Varus - Eine römische Karriere

Umstrittener Statthalter und Oberbefehlshaber der Rheintruppen

Als der im Jahr 6 n. Chr. vermutlich 53-jährige Varus nach Germanien kam, hatte er bereits eine glänzende Militärkarriere hinter sich. Erst kurz zuvor hatte ihn der Kaiser von seinem Posten in Syrien abgezogen, nun erhielt er den Oberbefehl über alle am Rhein stationierten Truppen. Seiner Order unterstanden fünf komplette Legionen mit ihren Auxiliareinheiten - ein enorm prestigeträchtiger Posten, der zudem von seinem Inhaber in absehbarer Zeit nicht allzu viel abzuverlangen schien.

Varus
Varus

Quinctilius Varus stammte aus einer alteingesessenen Adelsfamilie, die allerdings in den letzten Jahren nicht mehr sonderlich hervorgetreten war und den Zenit ihres Ansehens wohl schon überschritten hatte. "Quinctilius Varus, aus einer mehr bekannten als vornehmen Familie", nennt ihn Velleius Paterculus spöttisch. Sein Vater, der Quästor Sextus Quinctilius Varus, nahm sich im Jahr 42 v. Chr. aus nicht überlieferten Gründen das Leben. Vermutlich hatte er in den Bürgerkriegen einmal zu oft auf der falschen Seite gestanden. Publius, der wahrscheinlich 47 oder 46 v. Chr. in Alba Longa, dem heutigen Castel Gandolfo, geboren worden war, genoss eine vorzeigbare Ausbildung.

Aufstieg zum Quästor

Möglicherweise wuchs er im Haushalt seines Verwandten Quinctilius Varus Cremonensis auf, in dessen Villa nahe dem heutigen Tivoli ein reger kultureller Gesellschaftsverkehr unterhalten wurde. Vergil, Horaz und andere Größen ihrer Zeit gaben sich hier die Klinke in die Hand. Horaz verewigte das Haus sogar in einem seiner Werke. Varus könnte demgemäß von Jugend an bereits mit der intellektuellen Elite Roms verkehrt haben. In jedem Fall aber reichte seine gesellschaftliche Platzierung, um trotz des skandalösen Endes seines Vaters 22 v. Chr. zum Quästor aufzusteigen, dem niedrigsten Amt der senatorischen Ämterlaufbahn, das oftmals den Einstieg in eine römische Ämterkarriere bedeutete.

Varus nutzte seinen ersten Posten, um engere Bande zum Kaiserhaus zu knüpfen, denn vermutlich begleitete er Augustus auf dessen Orientreise in den Jahren 22 bis 19. v. Chr. Sechs Jahre später, 13 v. Chr., wurde er gemeinsam mit Augustus' Stiefsohn Tiberius Konsul und hatte damit das höchste Amt Roms inne, auch wenn es zu dieser Zeit bereits an realem politischem Einfluss stark eingebüßt hatte. Die enge Bindung zum Kaiserhaus baute Varus in dieser Zeit weiter aus. Seine Frau Claudia Pulchra war eine Großnichte des Kaisers. Velleius Paterculus beschreibt ihn als einen "Mann von mildem Wesen, ruhigem Charakter", der aber "an Körper und Geist wenig regsam" gewesen sei. Seine schwungvolle Karriere in der römischen Ämterhierarchie allerdings spricht eine andere Sprache.

Statthalter in der Provinz Africa

Varus verhängt ein Urteil
Varus-Gericht

In den Jahren 7 und 6 v. Chr. wurde Varus laut Münzfunden Statthalter der Provinz Africa, dem afrikanischen Küstenstreifen entlang des Mittelmeeres. Schriftquellen aus dieser Zeit sind nicht überliefert. Dennoch wird man davon ausgehen können, dass er seine Mission ordentlich erledigte, denn ihm wurde - wie nur wenigen Statthaltern - erlaubt, sein eigenes Gesicht auf dort geschlagene Kupfermünzen zu prägen. Wir können uns also eine Vorstellung davon machen, wie der Mann ausgesehen hat, der der legendären Schlacht seinen Namen geben musste. Verschiedene Geldstücke mit dem Konterfei des Varus sind bekannt, die in ihrer Präzision aber stark variieren.

