"Und wieder kein Wochenende" - Teil 2

Fortsetzung des Drehberichts von Klaus Feichtenberger

Stefano Pancaldi, einer der besten Kameraleute Italiens, wird in ein paar Wochen ein römisches Naturschauspiel drehen: Drei Millionen Stare werden wie jeden Spätherbst die Stadt heimsuchen und für dramatische Aktionen auf Roms Straßen sorgen. Den Startschuss für den Dreh werden die Zoologen der Stadtverwaltung geben.

Sonntag: Flug Rom-Malaga, am Abend Treffen mit Kameramann John Brown, der direkt aus London anreist. Briefing im Auto auf dem Weg nach Almeria, zum "Mar del Plastico", einer 100 Quadratkilometer großen, außerirdisch wirkenden Plastiklandschaft. Darunter wächst ein Großteil der Tomaten, Gurken und Paprikas, die Europas Bevölkerung täglich verzehrt. Gute Kamerapositionen sind schwer zu finden, Kameraflüge fast das ganze Jahr über wegen heftiger Turbulenzen fast unmöglich. Hier ist zunächst nur ein Zweierteam nötig, der Regisseur ist zugleich Kamerassistent. Siesta bleibt unerfüllte Sehnsucht. Nach zwei Tagen und mehr als tausend Autokilometern reist der Kameramann ab.

Bewässerungskünstler des Altertums

Ich bleibe da, um eine weitere historische Rekonstruktion vorzubereiten: Maurische Bauern des Mittelalters verwandeln mit ihrer aus dem Hohen Atlas mitgebrachten Bewässerungstechnik die Hänge der Sierra Nevada in eine Terrassenlandschaft. Ich muss marokkanische Schauspieler finden und ein malerisch gelegenes Feld, das noch mit alter maurischer Technik bewässert wird. Zwei hektische Tage später habe ich einen solchen Platz gefunden - magisch, zeitlos, ein Paradiesgarten mitten in der Felswüste der Sierra Contraviesa, seit einem halben Jahrhundert täglich von einem mittlerweile alten Bauern betreut, der mich in anderthalb Stunden auf kaum erkennbaren Ziegenpfaden hinführt. Aber dieser Dreh muss noch warten.


Denn die Vorbereitungen für einen Zweiwochenblock in Ungarn sind am Wochenende abgeschlossen. Wochenende? Es ist schon wieder Sonntag: Reisetag Malaga - Wien, früh am nächsten Morgen Autofahrt nach Budapest. Das Programm für die zwei Ungarn-Wochen: Gladiatorenkampf mit Bär in einer eigens gebauten Arena, marschierende Römerkohorten, Bärenfang und Tiertransport in der Römerzeit, die Pest im Mittelalter, Wölfe verfolgen eine Rinderherde, Jäger und Sammler der mittleren Steinzeit fischen und jagen an der Theiß. Und so fort.

Keine Zeit für Pausen

Für diesen Intensivblock werden nicht nur zwei Kameraleute aus England eingeflogen, sondern auch Compositing-Spezialist Dave Corfield, der gleich seinen mobilen Schnittplatz mitbringt und Gruppen von 20 Statisten zu einer vollbesetzten Arena und zu einer ganzen marschierenden römischen Legion zusammenmontiert. Bei etlichen dieser Drehs sind 50 Leute zugleich auf dem Set - abgesehen von der Kameracrew und den Schauspielern etliche Tiertrainer, Kranfahrer, Pyrotechniker, Beleuchter, ein Tier- und ein Humanmediziner. Auf einem Nebenschauplatz dreht ein kleineres Team eine Wolfsfamilie, die ein verfallenes Bauernhaus bewohnt. Ein solcher Drehplan bedeutet für alle Beteiligten zwei Wochen Durcharbeiten, kaum Schlaf und kein Wochenende. Aber den Leuten scheint es Spaß zu machen. An 250 von 600 Drehtagen war ich persönlich beteiligt und habe keine einzige Äußerung des Unmuts oder der Unfreundlichkeit gehört. Im Gegenteil - die Stimmung war mitreißend.


Irgendwann gab es dann doch eine Drehpause. Für die Regisseure bedeutete das, den nächsten Flug nach Bristol zu nehmen und sich mit den Grafikern, Tonleuten, Set-Designern, Storyboard-Zeichnern und Musikern zu besprechen, die am anderen Ende desselben Produkts arbeiten. Satellitensichten auf den Kontinent, erdgeschichtliche Globen, die Europa im Jura oder 200 Millionen Jahren in der Zukunft zeigen, detailliert konstruierte Landschaften der fernen Vergangenheit, graphische Übergänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart oder Zukunftsszenarien wie Paris unter Sanddünen, London unter Wasser oder Berlin am Rand eines neuen Eisschildes - erfordern Hunderte Stunden gemeinsamer Planung.

Naturgewalten erlebbar machen

Die zugleich realistisch anmutenden und doch plakativ deutlichen Globen dieser Serie sind aus bis zu 30 graphischen Schichten aufgebaut. Bis ein ausgetrocknetes Mittelmeer, ein berstender Damm bei Gibraltar und der größte Wasserfall der Erdgeschichte für den Zuseher genauso erlebbar werden wie dokumentarische Gegenwartsbilder, ist es ein langer Weg über unzählige Entwürfe.


Mittlerweile drängt Komponist Barnaby Taylor auf einen baldigen Termin, um mit den Regisseuren seine jüngsten Tonskizzen anzuhören, die nächsten Szeneninhalte zu besprechen und Instrumentierungen festzulegen. Diese Woche ist leider voll, die gehört schon den Grafikern. Nächste Woche drehen wir schon wieder. Aber da ist ja noch ein Wochenende.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet