Ungeklärte Schuldfrage

Makel haftet immer noch am italienischen Kapitän

Das Unglück bestimmt die Schlagzeilen. Vor allem die Frage nach der Schuld bewegt die Öffentlichkeit. Die Reederei der "Andrea Doria" verpasst ihren Leuten einen Maulkorb. Ein strategischer Fehler.

Daraufhin kursieren in der Presse Fotos, die den italienischen Kapitän Calamai bei der Ankunft in New York wie einen Gefangenen zeigen.

Vier zentrale Fragen

Die Schweden hingegen sprechen mit den Journalisten und stellen ihre Version dar. Vor Gericht behaupten sie, die "Andrea Doria" sei aufgrund von Konstruktionsfehlern gesunken. Bei der ersten Anhörung geht es um vier zentrale Fragen: Rammte die "Stockholm" die "Andrea Doria" nach einem plötzlichen Manöver, wie die Italiener behaupten? Oder kreuzte die "Andrea Doria" regelwidrig den Weg der "Stockholm"?
Fuhren Piero Calamai und seine beiden Offiziere zu schnell, weil sie das Schiff auf dem Radar in sicherer Entfernung auf einer Parallelroute wähnten? Oder irrte doch der schwedische Offizier auf der "Stockholm"? Carstens hat für seine Angaben keinen Augenzeugen. Der heute 76-Jährige glaubt nach wie vor an die Schuld der Italiener. Der italienische Kapitän gerät als Hauptverdächtiger in die Mühlen der Justiz. Und das, obwohl Carstens nachweislich falsch aussagt.

Sieg für die Versicherungsgesellschaft

Was die Öffentlichkeit nicht wusste: Beide Schiffe waren bei Lloyds of London versichert. Für die Gesellschaft gab es nur einen Sieg - einen außergerichtlichen Vergleich zu erwirken. Sie wollte auf keinen Fall die geforderten 16 Millionen Dollar bezahlen, wie sie die Hinterbliebenen und Geschädigten eingeklagt hatten. Die Verantwortlichen kommen überein, die Anhörung abzubrechen und die Anspruchsteller mit sechs Millionen Dollar abzuspeisen.

Neue Erkenntnisse

An Piero Calamai aber haftet der Makel, auch wenn es kein offizielles Urteil gab. Der Italiener ist nie wieder zur See gefahren. Gunnar Nordenson, der Kapitän der "Stockholm", erhält sofort ein neues Kommando. Gegen ihn wurde nie ermittelt. Bei den vorherrschenden Wetterbedingungen aber hätte er die Brücke nicht allein seinem 3. Offizier überlassen dürfen.
Gründliche Untersuchungen an dem zehn Meter tiefen Riss im Rumpf der "Andrea Doria" haben nach Jahrzehnten ans Licht gebracht, was damals vor Gericht überhaupt nicht zur Sprache kam: Auch die "Stockholm" fuhr mit zu hoher Geschwindigkeit durch den Nebel. David Bright zieht Bilanz:

Seine unermüdliche Suche nach den Hintergründen der Katastrophe bezahlt David Bright mit dem Leben. Am 8. Juli 2006 stirbt er unmittelbar nach einem Tauchgang zur "Andrea Doria".
Ironie der Geschichte: Die "Stockholm" bringt auch heute noch Touristen zu Traumzielen rund um den Globus. Zunächst als "Italia Prima", dann als "Athena". Sie ist seit 60 Jahren unterwegs - ein Weltrekord.
Johan Carstens-Johanssen hat seine Karriere als Kapitän zur See beendet und lebt inzwischen lals Rentner wieder in seiner Heimat Schweden. Die Vergangenheit lässt er am liebsten ruhen.

Halbherzige Versprechungen

Piero Calamai steht nie wieder auf der Brücke eines Schiffes. Nach halbherzigen Versprechungen lässt ihn die Reederei fallen. Im März 1972 erhält er einen Brief von John Carrothers. Der Marine-Experte spricht ihn von jeder Schuld frei. Das Schreiben endet mit den Worten: "Seien Sie versichert, Kapitän Calamai, viele von uns wären mehr als bereit, jederzeit unter ihrem Kommando zu dienen." Der Italiener stirbt im folgenden Frühjahr. Den Umschlag findet seine Tochter erst Jahrzehnte später. Kapitän Calamai hat ihn nie geöffnet.

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