Unter Ascheregen und Lavabomben

Vulkanexperte und Kameramann Marc Szeglat berichtet

Der Ausbruch des Vulkans Merapi in Indonesien war eine der bedeutendsten Eruptionen des Jahres 2010. Der Vulkanausbruch wurde zur Naturkatastrophe, bei der mehr als 250 Menschen starben. Die wirtschaftlichen Schäden sind enorm und die Ascheablagerungen zerstörten zahlreiche Plantagen. Es wird Jahre dauern, bis die Palmen wieder Früchte tragen. Marc Szeglat und sein Team reisen nach Indonesien, um den katastrophalen Ausbruch zu dokumentieren.

Schritt für Schritt kämpfe ich mich den steilen Hang hinauf. Meine Mus­keln schmerzen und im Schein der Taschenlampe sehe ich nur wenig vom Pfad, der von umgeknickten Bäumen und Ästen blockiert ist. Das Gehölz gibt unter dem Gewicht der Vulkanasche nach, die seit Tagen auf die Landschaft hinab regnet. Immer wieder muss ich über Baumstämme klettern, oder auf allen Vieren unter sie hindurch kriechen. Nicht selten bleibt mein Kamerarucksack dabei an mit Asche beladenem Buschwerk hängen und löst kleine Staublawinen aus. Die Asche bedeckt mich von oben bis unten und dringt in Mund, Nase, Augen und Ohren ein. Sie vermischt sich mit meinem Schweiß und läuft in grauen Schlieren an mir hinab. Trotz Staubschutzmaske lässt es sich nicht vermeiden, dass man das Zeug einatmet. Die Besteigung eines aktiven Vulkans ist oft ein dreckiger Job!

Unsere vierköpfige Gruppe befindet sich auf dem Weg zum Krater des Vul­kans Merapi auf der indonesischen Insel Java. Seit einer Woche befinden wir uns nun hier und endlich hat die Stärke der Eruption soweit abge­nommen, dass wir den Aufstieg wagen können. In erster Linie sind wir zum Merapi gekommen, um die Auswirkungen des katastrophalen Ausbruches von 2010 zu dokumentieren: Pyroklastische Ströme rauschten die Flanke des Vulkans hinab und zerstörten mehrere Dörfer. Das weiteste lag in 20 Kilometern Entfernung vom Krater des Vulkans. Mehr als 320 Menschen verloren ihr Leben, Tausende wurden obdachlos. Schon Monate zuvor kündigte sich die Eruption an und zahlreiche Dörfer wurden evakuiert. Trotz der Gefahr verließen nicht alle Bewohner ihre Heimat; viele von ihnen sind Bauern, deren Existenz auf dem Spiel stand. Sie mussten bleiben um ihre kleinen Farmen zu bewirtschaften, Hühner zu füttern und Kühe zu melken. Die Menschen haben es gelernt, sich mit der Gefahr zu arrangie­ren. Was nutzt das blanke Überleben anderswo, wenn man dort Hunger leiden muss? Viele verehren den Vulkan als Sitz der Götter, schließlich beschert er ihnen fruchtbare Böden aus verwitterter Lava. So können die Bauern bis zu drei Ernten pro Jahr einfahren.

Geologie im Zeitraffer

Die fruchtbaren Böden in Vulkanregionen sind ein Grund, warum weltweit so viele Menschen in der Gefahrenzone aktiver Vulkane leben. In fast je­dem Vulkankrater residiert nach ihrem Glauben eine Gottheit und die Du­alität zwischen Schöpfung und Zerstörung ist Grund genug für zahlreiche Mythen und Legenden, die sich um die Feuerberge der Welt ranken. Am Merapi betete der Vulkanpriester Mbah Maridjan zu den Göttern und bat sie um Milde. Doch seine Gebete wurden nicht erhört; er befand sich un­ter den ersten Opfern der pyroklastischen Ströme. Von diesen Glutwolken aus superheißen Gasen, Lavabrocken und Vulkanasche geht die größte Gefahr am Vulkan aus: Fast unhörbar zischen sie auf einem Hunderte Grad heißen Luftkissen die Vulkanflanken hinab und zerstören alles, was sich auf ihrem Weg befindet. Pyroklastische Ströme entstehen, wenn ein extrem zähflüssiger Lavastrom den Krater verstopft und dort einen Dom bildet, der dann kollabiert. Das im Lavadom enthaltene Gas wird explosi­onsartig freigesetzt. Die Lava wird fragmentiert und zu Asche zerblasen. Dieses unheilvolle Aschegemisch rast dann mit der Geschwindigkeit eines Rennwagens über den Vulkanhang. Pyroklastische Ströme zerstören nicht nur Dörfer, sondern können auch ganze Städte dem Erdboden gleich machen.

Unser Aufstieg ist mittlerweile allerdings eher von eisiger Kälte gekenn­zeichnet. Ungefähr 400 Meter unterhalb des Merapi-Gipfels machen wir eine Pause. Trotz der Hindernisse auf dem Pfad sind wir schneller vorangekommen als gedacht und müssen nun auf die Morgendämmerung warten. Nach einer halben Stunde gehen wir weiter und erreichen bald ein Plateau kurz unterhalb des Kraters. Die Landschaft hier erinnert an den Mond. Die Vegetationsgrenze haben wir längst unter uns gelassen, hellgraue Asche bedeckt den Boden. Zahlreiche Trichter zeugen von den Einschlägen der Lavabomben. Das sind größere Gesteinsbrocken, die aus dem Vulkan herausgeschleudert wurden. Endlich sehen wir den Krater vor uns. Im Unterschied zu einem Mondkrater quillt aus dem vor uns ein Gemisch aus Wasserdampf und Vulkanasche. Den Lavadom, den ich noch von einem früheren Aufstieg kenne, gibt es nicht mehr. Wenn ich während des mühsamen Aufstiegs noch darüber nachgedacht hatte, warum ich all diese Strapazen und Gefahren überhaupt auf mich nehme, dann liegt die Antwort jetzt eindrucksvoll vor mir: vulkanische Landschaf­ten können sich innerhalb kürzester Zeit dramatisch verändern. Norma­lerweise werden geologische Prozesse in Jahrmillionen gerechnet, doch an Vulkanen erlebt man Geologie im Zeitraffer. Vulkanausbrüche fördern Material aus den Tiefen der Erde und bieten uns somit ein Fenster in die Geschichte unseres Planeten. Trotz der Gefahren eines Vulkanausbruchs kann sich kaum jemand der Faszination entziehen, die von den entfes­selten Erdgewalten ausgeht. Steht man am Rande eines aktiven Kraters fühlt man sich ziemlich klein und verletzlich – eine sehr wichtige Erfah­rung, denn man wird sich seiner selbst und seines Platzes im Universum bewusst.

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