Direkt im Anschluss an Afrika wurde Quinctilius Varus Statthalter in der Provinz Syrien, ein ausgesprochen heikler Posten, da Syrien die Grenze zum Partherreich bildete. Die Parther kontrollierten das Land östlich des Euphrat bis zum Hindus. Das mögliche Einfallstor dieser gewaltigen Macht im Osten zu sichern, war eine schwierige Aufgabe, aber auch eine prestigeträchtige. Um sie zu meistern, befehligte Varus nun mit drei kompletten Legionen einen der stärksten Heeresverbände des Reiches. Der "legatus Augusti pro praetore", wie Varus offizieller Titel lautete, musste sich um Palästina ebenso kümmern wie um das verbündete judäische Königreich des Herodes, als dessen Berater Varus auftrat.

Hartes Durchgreifen in Jerusalem

Als Herodes, der König von Judäa, im Jahr 4 v.Chr. starb, brachen in der jüdischen Bevölkerung Unruhen aus. Varus griff hart durch, wie der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus berichtet. Er stationierte drei römische Legionen in Jerusalem, um die Lage unter Kontrolle zu bringen - allerdings vergebens. Erneute Aufstände flammten auf, in deren Folge die Römer den Tempelbezirk verwüsteten und den Tempel plünderten. Ausgehend von Jerusalem erfasste die Flamme des Aufstands die gesamte Provinz Judäa.

Wiederum zögerte Varus nicht lange und zwang mit zwei weiteren Legionen die Aufständischen nieder. 2.000 Aufrührer habe er kreuzigen lassen, so die Quellen. Sein rigoroses Vorgehen hatte sein Ziel insofern erreicht, als in der Region Ruhe einkehrte. Der Statthalter hatte zudem seine Fähigkeit gezeigt, die Legionen geschickt zu führen und in einer Region mit wechselhaften Allianzen den Überblick zu behalten. Das spöttische Urteil des Velleius, Varus sei "mehr an das Nichtstun im Lager als an wirklichen Kriegsdienst gewöhnt", scheint nicht zuzutreffen.

Griff in die Staatskasse

Wahrscheinlich im Jahr 3 n. Chr. wurde der Statthalter aus Syrien abgezogen, ohne dass wir die genauen Gründe dafür erfahren. Seinen Abschied aus der Provinz versüßte er sich laut Velleius Paterculus mit einem kräftigen Griff in die provinzielle Staatskasse. "Wie wenig er übrigens das Geld verachtete, zeigte er in Syrien, dessen Statthalter er gewesen war. Arm kam er in die reiche Provinz und reich ging er aus der armen fort", so der Geschichtsschreiber. Dieser Satz ist wohl der am häufigsten zitierte, um den Charakter des Varus zu beschreiben, doch das harsche Urteil des Velleius wird ihm nicht gerecht.

Wir wissen nicht, in welchem Maße Varus in Syrien Raubbau betrieben hat. Doch er machte genau das, was alle anderen auch taten: Es entsprach absolut den Gepflogenheiten der Zeit, sich reichhaltig aus dem jeweiligen Machtbereich zu bedienen, solange man dazu die Gelegenheit hatte. Niemand Geringeres als Caesar hatte während seiner Statthalterschaft in Südspanien in kaum einem Jahr seinen hoffnungslos überschuldeten Haushalt komplett saniert.

Hoch beladen verließ also das Schiff des Statthalters den Nahen Osten und Varus machte sich auf nach Norden, um seinen neuen Posten als Oberbefehlshaber der Rheintruppen anzutreten. Das Kommando war nicht ungefährlich, doch zumindest im Jahr 6 n.Chr. sah es so aus, als könnten es auch einige ruhige Jahre am Rhein für Quinctilius Varus werden. Ein idealer Posten für den Mann, den der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus als "geistig bequem und körperlich behäbig" beschrieb.

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