Unverstellter Blick auf die Vielfalt der islamischen Welt

Autor Daniel Gerlach über Gesprächspartner und Geisteshaltungen

Sonnenuntergang
Sonnenuntergang Quelle: ZDF


ZDF:
Für "Morgenland" haben Sie in vielen Ländern der islamischen Welt gedreht - in den Golfstaaten, aber auch in Usbekistan. Sind das reizvolle Gegensätze?



Daniel Gerlach: Allerdings. Vor Jahrhunderten mag es so etwas wie einen islamischen "Way of Life" gegeben haben, der noch heute in einigen Lebensbereichen erkennbar ist, etwa in der Architektur. Aber wenn Sie vor einer chinesischen Pagoden-Moschee im tropischen Indonesien gestanden, danach mit usbekischen Muslimen bei minus 15 Grad Wodka getrunken haben und einige Wochen später im Palast eines Scheichs in Abu Dhabi über dessen Zukunftsvisionen diskutieren, dann wird Ihnen spätestens bewusst, wie bunt und vielfältig diese Welt ist, die wir "islamisch" nennen. Verglichen damit wirkt unser geliebtes Europa, das wir schon als sehr abwechslungsreich empfinden, wie ein holländisches Tulpenfeld - schön anzusehen, aber doch ziemlich uniform.

Dreharbeiten zu "Morgenland"
Dreharbeiten zu "Morgenland" Quelle: ZDF


ZDF: Wie ist es mit Behörden und Drehgenehmigungen? Begegnet man einem solchen Projekt mit Skepsis oder mit Offenheit?


Gerlach: Viele der Länder, mit denen wir es zu tun hatten, werden sehr autoritär regiert, vor allem aber sehr bürokratisch. Das erste kann zwar ein Hindernis sein, aber auch sehr hilfreich, denn wenn die richtigen Leute einen unterstützen, stellt sich anschließend niemand mehr dem Projekt in den Weg. Die Angst von Seiten der Entscheider, etwas zu unterstützen, das dem Islam wieder negative Presse einbringt, ist nicht von der Hand zu weisen.

Die größte Sorge seitens der Behörden war, dass wir polarisieren und spalten könnten, dass wir Sensationseifer an den Tag legen und - wie es in den vergangenen Jahren leider oft der Fall war - noch eine Story mehr über den Islam produzieren, ohne mit den Muslimen selbst zu reden. Unsere Gesprächspartner haben aber gemerkt, dass wir mit offenen Karten spielen, dass wir den nötigen Sachverstand und die nötige Geduld mitbringen und uns die Zeit nehmen, uns und unser Vorhaben auch zu erklären.


ZDF: Die aktuelle Situation zwischen dem Westen und der islamischen Welt ist problematisch. Konnten Sie, als Journalist, Historiker und Islamwissenschaftler während des Drehs Einsichten in die Genese des Konflikts gewinnen?


Gerlach:
Eine Dokumentation zu einem Thema zu produzieren, mit dem man sich jahrelang beschäftigt hat, kann einen regelrechten Selbstläuterungsprozess auslösen. Man muss seinen Wissensvorsprung gegenüber dem Zuschauer aufgeben und alles von Neuem hinterfragen. So manche akademische These, mancher schöne Satz und manche Weisheit brechen da in sich zusammen. Ja, wir haben vieles verstanden - vor allem aber, wie wichtig Menschen, auch in anderen Kulturen, die Geschichte nehmen. Sie wird geheiligt, verklärt, schöngefärbt und oft genug missbraucht. Ebenso wie bei uns.


Leider verwechseln wir oft historische Fakten mit Mythen oder kollektiver Erinnerung. Was man uns Jahrhunderte lang über uns und unser Gegenüber - in dem Fall die islamische Welt und Europa - erzählt, wird dadurch nicht wahrer, dass wir es immer von Neuem wiederholen und es an spätere Generationen weitergeben. Das war der Blickwinkel unserer Arbeit am Projekt "Morgenland".


ZDF: Wie haben Würdenträger der muslimischen Welt reagiert, mit denen Sie sprachen - beispielsweise der Aga Khan oder der Emir von Sharjah?


Gerlach: Wir bilden uns manchmal ein, dass hochrangige Persönlichkeiten in der islamischen Welt sofort die Arme hochreißen, wenn sie hören, dass das Fernsehen im Anmarsch ist. Doch diese Menschen müssen nicht - wie unsere Politiker - wiedergewählt werden und haben anderes zu tun, als Interviews zu geben. Wenn sie es tun, dann, weil sie ein Anliegen haben, und das lässt sich, trotz vieler Unterschiede, auf diesen Nenner bringen: Niemand hat das Recht, den Islam für kriegerische und gewalttätige Zwecke zu instrumentalisieren.

Und niemand im Westen sollte glauben, dass die Muslime tatenlos zusehen, wenn dergleichen passiert. Natürlich sind der Aga Khan und der Emir von Sharjah herausragende Persönlichkeiten, deren Ansichten man nicht auf die ganze islamische Welt übertragen kann. Aber sie zeigen sehr wohl, dass Vernunft, soziales Engagement, Respekt für andere Kulturen und Religionen mit dem Islam vereinbar sind. Mehr als das - diese Dinge sind unveräußerliche Bestandteile der muslimischen Geisteshaltung, wenn man es damit wirklich ernst meint.


ZDF: Gibt es ein spezifisches Anliegen, das diese Würdenträger gegenüber einem deutschen Journalisten haben? Was liegt diesen mächtigen Männern wirklich am Herzen?


Gerlach: Ob mächtige Politiker, Würdenträger, Geistliche oder Studenten - man spürt ein Gefühl der Machtlosigkeit und Frustration, wenn es um den Kampf gegen das schlechte Image der islamischen Welt geht. Diese Welt erstreckt sich über drei Kontinente, sie ist ungeheuer vielfältig und voller Überraschungen. Doch unser Bild vom Islam wird maßgeblich durch verschleierte Frauen, Handabhacken und Selbstmordbomber geprägt. Der Wahhabismus, ein erzkonservativer Minderheiten-Islam, ist dafür genauso verantwortlich wie ein paar hundert Terroristen, die der Zivilisation und Menschlichkeit weltweit den Krieg erklären. Beide Gruppen haben den Islam gekidnappt, um ihm ihren Stempel aufzudrücken. Zugegebenermaßen mit recht bemerkenswertem Erfolg.

Ohne hier zu sehr historische Vergleiche überspannen zu wollen: aber als Deutscher kann ich das Gefühl nachvollziehen, das viele Muslime mit sich herumtragen. Man glaubt instinktiv, man müsse sich für etwas rechtfertigen oder erklären, das andere Menschen getan haben, die sich für die wahren Vertreter der Nation respektive Religion halten. In einer solchen Situation fühlt man sich gegenüber Dritten oft in Erklärungsnot und erkennt dabei nicht, dass der jeweilige Gegenüber die Sache unter Umständen viel differenzierter sieht, als man es ihm zugetraut hätte.

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