Tsunami als Folgeerscheinung

Flutwelle der Bronzezeit bis über das Mittelmeer

Wenn ein mächtiger Vulkan ausbricht, kommt ein Unheil selten allein. Oft folgt einer Eruption eine Flutwelle. So auch in Thera. Die viele Meter hohe Wasserwand baute sich auf, als die gewaltigen Magmakammern des Thera-Kegels einstürzten. Auch sie könnte die Flucht der Minoer vereitelt haben.

Riesige Welle rast auf Küste zu

Auf dem nassen Grund der riesigen Caldera ruhten die stummen Zeugen der Vergangenheit. Die Geologen brauchen die überdimensionalen Trümmer nur abzufahren, die beim Zerbersten des Riesen mit unvorstellbarem Getöse ins Wasser knallten. Aber sie eindeutig zu identifizieren, ist für das Forscherteam noch einmal eine Fleißarbeit.

Mit Sicherheit folgte ein Tsunami

Wenn die Vulkanfelsen an Land und unter Wasser vom selben Ausbruch stammen, dann folgte der Explosion von 1645 vor Christus mit Sicherheit ein Tsunami. Die Felsen formten sich zu einer Schuttlawine und stürzten den Hang hinunter ins Meer. Vor der Eruption ragte der Berg fast doppelt so hoch in den Himmel. Die immense Sprengkraft riss eine Seite komplett weg. Die Brocken von der Größe mehrstöckiger Häuser ruhen seither auf dem Meeresgrund.

Computergrafik Gestein, Rauch und Lava schießen aus Vulkankrater

Für Professor Sigurdsson gibt es keine Zweifel mehr: Der Feuerspucker von Thera gehört in die Klasse der Mega-Vulkane. Als Wasser in die brodelnden Magma-Kammern eindrang, reagierte er wie ein Dampfkochtopf. Mit Überdruck schoss die zähe Masse aus Gestein, Asche, Staub und Schwefelgasen in die Atmosphäre. Die freigesetzte Energie entsprach ungefähr 5000 Atombomben vom Typ Hiroshima. Das Öko-System veränderte sich dramatisch, und zwar weit über die Region hinaus. Selbst das Mittelmeer spielte verrückt. Wie bei einer Kettenreaktion bäumte es sich auf und überflutete andere Inseln und Küsten.

Killerwelle mit grausamer Bilanz

Jüngstes Beispiel für die Gewalt des Wassers: das Seebeben von Indonesien am 26. Dezember 2004. Danach fegte eine Killerwelle 5000 Kilometer über den Indischen Ozean. Die Ausläufer reichten bis an die afrikanische Küste. Nahezu 90 Prozent der Tsunamis werden von Erdbeben verursacht, der Rest entsteht durch die plötzliche Verdrängung großer Wassermassen, wie sie etwa bei einem Ausbruch eines Supervulkans.

Die kurze Distanz zwischen Santorin und Kreta ist für einen Tsunami keine Hürde. Um die Höhe der Woge aus der Bronzezeit einzuschätzen, ziehen die Experten Vergleichsdaten vom Krakatau heran. Sein Ausbruch steht mit 6 auf dem VEI. Der einstürzende Krater türmte einen Tsunami von mehr als 30 Meter auf. Die minoische Eruption wütete mit einem Wert von 7 - also zehn Mal stärker als das indonesische Beispiel. Exakt berechnen lässt sich die Wasserwand von Thera nicht mehr. Aber sie muss das Krakatau-Ausmaß erreicht, wenn nicht gar weit übertroffen haben.

Galeeren zerbrechen wie Nussschalen

Bestimmt aber zog die Flutwelle über das Mittelmeer bis nach Ägypten und in den Vorderen Orient. Da Kreta direkt in der Gefahrenzone lag, gehen die Forscher davon aus, dass die Insel auf keinen Fall verschont blieb. Für die stolze Flotte der minoischen Handelsmacht womöglich das plötzliche Ende. Die Frage ist, wie viele Schiffe zu der Zeit auf See waren und wie viele am Ufer lagen. Auf dem offenem Meer nämlich haben Schiffe in der Regel die Chance, die Riesenwelle zu durchreiten. Ankern sie aber vor der Küste, zerbrechen selbst stattliche Galeeren wie Nussschalen.

Die wissenschaftliche Diskussion um den Untergang der Minoer hält seit Generationen an. Datiert wird er um 1450 vor Christus, das heißt 200 Jahre nach dem Ausbruch von Thera. Obwohl Archäologen beide Ereignisse von Anfang an in Zusammenhang brachten, fehlen bis heute entsprechende Funde. Unumstritten ist nur, dass die Umweltfolgen des Desasters den allmählichen Niedergang der blühenden Kultur in der Ägäis einleiteten. Doch damit nicht genug. Das Großereignis blieb im Gedächtnis der Menschen und lieferte den Stoff für Legenden. Nicht nur für die Sage von Atlantis, auch für die biblischen Plagen soll das Unheil das historische Vorbild gewesen sein.

Computergrafik geteiltes Meer

Wundersame Teilung

Gott Jahwe entfesselte die Natur, weil der ägyptische Pharao die Israeliten nicht ziehen ließ. Der gewaltige Tsunami, so heißt es, führte zur wundersamen Teilung des Meeres und verschluckte die Truppen der hartnäckigen Verfolger. Der Ausbruch mit seiner gigantischen Aschewolke bescherte Feuerregen, Donner und tagelange Finsternis. Sie soll so dicht gewesen sein, dass niemand den anderen mehr sah.

Das Alte Testament als Tatsachenbericht - eine Spekulation, der Naturwissenschaftler skeptisch gegenüber stehen. Für sie zählen allein die Fakten. Mit Hilfe der Unterwasser-Kampagne vor Santorin können die Geologen nachweisen, dass die Auswirkungen der Explosion schlimmer ausfielen als vermutet. Die Resultate stützen die These, dass die Menschen im Altertum sowohl von pyroklastischen Strömen als auch von Killerwellen heimgesucht wurden. Und eine Zivilisation deshalb vielleicht sogar zugrunde ging.

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