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Universalgenie Adolf Bastian

Forschen und Reisen bis ins hohe Alter

Bereits mit 25 Jahren tritt Adolf Bastian 1851 seine erste Weltreise an. Dort entwickelt er bereits sein großes Interesse für Völker und Kulturen der bereisten Länder. Später glänzt er als Historiker, Religions- und Sprachforscher und als Ethnologe. Bis ins hohe Alter ist er auf weltweiten Forschungsreisen unterwegs - für die Idee einer gemeinsamen mythologischen Sprache der Menschheit.

Adolf Bastian erforscht ein Relief in Angkor Wat (Spielszene)
Adolf Bastian erforscht ein Relief in Angkor Wat (Spielszene) Quelle: ZDF

Am 26. Juni 1826 wird Adolf Bastian in Bremen als Sohn eines angesehenen hanseatischen Kaufmanns geboren. Nach seiner Schulzeit studiert er an den Universitäten von Heidelberg, Berlin, Jena, Würzburg und Prag. 1850 promoviert er als Doktor der Medizin bei Rudolf Virchow, und bereits ein Jahr später tritt er - 25-jährig - als Schiffarzt eine achtjährige Weltreise an, die ihn zunächst nach Australien und dann nach Peru, Mexiko, Mesoamerika, China, Hinter- und Vorderindien, Afrika, und Arabien bringt. Diese erste Reise ist bestimmend für seinen weiteren Lebensweg als Weltreisender und Ethnologe, und sie ist die Basis seines ersten Buches "Der Mensch in der Geschichte".

Dem Vater gewidmet

Zwischen 1861 und 1865 unternimmt Bastian seine zweite große Reise, die ihn nach Indien, Birma, Thailand, Kambodscha, Vietnam, Indonesien, auf die Philippinen, nach China, in die Mongolei und den Kaukasus führt. Resultat dieser Reisen ist sein sechsbändiges, 1866-71 publiziertes Werk "Die Völker des östl. Asiens - Studien und Reisen", das er seinem Vater widmet: "Dir, lieber Vater, gehören diese Reisen, und Dir ist ihre Beschreibung gewidmet." Denn niemals hatte sein Vater die Länder, mit deren Waren er Handel betrieb und die den Reichtum der Familie seit zwei Generationen begründeten, selbst sehen können.

Bastian ist damit der erste Deutsche, der alle Länder Südost- und Ostasiens bereist, sie detailliert und akribisch beschreibt. Er zeigt sich in diesem Werk als Universalgenie, der sich als Historiker, Religions- und Sprachforscher, und natürlich als Ethnologe begreift, als Begründer einer Wissenschaft, die es in Deutschland zu dieser Zeit gar nicht gibt. In anderen Städten wie Paris oder London wird zu dieser Zeit die Erforschung der damals neuen "Wissenschaft vom Menschen" gefördert, vor dem Hintergrund der kolonialen Interessen Frankreichs und Englands. Aber bis zum Jahre 1868 fehlt in Berlin, trotz der Aktivitäten Alexander von Humboldts als des Nestors der Wissenschaften, jeder Ansatz für die Gründung einer ethnologisch-anthropologischen Fakultät.

Interesse am Buddhismus

Auf seiner zweiten Reise von Siam (später Thailand) aus nach Kambodscha legt Bastian die erste Etappe in einem von einem Missionar geliehenen Boot zurück. Das westliche Kambodscha gehört damals noch direkt zu Siam und wird von siamesischen Gouverneuren verwaltet. Deshalb nennt Bastian Angkor auch bei seinem siamesischen Namen: "Nakhon".
Wiederum gilt sein besonderes Interesse dem Buddhismus; zahlreiche Kloster werden besucht und genau beschrieben. Mit den Äbten pflegt Bastian rege Kontakte. Er unterhält sich mit ihnen über den Buddhismus, lässt sich Bücher zeigen und sich die "Sagen des Landes", die Mythologien, erzählen. Er selbst wird allerdings nie zum Buddhisten.

Bastian besucht auch den Siam-König Mongkut; dieser hat ein großes Interesse an der Erhaltung seiner kulturellen Altertümer und macht Bastian, wie bereits den Franzosen Henri Mouhot drei Jahre zuvor, auf Angkor aufmerksam.
Mouhots Buch mit den schönen Zeichnungen (aber ohne wissenschaftliche Einordnung) erschien erst posthum 1868. Bastian nennt ihn aber mit einem Detail in seinem Buch von 1866. Wahrscheinlich hatte er schon in Berlin die vorab in der populären Zeitschrift "Le Tour de Monde" abgedruckten Auszüge über Angkor gesehen. Doch nicht erst Mouhot hatte Angkor "entdeckt". Ständig und seit Jahrhunderten hatten Handlungs- und andere Reisende über die "Stadt aus Stein" im Dschungel Kambodschas berichtet. Die Stadt wurde (und wird immer noch) als buddhistischer Wallfahrtsort besucht; zu Bastians Zeit gab es in um die Tempel gebauten Holzhütten auch diverse buddhistische Schulen, in die die Einheimischen ihre Söhne schickten.

