Totgesagte leben länger

Die Hanse verbindet wieder viele Städte Europas

Von 1618 bis 1648 tobt der Dreißigjährige Krieg durch das Reich. Das weitreichende Netzwerk der Hanse funktioniert nur noch eingeschränkt. Nach dem Westfälischen Frieden verlieren die meisten Städte ihre Freiheiten und Sonderrechte. Sie werden wieder den Territorialherren unterstellt. Das trifft die Hanse schwer. Dennoch kommen 1669 noch einmal Abgesandte aus neun Hansestädten in Lübeck zusammen - zum letzten Mal. Einen weiteren Hansetag wird es nicht mehr geben. Ist die Hanse tot?

Schiffe der Koggen-Compagnie
Schiffe der Koggen-Compagnie Quelle: Gesellschaft Weltkulturgut Hansestadt Lübeck e.V.

Tiefgreifende Veränderungen bahnen sich bereits im frühen 16. Jahrhundert an. Die nationale und internationale Konkurrenz wird stärker. Neue Handelsgüter und neue Handelsrouten infolge überseeischer Entdeckungen verlagern die merkantilen Schwerpunkte. Die Reformation spaltet Europa im Glauben und zunehmend auch politisch. Durch Einzug der Kirchengüter erstarken gerade in Niederdeutschland viele Territorialherren. Der Städtebund gerät in schweres Fahrwasser und reagiert mit Maßnahmen zur Neuorganisation und Umstrukturierung.

Neue Regeln

Auf mehreren Hansetagen werden straffende Veränderungen beschlossen: die Hanse nicht mehr als lockerer Verband, der Abweichler von Fall zu Fall toleriert, sondern als durchstrukturierte Institution mit einem hauptamtlichen Geschäftsführer. Basierend auf einer Konförderationsvereinbarung, besteht Pflicht zur Teilnahme an Hansetagen und zu regelmäßiger Beitragszahlung in eine gemeinsame Bundeskasse. Doch je fester die Zügel angezogen werden, desto weniger Mitglieder sind bereit, den strengen neuen Regeln zu folgen, zumal sich viele Räte zum eigenen Vorteil mit den wirtschaftlich und politisch erstarkenden Landesherren arrangieren. So schrumpft die Zahl der Hansestädte von 63 im Jahre 1557 auf 14 im Jahre 1604.

Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges ist die Hanse de facto nur noch ein Schatten ihrer selbst. Zum letzten Hansetag begrüßen 1669 die Lübecker Hansen Vertreter von Danzig, Bremen, Hamburg, Osnabrück, Hildesheim, Köln, Rostock und Braunschweig in ihren Mauern. In der Folge fungieren nur noch Lübeck, Hamburg und Bremen quasi als Nachlassverwalter des Städtebundes. Allerdings ist die Deutsche Hanse nicht aufgelöst. Formal besteht sie auch heute noch, doch ist sie nach Struktur und Zielsetzung längst nicht mehr zeitgemäß. Sie besitzt jedoch immer noch Strahlkraft, die die heutigen Stadtväter der alten Hansestädte wieder nutzen wollen.

Logo Städtebund DIE HANSE
Logo Städtebund DIE HANSE Quelle: Hansestadt Lübeck

Neue Hanse

Die Deutsche Hanse ist also nicht tot, aber in einen Dauerschlummer versunken. Doch sie hat dank der Initiative des Bürgermeisters von Zwolle eine junge, moderne Schwester bekommen, den 1980 gegründeten "Städtebund DIE HANSE". Ihr gehören fast 180 ehemalige Mitglieder - Hansestädte, Kontore und Niederlassungen - der alten Deutschen Hanse aus 16 europäischen Ländern an. Präsident dieser freiwilligen Städtegemeinschaft ist der Bürgermeister von Lübeck. Anders als in der alten Hanse finden die neuen Hansetage regelmäßig statt, und zwar einmal im Jahr: im Mai 2011 im litauischen Kaunas und im Juni 2012 in Lüneburg.

Neben dieser internationalen Vereinigung haben sich inzwischen auch wieder regionale Städtegruppen innerhalb Deutschlands zusammengefunden. So besteht seit dem 25. Juni 1983 der in Herford gegründete Westfälische Hansebund, dem heute 45 ehemalige Hansestädte angehören. Der Altmärkische Hansebund versammelt acht ehemalige Hansestädte, die einst zum wendischen Drittel der alten Hanse zählten - darunter auch Werben, die mit 830 Einwohnern kleinste Hansestadt überhaupt. Jüngst hat sich auch die Rheinische Hanse konstituiert, ein Städteverbund der Städte Neuss, Emmerich, Kalkar und Wesel.

Neue Ziele

Auch die jungen Töchter der alten Hanse verfolgen klare Absichten, die letzten Endes das Wohlergehen der Mitgliedstädte und ihrer Bürger im Fokus haben. Vor allem auf internationaler Ebene stehen dabei - anders als im Mittelalter - Kultur- und Traditionsaustausch sowie Informationstransfer und Stärkung der Wirtschafts- und Handelskontakte im Vordergrund, um gemeinsam die europäische Einigung zu fördern. Dass dabei auch wirtschaftliche Vorteile für die beteiligten Städte angestrebt werden, entspricht durchaus der alten Hanse-Idee, wenngleich der Gedanke der Völkerverständigung und politischen Einigung den Vorstellungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts entspringt.

Auf nationaler Ebene war die neue Hanse zunächst eine Plattform für die Touristik. Das ist sie auch heute noch. Durch Kooperationen, wie sie auf den jährlichen regionalen Hansetagen präsentiert werden, lassen sich die Besucherströme der Individual- und Städtereisenden gewinnbringend anlocken. Doch in den letzten Jahren werden auch wieder verstärkt wirtschaftliche Netzwerke geknüpft und ausgebaut. Die Städte der Rheinischen Hanse schauen dabei auch über die Grenze zu den Kommunen in den Niederlanden. So lebt die lange totgesagte, über Jahrhunderte nur als Mythos in deutschen Geschichtsbüchern schlummernde Deutsche Hanse in ihren modernen Töchterbünden weiter.

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