Trügerische Ruhe

Die ersten Minuten nach dem Beben

Am 17. April 1906, am Abend vor dem großen Beben, trifft sich die gehobene Gesellschaft San Franciscos in der Oper. Man freut sich auf den Auftritt von Enrico Caruso. Der Tenor wird in Georges Bizets "Carmen" singen. Der Italiener ist bereits eine lebende Legende. Es ist das größte Ereignis der Saison und lockt Richter, Neureiche und Goldbarone an.

In der Pause treffen sich die Gäste im Foyer. Unter ihnen der deutsche Fotograf Arnold Genthe, der wenig später alles verlieren wird, was er sich mühsam aufgebaut hat.

Talent als Schriftsteller

Auch der Journalist James Hopper ist unter den Zuschauern. Er hat den Auftrag, über Caruso zu berichten. Sein Talent als Schriftsteller wird jedoch erst nach der großen Katastrophe entdeckt. Er beschreibt sie in seinen Tagebüchern. Für den begeisterten Hopper war Carusos Auftritt der Höhepunkt menschlicher Emotionen. "Wenn ich heute darüber nachdenke, muss ich fast lachen.", wird er nach dem Beben protokollieren.


Der Abend des 17. April 1906 neigt sich dem Ende zu. Die Nacht ist ruhig. Nur die Haustiere schlagen Alarm. Aber niemand bemerkt das drohende Unheil. Auch nicht im Hause der Dulbergs, wo eine Frau in ihren Wehen liegt. In den Morgenstunden des 18. April, gegen 5:13 Uhr, bebt plötzlich die Erde. Bernhard Dulberg versucht seine Kinder in Sicherheit zu bringen. Vielerorts bricht Feuer aus. James Hopper wird in seinem Zimmer im Neptun Hotel förmlich aus dem Bett geschleudert: "(Das Beben) begann mit einer Direktheit, einer solch wilden Entschlossenheit, dass keine Zweifel über seine Absichten bestanden."

Zusammenfallende Häuser

Arnold Genthe wird in seinem Studio überrascht, wo er übernachtet. Er muss tatenlos zusehen, wie alles zerstört wird. Später erinnert sich der Fotograf: "Wenn ein Haus so zittert und bebt", dachte ich, "dann muss irgendwann die Decke einstürzen." Nicht ganz San Francisco ist gleichermaßen vom Erdbeben betroffen. Teile der Stadt liegen außerhalb des Epizentrums. Aber wo das Beben wütet begräbt es die Menschen unter dem Schutt der zusammenfallenden Häuser.


In Downtown, südlich der Marketstreet sind die Dulbergs eingeschlossen. Eine verrammelte Tür hindert sie an der Flucht aus der brennenden Wohnung. Das lockere Fundament hat nachgegeben. Dulbergs Haus liegt schief, Tür und Wände sind hoffnungslos verkeilt. Die Familie ist gefangen.
Wenige Kilometer entfernt, in Chinatown, stürzen Tempel und Holzhäuser ein. Auf wundersame Art wird der 15-jährige Chinese Hugh Liang von seinem Vetter gerettet. "Ich habe fest geschlafen, als mein Bett plötzlich zu schaukeln anfing und Teile der Decke herab fielen. Ich träumte, auf einem Boot zu sein, und hatte Angst, zu ertrinken."

"Furchtbare Stille"

Nach etwa zwanzig Sekunden entlässt das Beben mit einer Stärke von 7,9 auf der Richter-Skala die Menschen aus seinen Klauen. Niemand macht sich zu diesem Zeitpunkt ein Bild vom Ausmaß der Zerstörung. Doch ist es wirklich schon vorbei? Das Schlimmste überstanden? Hopper: "Ich bemerkte eine große Stille. Kein Rufen, kein Laut, nicht ein Schluchzen. Eine furchtbare Stille." Die Ruhe ist trügerisch und nur von kurzer Dauer.

Nur 15 Minuten nach den ersten Erschütterungen, werden bereits über fünfzig Brandherde gemeldet. Auch aus Dulbergs Haus schlagen Flammen, doch in letzter Minute kommt Hilfe. Mutige Nachbarsjungen eilen herbei. Ihnen gelingt es, die verkeilte Tür mit Gewalt zu aufzubrechen. Dulbergs Frau und das während der Katastrophe geborene Kind haben überlebt, doch sie brauchen ärztliche Versorgung.
Wenige Kilometer nordöstlich hat auch Hugh Liang das Unglück zunächst überstanden. Aber nach dem Verlassen seiner Wohnung, steht er vor dem Nichts. "Ich habe alles, was ich besaß, in eine alte Truhe gelegt und mich draußen auf die Straße gesetzt. Wie sollte es jetzt weitergehen in diesem Chaos?"

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