Indische Einflüsse

Bastian gilt als der erste, der die indischen Einflüsse in Angkor Wat erkannte und benannte. Er stellt fest, dass die Mythologie der Skulpturen durchgehend aus dem Brahmanismus stammt, während die Buddhabilder freistehende sind, die beliebig hingebracht oder weggenommen werden können. Er erkennt Shiva, Vishnu und seine Inkarnation als Rama, Szenen aus dem Ramayana und Darstellungen des Milchmeeres.
In der Tempelarchitektur erkennt er die javanischen Wurzeln, und in den Darstellungen das Exil der Brahmanen in Champa sowie die Erschaffung der Haupststadt Angkor Thom. Die Inschriften erkennt er als Pali, ein enger sprachlicher Verwandter des klassischen Sanskrit. Ob Pali jemals eine gesprochene Sprache war, gilt als umstritten, heute wird es eher als Literatursprache eingestuft. Gemeinhin wurde in Kambodscha Khmer gesprochen und geschrieben. In seinem Werk gibt er als erster Deutscher ein umfassendes Wörterbuch der Khmer- und Cham-Sprache mit deutscher Übersetzung.

Shiva-Relief in Angkor Wat
Shiva-Relief in Angkor Wat Quelle: ZDF

In Cochinchina (Vietnam) wird er Zeuge des Beginns der französischen Annektion in Indochina. Er porträtiert das Leben am Mekong und besucht Saigon, wo sein 4. Band auch endet. Wie zuvor gibt er dem Band noch ein Wörterbuch der annamitischen (der heutigen vietnamesischen) Sprache mit deutscher Übersetzung bei.
Durch die Initiative Bastians konstituiert sich am 17. November 1869 in Berlin die "Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte". Zum Vorsitzenden wird der mit Bastian befreundete Rudolf Virchow gewählt. Angesichts der expandierenden westlichen Zivilisation in die letzten Winkel der Erde hält es Bastian für das Gebot der Stunde, die letzten Zeugnisse von zum Untergang verurteilten Kulturen zusammenzutragen.

Weltweite Expeditionen

Seine dritte Reise führt ihn 1873 im Auftrag der Deutschen Gesellschaft zur Erforschung Äquatorialafrikas an die Luango-Küste in Westafrika, woraus sein zweibändiges Werk "Die deutsche Expedition an die Luango-Küste nebst älteren Nachrichten über die zu erforschenden Länder. Nach persönlichen Erkenntnissen" entsteht. 1875 bis 1876 bereist er Süd- und Mittelamerika im Auftrag des neuen Ethnologischen Museums in Berlin. Er beschreibt diese Reise in dem dreibändigen "Die Culturländer des alten America".
Seine fünfte Reise unternimmt er 1878 bis 1880. Es geht von Persien nach Indien, Indonesien, Australien und Ozeanien und weiter nach Nord- und Zentralamerika. Ein Jahr später erscheint sein wichtigstes Werk: "Der Völkergedanke im Aufbau einer Wissenschaft vom Menschen und seine Begründung auf ethnologische Sammlungen." Das von Bastian gegründete Königliche Museum für Völkerkunde wird von Kronprinz Friedrich, dem späteren König Friedrich III., 1886 in Berlin eröffnet. 1889 bis 1891 unternimmt er seine sechste Reise: von Russland und Kleinasien nach Ägypten und Ostafrika, von hier weiter nach Indien, Australien und Ozeanien.

"Mit unbekanntem Ziel"

1896 wird mit großem Pomp im Ethnologischen Museum Bastians 70. Geburtstag begangen: eine Marmorbüste Bastians wird enthüllt, Festschriften angesehener Wissenschaftler erscheinen aus diesem Anlass. Wer nicht erscheint, wie immer bei solchen Festakten, ist Bastian - kurz zuvor verreiste er "mit unbekanntem Ziel". Das unbekannte Ziel entpuppt sich als seine siebte Reise, nach Java, Bali und Lombok, wo er äußerst intensiv den Buddhismus studiert. Schwer krank - wie sein Freund Karl von den Steinen in seinem Nekrolog zu Bastian schreibt: "...warhaft eine wandelnde Leiche..."-, kehrt er zwei Jahre später nach Berlin zurück.

Weitere zwei Jahre später bricht er zu seiner achten Reise nach Indien und Ceylon auf - inzwischen Bastians "Lieblingsregion". 1903 kommt er das letzte Mal nach Berlin, doch er bleibt nur wenige Monate. Bastian ist 77 Jahre alt, als er seine neunte Reise zu den Westindischen Inseln, Jamaica, Venezuela und Trinidad unternimmt.

Bastians Idee wirkt bis heute

Adolf Bastian schwimmt vor Boot her
Adolf Bastian schwimmt vor Boot her Quelle: ZDF

Am 3. Februar 1905 stirbt Bastian nach kurzer Krankheit auf Trinidad. Drei Tage zuvor hatte er noch, wie Zeit seines Lebens zweimal täglich, im Meer gebadet. Nur sein Schreiber Berthold Mehrer ist bei ihm, es gibt keine Zeremonie. Seine Überreste werden am 17. Oktober auf dem Matthäus-Friedhof unter Anteilnahme einer riesigen Menschenmenge beigesetzt.
1938, im Zuge von Speers Germania-Planung, wird sein Grab nach Stahnsdorf, auf den Südwest-Friedhof, umgesetzt. Bastians Idee einer Universalität der menschlichen Mythologien, einer gemeinsamen mythologischen Sprache der Menschheit, wirkt bis heute in der Ethnologie, und Ikonen der Anthropologie, wie der kürzlich im Alter von 100 Jahren gestorbene Claude Levi-Strauß, konnten sich auf seine Forschungen berufen.

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