Unerhörte "Delikte"

Leonardo wird der Homosexualität bezichtigt, auch die Sektion von Leichen stößt auf Unverständnis

Leonardo arbeitet von Sonnenaufgang bis zum Einbruch der Nacht, auch in seinem Atelier zwischen Mahlzeiten und den Fragen seiner Schüler. Doch das einzigartige Genie führt auch ein Leben im Schatten. Seine homosexuellen Neigungen gibt er nicht preis, das Sezieren von Leichen für wissenschaftliche Zwecke muss er lange geheim halten.

Aufzeichnungen da Vincis von inneren Organen des Menschen
Aufzeichnungen da Vincis von inneren Organen des Menschen Quelle: ZDF

Nie hat Leonardo da Vinci auf den Tausenden Seiten seiner Schriften über heimliche Wünsche, Glück und Unglück gesprochen oder private Vorlieben preisgegeben. Möglicherweise will er sich vor Verfolgung schützen, denn im April 1476 wird er von einem anonymen Denunzianten bei den Stadtbehörden angezeigt. Neben drei anderen Namen, nennt die Akte auch einen Leonardi di Ser Piero da Vinci als Freund und Kunden des jungen Homosexuellen Jacopo Saltarelli. Eine beglaubigte Abschrift der Denunziation befindet sich in den Archiven der "Offiziere der Nacht und Wächter über die Moral der Klöster", einer Art Florentiner Sittenpolizei. Ein damals lebensgefährlicher Vorwurf mit oft tödlichen Konsequenzen.

Akzeptierte Homosexualität

da Vinci mit Schüler (Spielszene)
da Vinci mit Schüler (Spielszene) Quelle: ZDF

Das Verfahren gegen die vier Männer wird mangels Beweisen eingestellt. Doch immer wieder gibt es Gerüchte um das Verhältnis Leonardos zu seinen Schülern. In seinem Atelier umgibt er sich mit schönen jungen Männern. Vor allem sein Mailänder Lieblingsschüler Giacomo Caprotti, genannt Salai, scheint ihn zu faszinieren, obwohl er ihn in seinen Aufzeichnungen doch als Nichtsnutz bezeichnet. Ist Leonardo homosexuell - oder sieht er in dem Knaben nur einen Spiegel seiner eigenen Jugend? Leonardo heiratet nie, Frauen scheinen ihn nicht zu interessieren. Heute wird Leonardos Homosexualität weithin akzeptiert. Doch welche Konsequenzen hatten die Affären zu Leonardos Lebzeiten?

Ein letztes Tabu

Wandgemälde, vermutlich von Schülern da Vincis
Wandgemälde, vermutlich von Schülern da Vincis Quelle: ZDF

Einen weiteren Tabubruch begeht Leonardo in dunklen Kellerräumen. Im Florentiner Kloster Santissima Annunziata wurden bei Renovierungsarbeiten die Reste eines Wandgemäldes entdeckt. Der Historiker Roberto Maneschalchi ist davon überzeugt, dass die Reste eines Wandgemäldes von Leonardos Schülern hinterlassen wurden. Sie weisen den Weg zu seinem Atelier, indem er während seines zweiten Aufenthalts in Florenz mit seinen Schülern gearbeitet hat, um für Mönche ein Gemälde anzufertigen. Doch ebenso will er sich dort auch den verbotenen Wahrheiten der Natur widmen.

In den Kellern des Klosters soll Leonardo Leichen von Menschen seziert haben. Schon 1487 in Mailand soll er mit den Sektionen begonnen haben. Nur so, sagt er, könne der Künstler den menschlichen Körper verstehen - die Grundlage seiner Arbeit. Leonardo da Vinci überschreitet auch dieses letzte Tabu - in den Augen seiner Mitmenschen ein schwerer Frevel gegen Gott und seine Natur. Jahrzehnte später wird er dem überraschten Kardinal von Aragon erzählen, er habe mehr als 30 Leichen seziert. Es sei eine grauenhafte Arbeit gewesen, die wenige ertrügen. Die Ergebnisse der Untersuchungen aber habe er gewissenhaft in seinen Manuskripten festgehalten, um nichts zu vergessen und sein Wissen immer bei sich zu haben.

Leichnam zum Sezieren (Spielszene)
Leichnam zum Sezieren (Spielszene) Quelle: ZDF

Doch soll dieses Wissen, das er in seinen zahlreichen Manuskripten dokumentiert hat, geheim bleiben? Die Blätter sind dicht mit Text bedeckt und in fließender Schrift geschrieben. Selbst bei näherem Hinsehen sind diese Schriftzeichen nicht zu lesen. Doch einer Geheimschrift hat er sich nie bedient. Leonardo da Vinci schreibt mit der linken Hand, ganz mühelos in Spiegelschrift. Das hilft ihm, seine Zeilen nicht zu verwischen. Wahrscheinlich zeichnet und malt er mit beiden Händen. Aus seinem Wissen will er kein Geheimnis machen, auch wenn er es nur für sich notiert.

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