"Urbanität entwickelt sich auch weiter"

Matthias Horx über seine Vision des Jahres 2057

Matthias Horx, einer der renommiertesten Trend- und Zukunftsforscher Deutschlands, gründete 1998 das Zukunftsinsitut, einen Think-Tank für strategische Zukunftsberatung. Im Interview mit ZDFonline spricht er über seine ganz eigenen Visionen von der Welt in 50 Jahren.

Haus im Jahre 2057 Quelle: ZDF


ZDFonline: Inwieweit deckt sich die ZDF-Doku-Reihe mit ihren eigenen Forschungen, Visionen und Theorien für Städte des Jahres 2057?


Matthias Horx: In "2057" wird die Zukunft als eine sehr utopische Wirklichkeit inszeniert: Alles ist hochtechnologisch, dreidimensional, spektakulär. Damit reiht sich die Serie eher in die Tradition der Science Fiction ein. Ich glaube hingegen, dass sich die Zukunft des Jahres 2057 gar nicht so sehr von unserem Heute unterscheiden wird. Die technologischen Durchbrüche, die im Film geschildert werden, werden nach unserer Analyse sehr viel länger brauchen, eher bis ins 22. Jahrhundert. Unser Bild der Stadt Mitte des 21. Jahrhunderts ist eher eine "Hightech-Öko-Stadt" mit fast dörflichen, verdichteten Wohnstrukturen und einer großen architektonischen und sozialen Vielfalt. Was im Film gezeigt wurde, ist hingegen eher die Hyper-Megalopolis, ein zentralistischer Moloch inclusive Cybercops und gigantischem Zentralcomputer.


ZDFonline: Individualverkehr ist heute noch eine Selbstverständlichkeit, wird aber wohl in naher Zukunft endgültig an seine Grenzen geraten. Wie kann dieses Problem gelöst werden?


Horx: Dass unser Verkehrs-System "endgültig an seine Grenzen geraten wird", sagt man nun schon seit 200 Jahren - und es war immer falsch! Warum? Erstens: Verkehr ist ein sich selbstregelndes System. Wenn die Bewegungsdichte zu groß wird, wird es teuer oder unattraktiv, in der Stadt zu wohnen - viele Bewohner ziehen dann weg. Es entstehen Vororte oder Mittelzentren. Diesen Prozess haben wir in den letzten Jahrzehnten vor allem in den USA gesehen. Zweitens ist der Verkehr flexibler, als wir denken. In Europa oder in den USA besitzen viele Familien heute schon mehr als zwei Autos - und trotzdem fließt der Verkehr auch in Los Angeles wieder, weil man heute bessere Verkehrsleit- und Steuerungssysteme hat. Drittens wird der Bevölkerungsdruck auf die Städte gar nicht so hoch sein, wie man das noch vor Jahren dachte.

Die europäischen Großstädte verlieren heute bereits an Bevölkerung, die Metropolen der Schwellenländern wachsen nicht so rapide, wie man das annahm, weil die Geburtenrate überall rapide fällt. Im Jahre 2057 wird die Weltbevölkerung bei rund neun Milliarden Menschen ihren Höchststand erreicht haben. Von da an schrumpft sie. Glauben Sie wirklich, dass wir angesichts dieser Entwicklung in Hyper-Technologien investieren, die uns Abermilliarden kosten würden? In "2057" fliegen die Autos zu einem großen Teil durch die Luft. Zusätzlich gibt es eine Art automatisches Taxi-System, das einen individuell und automatisch von einem Ort an den anderen befördert.

Meine Prognose ist anders und nüchterner: In 50 Jahren gibt es eher einen limitierten individuellen Stadtverkehr (mit Maut, wie in London), und ein noch effektiveres öffentliches Nahverkehrssystem, wie es die europäischen und asiatischen Städte immer weiter entwickeln. Autos werden nach wie vor auf vier Rädern rollen, auch wenn es mehr Kleinflugzeuge mit Punkt- zu Punkt-Verbindungen gibt. Viele Menschen werden dann tatsächlich nicht mehr so viel reisen, weil man durch elektronische Präsenz sowohl persönliche als auch berufliche Mobilität substituieren kann.


ZDFonline: Mit dem Grad der Vernetzung wird auch der Komfort steigen. Sehen Sie neben den Chancen auch Gefahren einer solchen Entwicklung?



