Unerreichbares Riesengewässer

Tief unter antarktischem Eis liegt ein gigantischer See

Die russische Forschungsstation Vostok ist die einzige Erhebung, so weit das Auge reicht. Hier, mitten in der Antarktis, ist die Eislandschaft vollkommen flach. Denn weit unter der Oberfläche schlummert ein See. Eines der größten stillen Gewässer der Erde, begraben unter einer vier Kilometer dicken Eisschicht: der Vostok-See.

Flache Eisfläche über dem Vostok-See Quelle: ZDF

Seit Millionen von Jahren schlummert der See unter dem Eis. Mit einer Fläche von 14.000 Quadratkilometern ist er 26 Mal so groß wie der Bodensee. Er ist vollkommen abgeschlossen und hat keine Verbindung zur Außenwelt. Deshalb vermuten Wissenschaftler in seinem unberührten Wasser Hinweise auf das Leben vor Millionen Jahren - oder gar die Entdeckung unbekannter Lebensformen. Vielleicht enthält der See Spuren aus einer Zeit, als die Antarktis noch nicht von Eis, sondern von Wäldern bedeckt war. Eingekapselt im ewigen Eis existiert möglicherweise eine Welt, die wir uns bislang nicht vorstellen können.

Bohrkerne aus dem Eis Quelle: Melanie Conner, National Science Foundation/NSF

Hinweise auf Leben schüren Erwartungen

Forscher haben bei Bohrungen in der dicken Eisschicht über dem See viele Bakterien und andere Mikrolebewesen entdeckt. Selbst in einer Tiefe von 3623 Metern. Das ist die tiefste Eisbohrung die bisher am See und überhaupt auf unserer Erde durchgeführt worden ist. Das Eis ist ungefähr 420.000 Jahre alt.

Aus dem Vostok-See selbst existiert bis heute keine Wasserprobe. Die Angst, bei der Entnahme das Wasser mit Stoffen aus unserer heutigen Umwelt zu kontaminieren, ist bislang einfach zu groß. Die Gefahr, die einzigartige Biologie des Sees durch eine einzige Kelle Wasser aus dem Gleichgewicht zu bringen, lässt die Forschungen stocken.

Satellitenaufnahme Vostok-See Quelle: NASA/Goddard Space Flight Center

Unentdeckte Welt unter Forschers Füßen

Dabei ist der See noch gar nicht allzu lange bekannt. Die über ihm liegende Forschungsstation ist nicht etwa nach dem See benannt, sondern umgekehrt. Bereits seit 1957 wird auf der Station geforscht, zum Beispiel wurde hier die niedrigste je auf der Erde gemessene Temperatur erfasst: -89,2 Grad Celsius. Der See weit unter den Füßen der Wissenschaftler wurde erst 1996 durch eine Aufnahme des europäischen Satelliten ERS-1 endgültig entdeckt.

Seitdem beschäftigen sich die Wissenschaftler auch mit der Frage, warum der See überhaupt existieren kann. Wie bleibt sein Süßwasser flüssig, wo doch ringsum nichts als Eis zu finden ist?

Computeranimation Vostok-See Quelle: ZDF

Und es gefriert doch!

Zur Erforschung des Vostok-Phänomens verwenden die Wissenschaftler - die vor allem aus Russland, Frankreich und den USA kommen - neben Eisproben auch Radar und das Satellitennavigationssystem GPS. Dabei haben sie eine interessante Entdeckung gemacht. Die unterste Eisschicht, die direkt über der Wasseroberfläche des Sees liegt, reflektiert den Radar anders als die vielen anderen Schichten darüber.

Diese Schicht muss anders entstanden sein als die Lagen, die sich durch Schneefall und Sedimentablagerungen gebildet haben. Die unterste Schicht entsteht ständig aus Seewasser, das beim Kontakt mit dem Eis gefriert. Weil der Gletscher über dem Vostok-See geringfügig wandert, zieht das Eisschild diese Schicht mit sich und trägt so einen Teil des Seewassers fort. Schätzungen zufolge wird durch diesen Prozess das Wasser des Sees alle 13.300 Jahre einmal vollständig ausgetauscht. Durch Bohrungen an einer anderen Stelle des Gletschers, die nicht (mehr) über dem Vostok-See liegt, könnte man theoretisch an indirekte Wasserproben aus dem See gelangen.

Woher kommt der Nachschub?

Woher der See sein neues Wasser bezieht, haben die Forscher allerdings bis heute nicht herausfinden können. Lange wurde vermutet, dass der See das gefrorene Wasser durch nachfliessendes Schmelzwasser ersetzt. Neuere Forschungen brachten aber keine verlässlichen Hinweise auf einen Schmelzwasserzufluss.


Gibt es im See tatsächlich Lebewesen, so würden sie unter extremen Bedingungen existieren. Ohne Licht, quasi ohne Nährstoffe und unter einem Druck, der mehr als 360 Mal so hoch ist wie auf Meeresniveau. Dafür ist das Wasser extrem sauerstoffreich.

Irdisches Ebenbild eines Jupitermondes

Die Frage, woher diese Lebewesen ihre Energie beziehen, ruft auch die Weltraumforschung auf den Plan. Denn die Umstände im Vostok-See sind denen auf dem Jupitermond Europa sehr ähnlich. Würde die Existenz von Leben in diesem lebensfeindlichen See bewiesen, so wäre dies auch ein Argument für mögliches Leben in Europa.

Zurzeit treten die Forschungen am Vostok-See allerdings auf der Stelle. Die Kontamination des Wassers zu verhindern, ist eine große Herausforderung für die Wissenschaftler. Mehrere Forscherteams arbeiten an Methoden zur Erforschung des Sees. Doch bislang gibt es keinen konkreten Plan. Sogar die NASA musste ihren Plan, ihre Europa-Sonden am Vostok-See zu testen, vorerst einfrieren. Denn eine Verunreinigung dieses einzigartigen Systems zu verhindern, muss oberste Priorität der Forschungen bleiben.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet