gerungen.

98 Türme zwischen Marmara Meer und Goldenem Horn waren es, eine doppelte Mauer und ein Wassergraben. Eine kleine Besatzung reichte aus, um die Stadt zu schützen. Sie bestand aus der Stadtpolizei und den Palastwachen. Im Belagerungsfall mussten auch die Handwerkergilden Männer zur Verteidigung stellen. Doch jetzt ist allen klar: die Mauern allein werden die geschwächte Stadt vor dem Ansturm der Osmanen nicht mehr lange schützen können. Nur eine kluge Strategie kann das Schlimmste verhindern. Und dabei ist die Wiedervereinigung der Kirchen nach mehr als 700 Jahren der entscheidende Einsatz im großen Spiel der Mächte - mit dem deutschen Mönch Kusanus als Schlüsselfigur.

Wachsender Einfluss der Unionsgegner

Die Lage in der Stadt wird immer aussichtsloser. Kusanus tritt auf der Stelle, der Kaiser hat sich noch immer nicht entschieden. Und von Tag zu Tag wächst der Einfluss der Unionsgegner. Als Gesandter des Papstes ist Kusanus mitten in den Machtkampf um die Führung der römischen Kirche hineingeraten. Erzbischof Bessarion setzt nun sein ganzes politisches Schwergewicht und seine persönlichen Beziehungen zum Kaiser ein. Für Johannes VIII. geht es nicht nur um die Existenz der Stadt, sondern auch um sein eigenes Leben. Zwar ist er absoluter Herrscher über Kirche und Staat, doch er weiß sehr wohl, dass viele seiner Vorgänger ein grausames Ende fanden. Von der eigenen Gefolgschaft bestialisch geschunden und ermordet.

Als Konstantinopel am Vorabend der Entscheidung steht, sind nicht einmal 50.000 in der Stadt geblieben. 1000 Jahre war Konstantinopel mächtige Metropole und Zentrum eines Weltreichs - bis die geschwächte Stadt nur noch die Chance hat, durch Hilfe von außen zu überleben, durch die Union mit dem Papst in Rom. Der Kaiser ist sich bewusst: Es liegt nur noch an ihm, das historische Erbe des byzantinischen Reiches zu bewahren. Endlich entschließt er sich, der Union mit dem Westen zuzustimmen. Gegen den Willen der Bevölkerung und den Widerstand der meisten Würdenträger.

Vordenker der Neuzeit

Jetzt kommt Bewegung in die Sache. Gerüchte sickern am Hofe durch, Kaiser Johannes habe sich entschieden. Die gegnerische Delegation ist aufgebracht, erfolglos müssen die Kardinäle die Heimreise antreten. Kusanus hat gewonnen. Zehn Jahre später schreibt er dann ein kleine Autobiografie und da steht ganz stolz, dass er es war, der den Kaiser und den Patriarchen und 28 Erzbischöfe von Konstantinopel zum Papst geführt habe, wo sie dann die Union schlossen.


Kusanus' Mission ist beendet. Und damit sein Aufenthalt in Konstantinopel. Als Gelehrter hatte er die Chance, bautechnische Weltwunder zu bestaunen, seltene Schriften zu studieren und sich mit großen Geistern auszutauschen. Konstantinopel eröffnete ihm einzigartige Perspektiven für seine philosophischen und wissenschaftlichen Werke. Als Diplomat und Mann der Kirche hatte er wesentlichen Anteil am Erfolg der päpstlichen Mission. Kusanus machte Karriere in der Kirche. Zum Kardinal berufen wurde er sogar als Papstnachfolger gehandelt. Er gilt heute als größter Philosoph des Mittelalters und Vordenker der Neuzeit.

Bündnis ohne Bestand

Der Niedergang Konstantinopels hingegen war dagegen nicht mehr aufzuhalten. Das Bündnis zwischen Kaiser und Papst hatte keinen Bestand. Die Mehrheit der orthodoxen Kirche verweigerte nachträglich ihre Zustimmung zur Kirchenunion. Die vom Papst versprochene militärische Hilfe blieb nur halbherzig und ohne Erfolg.

Die Eroberung am 29. Mai 1453 war der letzte Todesstoß, den die byzantinische Stadt erfuhr, aber es begann eine neue Blütezeit. Unter den Osmanen erwuchs Konstantinopel, nun Istanbul, zu neuer Größe, die Stadt wurde prächtiger und mächtiger als je zuvor. Die Stadt am Bosporus hat bis heute ihre Faszination bewahrt. Und ihre Lage an der Grenze zwischen Europa und Asien ist nach wie vor Chance und Herausforderung zugleich.

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