"Unser Ursprung interessiert jeden"

Interview mit dem Frühmenschenforscher Professor Friedemann Schrenk

Der renommierte Paläoanthropologe über das Zusammenleben von Neandertalern und modernen Menschen und warum die Beschäftigung mit der Geschichte der Menschheit so interessant ist.


ZDFonline: Wie stellt sich Wissenschaftler mögliche Begegnungen des modernen Menschen mit dem Neandertaler vor? Man weiß ja, dass sie bestimmte Regionen gemeinsam bewohnt haben.


Prof. Friedemann Schrenk: Neandertaler und moderne Menschen haben zum Beispiel im Nahen Osten 50.000 Jahre lang nebeneinander gelebt, aber auch in Mitteleuropa immerhin noch 5000 Jahre lang. Man geht davon aus, dass sie sich eigentlich nicht groß in die Quere gekommen sind, einfach weil sie unterschiedliche Lebensräume hatten. Aber auch weil sie in unterschiedlicher Weise Nahrung gesucht haben und im Grunde genommen keine Konkurrenten waren. Die Neandertaler haben meistens irgendwo zurückgezogen in Höhlen gelebt, während die modernen Menschen das Land ganz anders in Besitz genommen haben. Man kann sich das aber auch dadurch klar machen dadurch, dass die Besiedlungsdichte sehr gering war. Da waren vielleicht in ganz Europa 100.000 Neandertaler. Und die waren nicht gleichmäßig verteilt, sondern lebten gruppenweise. Da gab es riesige Gebiete, in denen niemand dazwischen war.


ZDFonline: Heute sind die Forscher immer noch uneins, ob wir wirklich Neandertaler-Gene in uns tragen. Wird man das jemals wirklich mit hundertprozentiger Sicherheit sagen können?


Schrenk: Mit hundertprozentiger Sicherheit wird man das nicht wissen, denn wir haben einfach keine lebenden Neandertaler und das gesamte Genom wird man nie rekonstruieren können. Aber man hat schon die Mitochondrien-DNA untersucht und jetzt untersucht man die Kern DNA. Da wird man auf jeden Fall noch ein Stück weiterkommen.


ZDFonline: Was ist so interessant an der Paläoanthropologie?


Unser eigener Ursprung, der interessiert eigentlich jeden. Das ist auch das, was uns antreibt. Im Grunde macht man natürlich jede Wissenschaft, weil Fragen gestellt werden, die man beantworten will. Aber in diesem Fall ist es wirklich so, dass es unsere eigene Geschichte betrifft und zwar eben die Geschichte, die sehr weit zurück liegt, die Zeit bevor es Geschichte gab. Die Philosophie, die Theologie - es gibt so viele verschiedene Denkrichtungen, die sich mit dieser Frage beschäftigt: Wo der Mensch herkommt und warum wir so sind wie wir sind. Und da gehört der naturwissenschaftliche Ansatz eben auch dazu.

Einzig überlebende Menschenart


ZDFonline: Was können wir aus diesen Erkenntnissen über uns heute lernen?


Schrenk: Vor allem können wir lernen, dass die Situation, die wir heute als Homo sapiens erleben eine völlig unnatürliche und auch unnormale ist. Es gab bis vor 18.000 Jahren noch nie eine Zeit, in der es nur eine einzige Menschenart auf der Welt gab. Bis vor 18.000 Jahren hat Homo floresiensis gelebt, das war zumindest noch eine andere Menschenart und davor die Neandertaler. Es gibt unsere Art schon seit 200.000 Jahren aber es waren überhaupt nie irgendwelche Menschenarten alleine auf der Welt. Das ist nur für uns so und das muss man sich ab und zu mal klar machen. Wenn Sie jede andere Tiergruppe ansehen, die sich irgendwo entwickeln, gibt es immer geographische Varianten, die entstehen. Da leben immer mehrere Arten nebeneinander. Ursache ist wahrscheinlich unsere kulturelle Entwicklung, die das alles überprägt hat.

Und wenn wir letztlich etwas daraus lernen können, dann ist es, eine Verantwortung wahrzunehmen oder überhaupt zu begreifen, dass wir eben Teil der Natur sind. dadurch, Da wir die einzigen sind, die noch übrig sind von allen zig Menschenarten, die mal gelebt haben, ist das eine Aufforderung für uns sinnvoll und verantwortungsvoll mit diesem Erbe umzugehen.

Ursprünglich Jäger und Aasfresser


ZDFonline: Wenn man sich jetzt unsere Vorfahren anschaut, was sind wir denn jetzt eigentlich? Sind wir Jäger, Handwerker, Sammler ?


Schrenk: Es kommt drauf an, wann man das ansetzt. Ursprünglich

waren wir einfach nur Sammler und Aasfresser . Das Jagen kommt sehr viel später und davor kommt noch das Handwerk. Erst sind wir Sammler, dann sind wir Handwerker und erst ganz zum Schluss, erst seit 500.000 Jahren sind wir Jäger. Das ist eine Entwicklung, die man in der Geschichte nachvollziehen kann. Das steckt alles in uns drin, aber das hat sich sukzessive aufgebaut.


ZDFonline: Der Mensch ist wie kaum ein anderes Säugetier an langes und ausdauerndes Gehen bzw. Laufen angepasst - ist das der Grund, warum so viele gerne joggen oder wandern gehen?


Schrenk: Das ausdauernde Gehen ist in der Tat eine Grundanpassung beim Menschen. Das Laufen ist etwas typisch Menschliches: die langen Beine und anderes. Das hat einen Sinn in der frühen Evolution, als man viel durch die Savanne lief. Die Konstruktion, die uns zu diesem ausdauernden langen Gehen und Laufen befähigt, die geht zurück auf einen Evolutionsschritt vor zwei Millionen Jahren. Und weil sich das dann auch nicht mehr verändert hat, sondern weil das heute noch immer so ist, nehmen wir das eben auch wahr.

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