Überwachung auf Schritt und Tritt

Wird "2057" wie "1984"?

Der ZDF-Dreiteiler "2057- Unser Leben in der Zukunft" zeigt: Die Zukunft könnte uns einiges an Überwachung bringen: Krankenversicherungen sind an Auflagen für einen gesunden Lebensstil gebunden, Toiletten messen Alkohol und Blutzuckerspiegel, Paul und sein Großvater werden in der Öffentlichkeit nahtlos von Kameras erfasst. Das hört sich nach Science-Fiction an, ist es aber zu großen Teilen nicht mehr. Wird 2057 wie Orwell's "1984"?

"1984", der berühmte Roman des Briten George Orwell entstand 1948 unter dem Eindruck von Faschismus und Stalinismus in Europa. Sein "Big Brother" wurde zum Synonym eines allwissenden Überwachungsstaats. Ironie des Schicksals: Ausgerechnet 1984 war das Jahr, in dem die damalige konservative britische Regierung unter Margret Thatcher 145 Kameras eines Verkehrskontrollsystems erstmals zur Beobachtung von Demonstrationen einsetzte.

Dauerüberwachung als Staatsdoktrin

Die Büchse der Pandora war geöffnet. Nach offiziellen Angaben waren Anfang 2007 bereits über vier Millionen Kameras auf die britischen Bürger gerichtet. Das sind mehr als in der gesamten übrigen Europäischen Union. Selbst in Provinzstädten wird jeder Brite an die 100 Mal am Tag von einer Kamera erfasst, in London sind es gar rund 300 elektronische Augen, deren Blickfeld jeder Einwohner täglich passiert. Die Dauerüberwachung wurde quasi zur Staatsdoktrin erklärt und das ausgerechnet im Mutterland der modernen Demokratie.

Fügt man noch eine Portion der technischen Möglichkeiten aus den amerikanischen Serien "24" oder "Raumschiff Enterprise" hinzu, Paul und sein Großvater hätten im zweiten Teil von "2057" wohl keine Chance zu entkommen. Lückenlose Satellitenüberwachung, Kameras an allen öffentlichen Orten, punktgenaue Ortung von Handys oder implantierten Funkchips gäben jederzeit den genauen Aufenthaltsort preis.

Standardrepertoire

Davon ist das Deutschland des Jahres 2007 noch ein gutes Stück entfernt, doch auch hier wachsen die Begehrlichkeiten: "Bundestrojaner" sollen Computer ausspionieren, Reisepässe und Eintrittskarten sind auf ein Dutzend Meter auslesbar, Telefon- und Internetüberwachung oder Handyortung gehören, genau wie genetische Fingerabdrücke, längst zum Standardrepertoire der Ermittlungsbehörden. Meist im Zusammenhang mit spektakulären Verbrechen kommen regelmäßig weitere Forderungen aus der Politik.

So dürfen zum Beispiel die Daten des Autobahnmautsystems "Toll Collect" bisher nicht zur Strafverfolgung genutzt werden. Eine Einschränkung, die immer wieder in Frage gestellt wird, gerade dann, wenn, wie zuletzt, Fernfahrer als Tatverdächtige in Mordfällen gelten. Eine technische Hürde gibt es dafür nicht: Die Kameras des Systems erfassen bereits heute jedes Kennzeichen, egal ob LKW oder PKW. So sagte der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar vor kurzem in einem Fernsehinterview, dass bereits heute alle Möglichkeiten zu einer lückenlosen Totalüberwachung der Bürger gegeben seien, die Frage sei vielmehr, wie weit der Staat dabei ginge.

Potenzielle Missbrauchsmöglichkeiten

Ernsthaften Widerstand aus der Bevölkerung scheint es jedenfalls nicht zu geben. Im Gegenteil, man gewinnt fast den Eindruck, die Menschen verzichteten mit Freude auf ihre privaten Daten, wenn es dabei nur irgendetwas zu sparen oder gewinnen gibt oder es einfach nur bequem ist. Bereits heute sind dank elektronischen Zahlungsverkehrs und Rabattkarten wie "Payback" die Konsumvorlieben des Einzelnen bis in die Details transparent.

In Zukunft entstehen weitere potenzielle Missbrauchsmöglichkeiten, wenn RFID-Chips großflächig Einzug in den Supermärkten halten. Schön, wenn der Einkaufswagen jederzeit den aktuellen Warenwert anzeigt und daran erinnert, die Kaffeefilter nicht zu vergessen. Weniger schön könnte allerdings sein, wenn vom Supermarktleiter bis zum Sachbearbeiter der Kredikartenfirma oder Krankenkasse jeder weiß, dass Sie diese Woche die dritte Flasche Alkohol kaufen und, wie es in "2057" anklingt, damit der Rabatt der Krankenversicherung flöten geht. Und wehe, sie wollen die bevorzugte Marke wechseln.

Andere Lösung

Zukunftsforscher Matthias Horx Quelle: Klaus Vyhnalek

Zugegeben, das ist pessimistische Science-Fiction. Dennoch darf man fragen, wie weit in einer Demokratie überwacht werden darf. Begründungen gibt es schließlich viele: Angst vor terroristischen Anschlägen, die gefühlte Zunahme an Kindesmissbrauch, Gewalt am Rande von Großveranstaltungen und vieles mehr. Werden Überwachungsmaßnahmen hinterfragt, kommen meist immer dieselben Argumente: "Nur die Kriminellen und Terroristen sind dagegen.", "Wer sich nichts zuschulden kommen lässt, hat auch nichts zu befürchten" oder "Besser als einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen". Bisher ist das Vertrauen in die demokratischen Institutionen offenbar groß genug, doch was geschieht, wenn die Demokratie schleichend abgeschafft wird, Politiker ihre Macht ausweiten und Gesetze erlassen, die sie dabei absichern?


Die gesellschaftliche Diskussion zu diesem Thema steht uns sicher noch bevor. Und vielleicht wendet sich ja alles zum Guten, wie der renommierte Zukunftsforscher Matthias Horx glaubt. Im Interview zu "2057" ist er überzeugt: "In 50 Jahren werden wir hoffentlich nicht mehr in einem so hysterischen Umfeld leben müssen, wie heute, in den Zeiten des Terrorismus. Auch die Gesundheitsfrage werden wir anders lösen müssen und können als durch ständige Überwachung."

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