Horx: Die Gefahr ist, dass uns das alles entsetzlich auf die Nerven geht. Bill Gates hat über sein Supertech-Haus einmal treffend gesagt: "Ich bin der einzige, der beim Lichtanschalten eine Fehlermeldung bekommt!" Ist uns nicht gerade in Sachen Hausautomation schon seit Jahrzehnten unendlich viel Unsinn versprochen worden? Der intelligente Kühlschrank, das denkende Haus, das totalintelligente Gebäude, in dem in jedem Raum Musik erklingt - wollen Menschen wirklich in einer radikalen Techno-Sphäre leben? Ein Haus, dass alles automatisch macht, ist im Grunde eine Phantasie aus den 60er Jahren, als man noch die klassischen, sesshaften Versorgerhaushalte hatte, mit der eifrigen Hausfrau im Mittelpunkt. Heute werden wir immer mobiler, und die Funktion des Hauses ändert sich: Es wird zu einem "Mobilitäts-Hub" für seine individualisierten Bewohner. Wir gehen immer mehr ins Restaurant, wir ordern den Pizza-Service, wir essen Snacks und Conveniance-Produkte - das ist doch viel sinnvoller als ein Haus, das das Essen vorkocht?! In Zukunft wird Technologie eher wieder einfacher, diskreter, instinktiver.


ZDFonline: Wie sieht Ihrer Meinung nach zukünftig das Leben in den Ballkungszentren aus?



Horx: Große Städte sind bis zu einem gewissen Grade immer unordentlich, chaotisch. Aber Urbanität entwickelt sich auch weiter. Denken sie daran, wie New York seine Sauberkeits- und Kriminalitätsprobleme verbessert hat. Sehen Sie sich London an, eine Millionen-Stadt, in der alle Kulturen der Welt leben, und wo es eine enorm entwickelte zivile Gesellschaftsstruktur gibt. Selbst im mörderischen São Paulo geht die Kriminalitätsrate langsam zurück. Das ist alles eher ein Produkt von lernenden Verwaltungen, von geschickter Politik, nie von Technologie allein.

Natürlich wird es in den Schwellenländern chaotische Metropolen geben, aber mit wachsendem Wohlstand werden sich dort die klassischen urbanen Formen herausbilden, ein Nebeneinander der globalen Zivilgesellschaft. Mittel- und langfristig werden Städte eher wieder ergrünen, viele Funktionen der Stadt, die in der Industriegesellschaft getrennt waren - Wohnen, Kultur und Arbeiten - wachsen wieder zusammen. In China werden diese "rekombinierten" Städte heute schon gebaut, eben als Hightech-Öko-Städte. Aber auch in Europa erleben wir eine Renaissance der Stadt als Polis. Berlin zum Beispiel galt vor Kurzem noch als reinste Müllhalde, heute schätzt man die Kreativität und Vitalität der Stadt.


ZDFonline: Werden wir im Jahr 2057 rund um die Uhr bis in den privaten Raum überwacht?


Horx: Die "Big-Brother"-Fantasie geht auf Orwells berühmten Roman "1984" zurück. Dieser Roman entstand bekanntlich in der Zeit des Stalinismus und des Faschismus, als totalitäre Gesellschaftssysteme Europa und die Welt dominierten. Heute haben wir in 50 Jahre Demokratie gelernt, den Institutionen ein wenig mehr zu vertrauen. Deshalb haben wir heute weniger Angst vor der Überwachung. Ich halte die Sicherheits-Fanatik, die im Film antizipiert wurde, für reichlich übertrieben.

In 50 Jahren werden wir hoffentlich nicht mehr in einem so hysterischen Umfeld leben müssen wie heute in den Zeiten des Terrorismus. Auch die Gesundheitsfrage werden wir anders lösen müssen und können als durch ständige Überwachung. Wie wäre es mit mehr Sport und besserer Ernährung? Mit Anreizen im Gesundheitssystem und Gesundheitsunterricht in den Schulen?


ZDFonline: Gibt es Aspekte, die Sie besonders schmerzlich vermissen? Oder Dinge, die Sie besonders gelungen finden?


Horx: Im Grunde ist "2057" ein nostalgischer Film, der die Zukunft noch einmal als supertechnisches Spektakel feiert - ein sehr amerikanischer Ansatz. Ich vermisse den Wandel von menschlichen, von sozialen Beziehungen. Zum Beispiel die Rolle der Frauen. Der Wandel der Familien. Die Individualisierung. Ich finde, diese Entwicklungen muss man intensiver mitreflektieren. Zukunft wird letztlich von Menschen gemacht, nicht von Technikern, nicht von Ingenieuren, auch nicht, so spannend das auch sein mag, von den Hightech-Forschern.


ZDFonline: Was hat Ihnen an "2057" besonders gut gefallen?


Horx: Einige der Gadgets im Film, etwa das "Daumen-Handy", war echt cool. Gut finde ich auch den eher optimistischen Ansatz des Filmes.

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