Und die Bibel hat doch Recht

Das Buch der Bücher trägt zum Verständnis unserer westeuropäischen Kultur bei

Die Bibel hat unsere westeuropäische Kultur mehr geprägt als jedes andere Buch. Wollen wir unsere eigenen Wurzeln richtig verstehen, müssen wir auch die Forschung zur Bibel und zur Archäologie in den biblischen Ländern wahrnehmen. Das ist eine immer wieder neue Herausforderung, denn wir lernen jedes Jahr dank neuer Funde dazu, wie unsere eigenen Wurzeln einst ausgesehen haben.

"Und die Bibel hat doch Recht!". So lautet der Titel eines inzwischen zum Klassiker gewordenen Buches von W. Keller. Mitte des vorigen Jahrhunderts war man davon überzeugt, dass archäologische Funde die biblischen Erzählungen bestätigen und damit im wahrsten Sinne des Wortes glaubwürdig machen. Wohl in keinem anderen Land der Welt gibt es inzwischen ein so engmaschiges Netz von Ausgrabungen wie in Israel. Jedes Jahr finden auf dem kleinen Staatsgebiet Israels rund 300 Ausgrabungen statt, die meisten Rettungsgrabungen der Antikenverwaltung, aber auch viele Grabungen israelischer und internationaler Universitäten.

Zeitversetzte Berichterstattung

Prof. Dr. Wolfgang Zwickel
Wolfgang Zwickel, Professor für Altes Testament und Biblische Archäologie Quelle: Ifage

Dank dieser intensiven Ausgrabungstätigkeit steigt unser Wissen über die Lebenswelten von der Steinzeit bis zur Gegenwart ständig an. Mit Hilfe der Funde und Befunde lässt sich heute ein ganz eigenes Bild der Kulturgeschichte des Landes zeichnen, das immer wieder um überraschende Funde ergänzt wird. Und dieses Bild ist vielfältiger und vielgestaltiger als das der biblischen Texte und bietet oft ein völlig anderes Bild, als man es vielleicht dank der Texte erwarten könnte! Dies ist nicht verwunderlich. Die biblischen Geschichtstexte wurden in ihrer heutigen Form in der Regel nicht unmittelbar nach den berichteten Ereignissen verfasst, sondern in einem Abstand von teilweise mehreren Jahrhunderten.

Die Verfasser der Texte hatten eine bestimmte Aussageabsicht, mit der sie ihre Adressaten erreichen wollten. Eine Person wie David sollte beispielsweise in jüngeren Texten als Gründervater des judäischen Königtums verherrlicht werden. Aus Texten, aber auch aus archäologischen Funden wissen wir jedoch, dass seine Zeit noch keine kulturelle Blütezeit war, und dass David kein durchweg freundlicher König war, sondern ein raffiniertes, aber auch mit Autorität ausgestattetes Schlitzohr. Andererseits wurde dank der Archäologie auch deutlich, dass der Glaube an den monotheistischen Gott Jahwe nicht der Ursprung Israels und Judas war, sondern ein Endstadium, das sich über viele Jahrhunderte hinweg entwickelt hat.

Entstehung der Texte mit berücksichtigen

Archäologie und historisch-kritische Exegese haben in den letzten gut 100 Jahren viele grundlegende Einsichten in die Entstehungsgeschichte des Landes geschaffen. Inzwischen haben wir auch gelernt, nicht vorschnell archäologische Befunde auf biblische Texte zu beziehen, wie das in W. Kellers Zeiten noch üblich war. Texte haben ihre eigene Entwicklungsgeschichte, ihre Aussageabsicht, ihr Publikum, das sie mit dem Erzählen einer Geschichte erreichen wollen. All das muss berücksichtigt werden.

Und auch archäologische Funde haben ihre Vorgeschichte, die jeweils mitberücksichtigt werden muss. Bildmotive entwickelten sich beispielsweise über Jahrhunderte und müssen erst einmal mit rein archäologischen Methoden untersucht werden, bevor man sie vorschnell mit einem biblischen Text verbindet. Mit archäologischen Methoden gewinnt man ein eigenständiges und inzwischen sehr differenziertes Bild von der Welt im Vorderen Orient, das dem biblischen Text dann an die Seite gestellt werden muss.

Archäologische Fakten heranziehen

Eine Geschichte Israels, aber auch eine Religionsgeschichte der alt- und neutestamentlichen Zeit lässt sich heute nicht mehr ohne die ständige Heranziehung von archäologischen Fakten schreiben. Viele Dinge können und wollen Texte gar nicht übermitteln. Die Siedlungsgeschichte einer Region, die Größe der einzelnen Orte, die Siedlungsdichte, die landwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und damit die wirtschaftlichen Möglichkeiten, aber auch die Handelsbeziehungen und Außenkontakte bzw. die kulturellen Prägungen einer Region stehen nicht im Zentrum der Textüberlieferung.

Sie sind aber grundlegend wichtig, um die jeweilige Zeitepoche verstehen zu können. Sie bilden unter Umständen den Hintergrund, auf dem ein biblischer Text erst neu und adäquat zu verstehen ist. Die eigenständige Erarbeitung dieses historischen und kulturellen Rahmens schafft damit die Möglichkeit, die biblische Überlieferung eher mit den Augen eines Zeitgenossen des Verfassers zu verstehen, als uns das sonst mit einem Abstand von 2000-3000 Jahren und einer Distanz von fast 4000 Kilometern möglich ist.

Biblische Lebenswelt erfassen

Die Faszination der archäologischen Arbeit in den biblischen Ländern liegt damit nicht mehr in der Bestätigung biblischer Aussagen. Die Faszination liegt vielmehr darin, die biblische Lebenswelt und ihre Rahmenbedingungen zu erfassen. Und dies führt dann möglicherweise wiederum zu einem völlig neuen Verständnis der Bibeltexte, die auf dem Hintergrund ihrer Zeitgeschichte und nicht so sehr mit den Augen eines modernen Lesers gesehen werden.

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