Topografische Beweisführung

Manfred Bietak wiederlegt Montet anhand der Nilgeschichte

Die zahlreichen Hinterlassenschaften in Tanis zeigten zwar die Handschrift von Ramses. Daneben gab es aber auch Hinweise, die gegen die Theorie des Ägyptologen Pierre Montet sprachen. Dazu gehörten einige Steinfiguren, Gräber und vor allem die Fundamente, die lange nach Ramses entstanden.

Topografische Karte vom Nil-Delta Quelle: ZDF

Trotz der Kritik von Mitarbeitern und Kollegen hielt Montet an seiner These fest. Die Wahrheit sollte erst mehr als ein halbes Jahrhundert später ans Licht kommen. Tanis spielte dabei nach wie vor eine bedeutende Rolle.

Überreste am falschen Ort

Der Österreicher Manfred Bietak arbeitet seit 41 Jahren an der Lösung des Rätsels. Die verlassene Ruinenstätte kennt der Fachmann wie seine Westentasche. Jedes einzelne Objekt hat er gründlich untersucht. Seine Bestandsaufnahme erbrachte zwar dieselben Resultate, die schon Montet vorlegte. Doch die Schlussfolgerung von Professor Bietak unterscheidet sich deutlich von der seines Vorgängers. Er hält die "Tanis ist gleich Piramesse"-Formel für Unsinn: "Tatsächlich sind das Überreste von Piramesse. Aber sie stehen am falschen Ort."

Doch nicht die Steine brachten den Forscher auf die richtige Spur, sondern das topographische Profil von Unterägypten brachte endlich Licht ins Dunkel. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, welchen Einfluss der Nil auf die Siedlungsgeschichte der Region ausgeübt hatte. Bietak wollte herausfinden, wie das Delta zur Zeit der Pharaonen ausgesehen hatte. Dazu musste er auch die längst verlandeten Flussarme rekonstruieren. Eine mühevolle Arbeit, für die er altes Kartenmaterial und geeignete Quellen brauchte.

Die zwei Arme des Nils Quelle: ZDF

Neue Wege

Heute strömt der längste Fluss Afrikas nur noch über zwei Arme ins Mittelmeer. Im Altertum schlängelte er sich in etlichen Verzweigungen durch das Delta. Viele der Wasserstraßen jedoch trockneten im Lauf der Jahrhunderte aus. Der Nil musste sich neue Wege suchen. Ganze Fluss-Arme verschwanden, weil die jährliche Überschwemmung große Schlamm-Massen in das Gebiet spülte. Durch die ständigen Ablagerungen verflachten die Flussbette dramatisch, bis das Wasser immer weniger Platz fand. Die reißenden Fluten verwandelten sich allmählich zu Bächen und schließlich zu Rinnsalen, die am Ende versiegten.

Die einzige Chance, den Verlauf der alten Wasserwege aufzuspüren, bietet eine spezielle Relief-Karte. Höhenlinien kennzeichnen markante Veränderungen in der Landschaft und verraten dem Experten, welcher Route ein ausgetrockneter Fluss vor Jahrtausenden folgte. Aus den Konturen entwickelte Professor Bietak einen exakten Plan, der jede inzwischen versandete Verzweigung verzeichnete. Die Übersicht zeigte auch den starken Tanitischen Nilarm mit all seinen Veränderungen. Zunächst vermutete Bietak, dass Piramesse irgendwo dort am Ufer lag. Um den Ort zu lokalisieren, musste er Hinterlassenschaften aus dem 13. Jahrhundert vor Christus ausfindig machen. Denn die Quellen halfen nicht weiter. Die Literatur erwähnte lediglich den östlichsten Flusslauf des Deltas.

Stadtbild Piramesse (Spielszene) Quelle: ZDF

Fernhandel am Nilufer

Die etwa 100.000 Einwohner der Hauptstadt siedelten unweit der Lebensader Ägyptens, denn sie garantierte ihnen üppige Ernten, ausreichend Trinkwasser und Nahrung. In den engen Gassen herrschte buntes Treiben. Mittendrin waren Kaufleute aus aller Herren Länder, die ihre Waren anboten. Für Wein, Lebensmittel und Spezereien fertigten die Töpfer Tonkrüge in großen Mengen. Der Nil als Verkehrsstraße förderte den Fernhandel.

Keine Scherben aus der Ramses-Zeit

Tonscherben entlang der früheren Wasserwege geben nicht nur Auskunft über ihr Alter. In Zusammenhang mit der Reliefkarte beantworten sie auch die Frage, wann und wo ein Nilarm durch das Delta floss. Denn Siedlungen entstanden grundsätzlich nahe am Wasser. Und genau das galt auch für das alte Tanis. Der große Handelsplatz erhob sich im nordöstlichen Delta - unmittelbar am Tanitischen Arm des Nil. Hätte Montet Recht gehabt, hätte er auch Unmengen von Scherben aus der Ramses-Zeit eingesammelt haben müssen. Doch weder dort noch an anderer Stelle wurde Archäologe Bietak fündig. Seine Ergebnisse brachten Montets These ins Wanken. Nicht eine der vielen Siedlungen am Tanitischen Arm datierte aus der Periode Ramses des Zweiten.

Professor Bietak zog noch einen weiteren folgenschweren Schluss: Der Tanitische Arm kann zur Zeit Ramses II. unmöglich aktiv gewesen sein. Also sei Tanis keinesfalls Piramesse gewesen. Das bedeutete: In der Ramses-Zeit gab es dort weder Wasser noch die Stadt Tanis. Montet und Bietak - zwei Forscher, zwei Meinungen. Für den Franzosen zählten nur die imposanten Relikte mit den Kartuschen des Königs. Den unzähligen Alltagsgegenständen, die zuhauf im Schutt steckten, schenkte er keine Beachtung.

Datierung der Scherben Quelle: ZDF

Funde aus der Zeit nach Ramses

Erst seine Nachfolger kümmerten sich in der Siedlung um eine sorgfältige Datierung der Scherben. Sämtliche aus dem Boden geborgenen Töpfe und Krüge wurden nachweislich erst 200 Jahre nach dem Tod des Pharao hergestellt. Das bedeutet, dass die prächtigen Monumente von Ramses jemand dorthin geschafft haben musste. Und das frühestens um 1000 vor Christus, denn es wurde keine einzige Scherbe aus der Zeit Ramses II. oder davor gefunden. Sämtliche Stücke sind jünger. Dies ist ein wichtiger Punkt, der aber nicht beantwortet, warum so viele Bauteile der Pharaonenstadt an einem Ort stehen, zu dem sie ursprünglich nicht gehören.

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