"Unsere Erde ist sicherer geworden"

Wolf Dombrowsky warnt dennoch vor neuen Katastrophen

Erdbeben, Vulkanausbrüche, Meteoriteneinschläge - Katastrophenforscher Wolf Dombrowsky untersucht seit vielen Jahren, wie Menschen mit den Gefahren der Umwelt umgehen. Im Interview erklärt er, wie Katastrophen überhaupt entstehen, worauf Menschen in gefährdeten Gebieten achten müssen und welche Desaster in der Zukunft auf die Menschheit zukommen werden.

Katastrophenforscher Wolf Dombrowsky Quelle: ZDF


ZDF: Was ist eine Katastrophe?


Wolf Dombrowsky: Sie wird im Prinzip von unterschiedlichen Personen- und Berufsgruppen unterschiedlich definiert. Die Versicherer sagen: eine Million Schaden, tausend Tote. Die Hilfsorganisationen sagen hingegen: wenn das normale Leben so unterbrochen wird, dass es das braucht, was wir haben - also Decken, Kleidung, Nahrung und medizinische Versorgung. Die Wissenschaft definiert eine Katastrophe wieder anders. Es gibt also keine allgemeingültige Definition.


ZDF: Was ist das Wesen einer Katastrophe?


Dombrowsky: In der Katastrophe gibt es oft eine so genannte "Banalität des Blöden": kleinste Fehler addieren sich. Die meisten Katastrophen, die weltweit analysiert worden sind, waren solche Anreicherungsprozesse von "Banalitäten des Blöden", die aus dem Ruder gelaufen sind. Der Mensch schaut dann meist nur auf dieses Ergebnis und denkt, dass es plötzlich und unerwartet kam. Bei Katastrophen gibt es aber oft Korrekturfenster von 30 Sekunden bis fünf Minuten, in denen die Leute reagieren könnten. Nicht selten kam es aber bisher gerade in solchen Momenten zu Autoritätskonflikten, die eine Katastrophe überhaupt erst zu einer Katastrophe gemacht haben. Nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl hat es zum Beispiel neun Minuten gedauert, bis die Verantwortlichen reagiert haben.

überfüllter Fußgängerüberweg in Tokio Quelle: ZDF


ZDF: Millionen Menschen leben in unmittelbarer Nähe zu Vulkanen und in erdbebengefährdeten Gebieten. Warum sehen sie die Gefahr nicht, der sie dort ausgesetzt sind?


Dombrowsky: Die Menschen können nicht jeden Tag mit der Gefahr eines Ausbruchs oder Erdbebens vor Augen leben. Außerdem haben sie dort ihr Grundstück, ihr Eigentum und die sozialen Beziehungen. Und man sollte auch nicht vergessen: die meisten haben noch gar keinen Vulkanausbruch und kein schweres Erdbeben erlebt. Genau das ist jedoch das Potenzial, aus dem die Katastrophen sind. Wenn man ganz nüchtern drauf schaut, sind all diese Phänomene - vom Erdbeben bis hin zum Vulkanausbruch - Natur. Sie gehören zum Wesen unseres Planeten. Erst wenn Menschen dort siedeln, wird es zu einem Problem.


ZDF: Was müssen Menschen beachten, wenn sie sich mutwillig in die Gefahr eines Vulkans oder Erdbebengebietes begeben?

Evakuierungsplan des Vesuv Quelle: ZDF



Dombrowsky: Je dichter ich an einen Vulkan oder ein Erdbebengebiet siedle, desto größer wird auch mein Risiko, weil sozusagen die Entfernung eine Rolle spielt, mit der ich mich wieder in Sicherheit bringen kann. Das sind alles zeitkritische Faktoren. Das heißt: Wie besiedle ich? Wie gehe ich mit den Erkenntnissen meines Siedlungsraums um? Wie organisiere ich sozusagen die Zu- und Abflüsse? Wenn man all das zusammennimmt, dann entsteht daraus ein sehr komplexes Netzwerk. Aber im Grunde genommen ist es immer nur das Problem, wie ich mit den Dingen umgehe, die ich in meinem Lebensraum finde.

Für und Wider abwägen

Wenn ich zum Beispiel an einen Vulkan siedle, weil dort die Erde fruchtbar ist, die Aussicht schön ist und mir das Klima gefällt, dann muss ich auch immer einen Plan B parat haben. Das heißt: Habe ich vorgesorgt, wenn etwas schiefgeht und der Vulkan tatsächlich mal ausbricht? Wenn ich vorgesorgt habe, dann ist das Teilnahmerisiko relativ gering. Habe ich nicht vorgesorgt, ist das Teilnahmerisiko dementsprechend hoch. Man muss also immer für sich selbst abwägen, ob es einem die Gefahr wert ist, in einem solchen Gebiet zu leben.


ZDF: Worin besteht die größte Gefahr, wenn es zum Beispiel in Tokio zu einem starken Erdbeben kommt?


Dombrowsky: Japan ist ein technisch hoch entwickeltes Land. Es hat die besten Bauvorschriften für erdbebenangepasstes Bauen. Und so banal das klingt: das Wichtigste ist, dass die Gebäude stehen bleiben, die Menschen nicht erschlagen werden und sie die Gebäude sicher verlassen können. Das eigentliche Problem besteht aber darin, dass es so eng ist. Bei einem Erdbeben wollen die Leute Platz haben, um wegzukönnen. Alles, was zusätzlich in den Weg kommt, verschärft das Problem, führt zur Katastrophe.

enge Gasse in Tokio Quelle: ZDF


ZDF: Wie verhalten sich die Menschen in solchen Situationen?


Dombrowsky: Am Anfang herrscht natürlich Chaos. Aber danach greifen wieder die normalen Mechanismen. Viele Menschen machen sich davon oft falsche Vorstellungen. Ungefähr 85 Prozent der Menschen verhalten sich nach dieser Angst- und Schreckphase wieder normal. Die Japaner geben sich enorm viel Mühe, hervorragend zu trainieren. Und dann herrscht noch ein kultureller Grundsatz: nicht das Gesicht verlieren, in der Situation ganz schnell wieder funktionieren und seinen Mann stehen.


ZDF: Welche Herausforderungen kommen in Zukunft auf den Katastrophenforscher zu?


Dombrowsky: Wenn man sich die Wachstumskurven der Weltbevölkerung, des Energieverbrauchs oder des Verkehrs anschaut, dann sieht man, dass alle diese Kurven steiler ansteigen als der absolute Anstieg der Katastrophenkurve. Die Differenz der Anstiege zeigt also, dass die Erde sicherer geworden ist. Das bezieht sich aber hauptsächlich auf die so genannten newtonschen Katastrophen - also die thermisch-mechanischen wie Erdbeben oder Vulkanausbrüche.

In Zukunft werden wir es jedoch immer mehr mit synergistischen und kombinatorischen Schäden zu tun haben. Also wie wirken sich Einträge von Hormonen oder Arzneimitteln auf biologische Prozesse bis hin zu unserem höchsten Organ, dem Gehirn, aus? Menschen greifen unbeabsichtigt in die Evolution ein, und daraus entstehen neue Katastrophen - von Nervenschäden über Veränderungen im Verdauungstrakt bis hin zu Übersprüngen in den Artengrenzen - mit denen die Menschen in Zukunft zu tun haben werden.

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