Tödliche Aschewolke

Pyroklastische Ströme mit hohem Zerstörungspotenzial

Die immensen Lava-Mengen des Thera bringen die gültige Lehrmeinung ins Wanken. Mit den Daten machen die Wissenschaftler eine neue Rechnung auf. Mindestens 100 Milliarden Kubikmeter Material flogen aus dem Inneren - ein Vielfaches mehr als bisher angenommen.

Pyroklastischer Sturm nach Vulkanausbruch

Der Vulkan von Thera steht somit auf gleicher Stufe wie der indonesische Tambora. Und wie sein großer Bruder gehört er in die Kategorie der Mega-Vulkane. Das überraschende Ergebnis zwingt die Fachwelt zu einer höheren Einstufung des Ausbruchs auf dem VEI. Noch vor 20 Jahren mit einer 6 klassifiziert, steigt der Ägäische Feuerberg nun auf Rang 7 der Skala.

Spielszene Minoer verlassen ihre Insel

Makabres Szenario

Wenn die Katastrophe zehn Mal heftiger über Thera hereinbrach als vermutet, dann trafen auch die Auswirkungen die Bewohner schlimmer als gedacht. Die Forscher haben ein makabres Szenario vor Augen. Angenommen, die Minoer bestiegen ihre Boote und verließen das Eiland rechtzeitig. Um das 100 Kilometer entfernte Kreta zu erreichen, brauchten sie viele Tage über das offene Meer, den Vulkan stets im Rücken. Als das Inferno wütete, schossen aus allen Schloten Lava-Fontänen zum Himmel empor. Mit den kochend heißen Eingeweiden der Erde prasselten Gesteinsbrocken jeder Größe nieder.

Unaufhaltsam drängte sich der Feuerfluss über die kleine Insel bis in die Fluten der Ägäis. Wo die Lava schnell erkaltete, legte sie sich wie ein starrer Mantel über die Landschaft. Als Vulkan der Superklasse schickte er eine Aschewolke hinterher, die mit rasendem Tempo eine Schneise der Vernichtung schlug. Womöglich erwischte die tödliche Walze die Minoer noch auf hoher See.

Grausige Entdeckung

Das Beispiel von Tambora fast 10.000 Kilometer weiter südöstlich macht das Zerstörungspotential eines pyroklastischen Stroms deutlich. Auf Sumbawa, der Heimat des indonesischen Vulkans, machten Archäologen 2004 eine grausige Entdeckung. Bei der Freilegung einer verschütteten Stadt schälte das Team die Körper von zwei Frauen aus dem verbackenen Gestein. Sie kamen 1815 in der giftigen Gashölle ums Leben - vermutlich bei 1000 Grad Celsius. Dafür sprechen die geschmolzenen Glasflaschen unweit der Fundstelle.


Ein pyroklastischer Strom gehört zu den übelsten Launen der Natur. Über alles, was ihm in den Weg kommt, fegt er mit brachialer Gewalt hinweg. Für die Menschen in den gefährdeten Regionen gibt es kaum ein Entrinnen, wenn das graue Monster blitzschnell heranrauscht - mit Staub, Gas und Hitze in höchster Konzentration. Ein unberechenbarer Geselle. Der Unzen auf der japanischen Halbinsel Shimabara versetzte die Einheimischen über drei Jahre 175 Mal in Angst und Schrecken. Die pyroklastischen Ströme forderten 44 Menschenleben - trotz einer umfassenden Evakuierung aus der Gefahrenzone. Am 3. Juni 1991 begrub die Bodenwolke auch das legendäre Vulkanologen-Ehepaar Katja und Maurice Krafft.

Geologische Beweise gesucht

Nicht abwegig also die These, dass die Minoer den Ausbruch von Thera nicht überlebten, obwohl sie die Insel bereits verlassen hatten. Das Expertenteam will mit Hilfe des Tauchroboters auf dem Grund der Ägäis zumindest den geologischen Beweis erbringen.




Karte Killersturm auf dem Weg nach Kreta

Die Forscher wollen nun nachweisen, dass Theras tödliche Glutwolken auch die Nachbarinseln heimsuchten. Demnach bot auch Kreta, das Zentrum der Minoer, keine sichere Zuflucht. Der Killersturm hätte die 100 Kilometer lange Strecke von Thera mühelos überwinden können. Vielleicht lässt sich so die Zerstörung des Palastes von Knossos erklären, der um 1700 vor Christus zusammenbrach, vermeintlich nach einem Beben. Die Eruption auf der Karibikinsel Montserrat dokumentiert die Fähigkeiten pyroklastischer Ströme. Dort gab es am 17. September 1996 kein Halten für die rasenden Wolken. Die Gaslawine jagte über Land und Wasser.

Auf Santorin präsentieren sich noch heute die Überreste der Aschewolken aus der Thera-Epoche. Als Fossilien verleihen sie dem Fels ein markantes Profil. Mit den Funden aus der Tiefe vervollständigt sich allmählich das Bild.

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