Unglückliches Manöver

"Stockholm" nimmt Kurs auf die "Andrea Doria"

Der ehrgeizige schwedische Offizier der "Stockholm" vermutet die "Andrea Doria" immer noch nördlich und gibt den Befehl, nach Süden abzudrehen - und zwar 22 Grad Steuerbord. Damit glaubt Carstens, den Abstand zwischen seinem und dem italienischen Schiff zu vergrößern.

In dem Ausweichmanöver sieht Marine-Experte Robert Meurn die Hauptursache für die Kollision. Fest steht: Die "Andrea Doria" blieb auf Kurs. Calamai las das Radar richtig und wusste, die "Stockholm" fuhr nördlich. Beide Schiffe wären unbeschadet aneinander vorbeigekommen, hätte die "Stockholm" ihre Parallelroute nicht plötzlich verlassen.

Angestrengtes Lauschen

Das unglückliche Manöver der "Stockholm" hätte klappen können, wenn das italienische Schiff weiter weg gewesen wäre, aber die "Andrea Doria" ist schon gefährlich nah heran gekommen. Warnend dröhnt ihr Nebelhorn durch die dunkle Nacht. Der 3. Offizier Eugenio Giannini geht auf die Nock vor der Kommandobrücke und lauscht angestrengt nach den Nebelsignalen, die jedes Schiff, das im Nebel fährt, unbedingt aussenden muss. Beunruhigt versucht er, mit seinem Kapitän die Position der "Stockholm" ausfindig zu machen. Doch die Männer können die Schweden weder hören, geschweige denn sehen. Direkten Funkverkehr hatten die beiden Schiffe nicht.

Zweiter gravierender Fehler

Während die Italiener kaum die Hand vor Augen sehen, wie sie später aussagen, versichert der schwedische Offizier, er sei unter klarem Himmel gefahren. Widersprüchliche Behauptungen. Die Analyse der Wetterzentrale für den 25. Juli 1956 klärt die Sachlage jedoch eindeutig. Aufgrund der Wetterlage am Unglückstag muss sich im Untergangsgebiet der "Andrea Doria" Nebel gebildet haben. Bei klarem Wetter hätten die Schiffe längst Sichtkontakt gehabt. So aber erkennen die Italiener die Positionslichter der "Stockholm" erst, als nur noch 1,5 Seemeilen zwischen ihnen liegen. Die "Stockholm" steuert mit voller Kraft direkt auf die "Andrea Doria" zu.
Die einzige Hoffnung, um einer Kollision zu entgehen, ist ein schnelles Ausweichmanöver. Der Steuermann der "Andrea Doria" reißt das Ruder hart Backbord herum. Die Maschinen laufen auf Hochtouren. Auf der Stockholm telefoniert um 23.10 Uhr Offizier Carstens mit dem Ausguck, als die "Andrea Doria" unvermutet vor ihm auftaucht. Sofort befiehlt er, hart Steuerbord zu gehen. Mit dem abrupten Abdrehen nach Steuerbord macht der 3. Offizier der "Stockholm" den zweiten gravierenden Fehler. Denn nun fahren beide Schiffe unweigerlich auf Kollisionskurs.

Verschwundene Aufzeichnungen

Im falschen Ablesen des Radars durch den Schweden Carstens liegt der Schlüssel zur Erklärung des Unglücks. Eine These, die der Marine-Experte John Carrothers Anfang 1970 zum ersten Mal zur Diskussion stellte. Eine plausible Erklärung liefert Professor Meurn. Aus seiner Sicht hängt die falsche Deutung mit der Einstellung des Maßstabs zusammen. An einem historischen Radargerät demonstriert er die Tücken der damaligen Technik.
Das Bedienungsfeld für die Regler war nur schwach beleuchtet. Der Knopf, mit dem man den Maßstab auf sechs oder zwölf Seemeilen einstellen kann, besitzt keine eigene Lichtquelle. Um die Einstellungen zu ändern oder die Skala abzulesen, mussten die Seeleute nachts eine Taschenlampe zu Hilfe nehmen. Die Zahlen auf dem Bildschirm waren klein und leicht zu übersehen, vor allem bei schummrigem Licht. Wenn Carstens das Gerät tatsächlich falsch justiert hat, könnte dies das Motiv sein, warum die Radar-Aufzeichnungen jener Nacht spurlos verschwunden sind.

Beide Schiffe steuerten in dieselbe Richtung. Die "Stockholm" drehte nach rechts ab, die "Andrea Doria" nach links. Beide Dampfer laufen mit mehr als 20 Knoten aufeinander zu. Auf der Brücke der Italiener herrscht Panik. Carstens versucht verzweifelt, hart achtern zu gehen, also "volle Kraft zurück!" Doch es ist zu spät. Um 23.10 Uhr rammt die "Stockholm" die "Andrea Doria" mit nahezu ungebremster Wucht.

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