Üben für die Katastrophe

Im Ernstfall sind Hochhäuser sicherer als kleine Häuser

Die Erinnerung an da schwere Beben von 1923 hat die Stadtherren lange davon abgehalten Hochhäuser zu bauen. Doch Tokio ist eine der am schnellsten wachsenden Metropolen der Welt. Der einzige Ausweg ist die Flucht nach oben. Was erwartet die Menschen in den obersten Stockwerken eines Hochhauses bei einem Beben? Wie bereiten sie sich auf den Ernstfall vor?

Erdbebenübung in Tokio Quelle: ZDF

Von einem "starken Beben" wurde Tokio in den vergangenen Jahrzehnten verschont. 1966 entstand der erste Wolkenkratzer. In der Folge wurden ganze Stadtbezirke abgerissen und neu aufgebaut. Heute ragen Hochhäuser wie das Mori-Gebäude bis zu 250 Meter in den Himmel. Beengt In einem Großraumbüro eines Hochhauses zu arbeiten ist vollkommen normal in Tokio. Auch wenn Häuser als "erdbebensicher" eingestuft sind, heißt das nicht, dass man wirklich sicher ist. Denn schon bei kleineren Erdbewegungen werden Einrichtungsgegenstände zu Geschossen.

Erdbebensicheres Bauen

Nirgendwo auf der Welt wird so viel Geld in erdbebensicheres Bauen gesteckt, wie in Japan. Damit die Erdschwingungen nicht auf das Gebäude übertragen werden, wird das Bauwerk vom Untergrund abgetrennt. Dabei setzen die Ingenieure auf stoßdämpfende Gummilager und Stahlfedern. Das Beben kommt aus der Tiefe und die Dämpfer fangen die Erschütterungen auf - das Haus wackelt zwar, verformt sich aber nicht.

Erdbebenabsicherung Hochhäuser Quelle: ZDF

Kritisch sind im Katastrophenfall die Fahrstühle: Die Verantwortlichen versichern, dass beim nächsten Stockwerk sofort alle anhalten und die Menschen die Fahrstühle verlassen können. Aber in der Praxis kann das anders aussehen. Am 23. Juli 2005 reicht ein mittelstarkes Beben aus, um Chaos zu verursachen. Im Mori-Hochhaus stoppen fast alle Aufzüge wie vorgesehen. Doch einer von ihnen steckt fest - ein Stahlseil hat sich verklemmt. Sechs Menschen können erst nach Stunden befreit werden. In ganz Tokio gibt es 60.000 Fahrstühle. Und in 78 Fällen mussten Menschen daraus befreit werden, weil sie stecken geblieben waren. Das sind zwar nur ein Promille der Fälle, aber im Falle einer Katastrophe sind gleich mehrere Tausend Menschen in den oberen Stockwerken gefangen.

Lebensnahe Simulation

Jahr für Jahr finden in Tokio die aufwändigsten Erdbebenübungen des Landes statt. Eine lebensnahe Simulation der Katastrophe. Hunderte von Helfer sind im Einsatz. Sie retten Verschüttete und befreien Menschen aus ihren Autos. So ziemlich jede Hilfsmaßnahme wird simuliert. Jeder muss mitmachen, sogar die Kleinsten helfen beim Feuer löschen. Jedes Jahr am 1. September wird des großen Bebens von 1923 gedacht. Es ist Desaster Tag in Tokio. Die Übungen sind hilfreich, aber der Ernstfall sieht meist ganz anders aus. 2001 gab es im Süden Japans ein Beben, da flohen die Menschen voller Angst auf die Straße und wurden dort von Trümmern erschlagen. Richtiger wäre es möglicherweise gewesen im Haus zu bleiben, doch das kann man vorher nicht wissen. Damals kamen 300 Menschen zu schweren Schäden und zwei starben. Das war nicht in Tokio, sondern ein relativ unbewohnter Teil Südjapans.

Erbebentest mit einstöckigen Wohnhäusern Quelle: ZDF

Im Katastrophenfall sind einzelne menschliche Reaktionen kaum vorhersagbar. Auch die individuell erbauten Einfamilienhäuser lassen sich nur schwer kontrollieren. Aber auch hier sind die Tests der Japaner vorbildlich: Vor allem kleinere Gebäude sind sehr gefährdet. Für mehrstöckige Häuser gibt es höhere Erdbebenstandards. Stahlverstärkungen halten die Betonpfeiler stabil, aber auch hier gibt es Grenzen. Doch die kleineren Häuser bilden den größten Teil der Stadtlandschaft und nur die wenigsten haben hier das Geld, ihr Haus nach den neuesten Erdbebenstandards umbauen zu lassen.

Gefahr durch Feuer

Die Gefahren in den alten Stadtbezirken wie Arakawa sind besonders groß. Hohe Bevölkerungsdichte und enge Bebauung lassen die Straßen im Ernstfall zur Falle werden. Autofahrer haben schon zu ganz normalen Tageszeiten Probleme durchzukommen. Für Feuerwehrwagen wird es noch schwerer, das ist eines der größten Probleme, denn bei einem Beben werden sehr viel Feuer zur gleichen Zeit ausbrechen. Ein Feuer kann schnell ganze Stadtteile verschlingen. Verstärkte Feuerschutzwände sind Sicherheitsmaßnahmen, die beruhigen, aber kaum Schutz bieten. Aus diesem Grund sieht man auch auf den Gefährdungskarten viele Stadtbezirke mit hohem Risiko, so dicht aneinander. Allein in den Stadtbezirken mit "hohem Risiko" leben mehr als zwei Millionen Menschen. Hier trifft es die Bevölkerung besonders hart. Für die im Katastrophenfall Verantwortlichen eine Herausforderung.

Karte Risikogebiete in Tokio Quelle: ZDF

Vom Rathaus aus sollen die Hilfsaktionen koordiniert werden. Wird das Gebäude selbst beschädigt, steht ein zweites Krisenzentrum bereit. Die Katastrophenmanager der Stadt dürfen sich nie weiter als 30 Minuten von ihrem Büro entfernen. Die 34 Mitarbeiter der Anti-Desaster Spezialeinheit wohnen in eigens von der Stadtregierung angemieteten Häusern. Wenn die Erde bebt, sind sie die ersten, die ins Krisenzentrum kommen müssen. Das ist einer der Gründe, warum sie das ganze Jahr von ihren Familien getrennt leben müssen.

Unterirdische Rettungswege

Im Ernstfall könnten 30 Millionen Menschen betroffen sein, mehr als sonst wo auf der Welt. Wann ein Beben entsteht und wie lange es dauert kann niemand vorhersagen. Beim letzten großen Beben 1923 hat die Erde vier Minuten gebebt. Das Ausmaß der Schäden ist nicht wirklich vorhersehbar. Es hängt von vielen Faktoren ab, vor allen Dingen natürlich von der Tageszeit. Tagsüber ist das Verkehrsaufkommen drei- bis fünfmal so hoch. Dazu kommt die Rush Hour, das Chaos wäre vorprogrammiert. Abhilfe erhofft man sich mit einem Tunnelbauprogramm. Neben den regulären U-Bahn Tunneln hat Tokio in den letzten Jahren ein System von Versorgungsröhren für Wasser, Strom und Gas gebaut. Es ist mehr als 100 Kilometer lang. Im Notfall könnten zahlreiche Rettungscrews hier ihren Weg durch die Stadt nehmen, um auch in oberirdisch unzugängliche Gebiete vorzudringen.

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