Über den Mythos vom Priesterkönig

Ein Interview mit dem Historiker Prof. Dr. Dr. Ulrich Knefelkamp

Der Mythos vom Priesterkönig gründet auf einem geheimnisvollen Brief, der vom Presbyter Johannes geschrieben sein sollte. Johannes schilderte darin das Reich und die Reichtümer des Königs in den leuchtendsten Farben: Gold im Überfluss solle es dort geben und ewige Jugend, Hundsköpfige sowie Amazonen, Faune und Riesen. Weshalb glaubten die Menschen des Mittelalters an diese phantastischen Schilderungen? Der Historiker Prof. Dr. Dr. Ulrich Knefelkamp klärt auf und berichtet über mittelalterliche Weltbilder, päpstliches Profitdenken und seine eigene Theorie über den Verfasser des außergewöhnlichen Briefes.

Handschriftlicher Brief Quelle: ZDF


ZDFonline: Der Brief des Priesterkönigs enthält Phantastisches, ja Unglaubliches. Warum nahmen ihn die Menschen für bare Münze?


Prof. Dr. Dr. Ulrich Knefelkamp
: Das hängt mit dem Weltbild der Europäer zusammen. Man platzierte alles Gefährliche, Ungeheuerliche und Wunderliche an den Rand der Welt. Ein Beispiel dafür sind die berühmten mittelalterlichen Karten (mappae mundi), die ja nicht die reale Welt, sondern das Weltbild der drei damals bekannten Kontinente Europa, Asien und Afrika zeigten. Da tauchen eben Menschen ohne Kopf oder mit Hundekopf auf. Einäugige, Amazonen, die Endzeitvölker Gog und Magog und andere Wesen.


Diese wurden nach Afrika oder, wie das Paradies, an den Ostrand der Erde gedacht. Direkt vor dieser Region lag das wunderbare Indien, das von Alexander dem Großen und seinen Gefährten bereist und beschrieben worden war. Das europäische Publikum erwartete also die phantastischen und unglaublichen Zustände und Wesen, die der Brief beinhaltete.


ZDFonline: Womit sollte die Glaubwürdigkeit des Briefes untermauert werden?


Knefelkamp: So kurios es sich anhört, gerade mit dem Unglaublichen und Phantastischen legitimierte man sich als ein Herrscher nahe des Paradieses am östlichen Ende der Welt.

Dazu kamen viele Anlehnungen an die Bibel und die christliche Symbolik. Der Verfasser nannte sich zum Beispiel "Herr der Herrschenden", wie Christus, und trug den Namen seines Lieblingsjüngers Johannes. Auch beherrschte er "72 Völker" - diejenigen, die nach dem Turmbau zu Babel zur Strafe zerstreut wurden und zu denen Christus 72 Jünger aussandte (Lukas 10,1).


ZDFonline: Der Brief beschreibt ein Paradies - ein sehr weltliches für einen christlichen Autor...


Knefelkamp: Hier zeigt sich, dass es sich um einen gebildeten Autor handeln muss, der nicht nur christliche, sondern auch antike Werke kannte. Ich stelle mir daher einen Kleriker vor - nur sie waren entsprechend gebildet -, der in einer gut ausgestatteten Klosterbibliothek im schwäbisch-fränkischen Herrschaftsgebiet der Staufer sitzt und diesen Brief verfasst.

So entsteht das Bild eines Idealstaates, wie ihn sich die Griechen zum Beispiel durch Platons Schriften erträumten und wie ihn die Christen durch die Schöpfungsgeschichte und die Apokalypse beziehungsweise Offenbarung weiterdachten: das immerwährende, himmlische Jerusalem als Paradies, nach dem Jüngsten Gericht und dem Untergang der sündigen Welt.

Das Paradies des Priesterkönigs Quelle: ,ZDF


ZDFonline: Auch in der Neuzeit blieb der Mythos ungebrochen. Wieso?


Knefelkamp: Hier kann man ganz konkret die Portugiesen als Vorreiter benennen. Heinrich der Seefahrer hatte seine Kapitäne beauftragt, bei ihrer Suche nach der Route um Afrika zu den Gewürzen Indiens nach dem Priester Johannes Ausschau zu halten. Er plante, mit dem mächtigen christlichen Herrscher, der ja inzwischen nach Äthiopien verschoben worden war - real also als Kaiser von Äthiopien existierte -, ein Bündnis gegen den Islam. Konkret wollte er mit ihm das Rote Meer erobern sowie mit Alexandria den Sammelpunkt der Gewürz-Handelsrouten und Cairo das Machtzentrum des Islam in seine Gewalt bringen.

Erst 1520 kam eine portugiesische Gesandtschaft wieder aus Äthiopiens Hauptstadt zurück. Francisco Álvares Buch darüber, der "Wahrhafte Bericht über den Priester Johannes" von 1540, wurde ein großer Erfolg. Denn der Kaplan des portugiesischen Königs informierte die Portugiesen und den Papst sehr detailliert über den regierenden Priester Johannes und sein Reich. Obwohl nun einige Mythen erledigt waren, sah man das Reich immer noch als wichtigen strategischen Partner. Außerdem wollte der Papst die Unterstellung dieser christlichen Kirche unter seine Macht erreichen. Also schickte man vom neuen portugiesischen Vizekönigreich Indien aus immer wieder Missionare und Truppen ins Land. Erst 1640 erlosch nach dem gewaltsamen Tod der letzen Missionare das Interesse. Motive für das lange Überleben der Legende bis dahin lagen im Bereich von Macht und Profit in Wirtschafts- und Kirchenpolitik.


ZDFonline: Will der Mensch betrogen werden?


Knefelkamp: Wenn man sich diese Frage in Verbindung zu den Mythen stellt, dann muss man klar sagen, es geht hier um die Erfüllung menschlicher Bedürfnisse. Mythen sind von Menschen geschaffen, um sich eine Welt zu erschaffen, in der alles erklärt ist. Ist das Betrug? Das am meisten geschriebene und gedruckte Buch des Mittelalters nach der Bibel waren die Geschichten von Jean de Mandeville. Dieser berichtete viele unglaubliche Geschichten von seinen Reisen durch die Welt, obwohl er zu Hause im Kämmerlein saß.

Zu den am meisten gelesenen Autoren der Welt zählt wohl immer noch Karl May, der auf ähnliche Weise die Bedürfnisse nach edlen Helden und Gerechtigkeit bediente. Auch hier wird eine Welt konstruiert, in der alles in Ordnung ist. Das trifft heute für viele Bereiche der modernen Medienvielfalt zu, die so ein menschliches Grundbedürfnis bedienen.

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