Venedig aus der Luft

Neue Erkenntnisse über die Gesetze der Perspektive

Von der Herberge aus erkundet Albrecht Dürer die Stadt mit dem Ziel, die von ihm so bewunderten italienischen Maler persönlich kennen zu lernen. Über seine Ehefrau Agnes, die einer angesehenen Nürnberger Patrizierfamilie entstammt, hat er Ansprechpartner wie Anton Kolb, die ihm helfen können.

Immerhin verdankt Dürer einem Landsmann, dem einflussreichen Unternehmer und Verleger Anton Kolb, dass er nur wenig unliebsame Bekanntschaft mit Venedigs Bürokratie machen muss. Die Stadtverwaltung hat Kolb sogar einen Großauftrag von nie gekannter Dimension anvertraut: Er soll eine detailgetreue Karte Venedigs herstellen

Blick aus 300 Meter Höhe

Kolbs akribisch ausgeführtes Werk gibt den Wissenschaftlern noch 500 Jahre später Rätsel auf. Im Maßstab von 1:750 zeigt der Holzschnitt jedes Gebäude, jeden Kanal, jede Gasse. Das Bemerkenswerte an der Karte ist der Blick aus 300 Metern Höhe. Ein Standpunkt, den zu Dürers Zeit kein Mensch einnehmen konnte.




Die wichtigsten Gebäude der Stadt sind präzise wieder gegeben, mit Fenstern, Säulen, Bögen und sogar Zinnen. Der Dogenpalast, die zahlreichen Kirchen, das Zollamt an der Mündung des Canal Grande - die Hauptverkehrsader der Stadt. Für die umfangreichen Vorarbeiten beschäftigt der erfahrene Unternehmer über mehrere Jahre ein ganzes Heer von Vermessungsfachleuten und Zeichnern. Sie benutzen modernste Hilfsmittel. Mit dem Glastafelapparat beispielsweise erfassen sie die Fassaden der wichtigsten Gebäude präzise und maßstabsgerecht.




Neue technische Möglichkeiten

Erst mit Hilfe der geometrischen Gesetze der Perspektive, die Baumeister, Mathematiker und Maler kurz zuvor in Oberitalien entwickelt haben, ist es möglich, die vielen Einzelzeichnungen zu einem großen Ganzen zusammen zu fügen. Dürer ist begeistert von den neuen technischen Möglichkeiten. Sein Mentor Anton Kolb versucht, den jungen Künstler für die Arbeit an der Karte zu gewinnen, aber Dürer hat andere Pläne. Ein Vierteljahrhundert später beschreibt Dürer in seinem Lehrbuch "Unterweisung der Messung" den korrekten Umgang mit den Gesetzen der Perspektive. Vieles davon hat er in Italien gelernt.



Seine neu erworbenen Kenntnisse über die Perspektive lassen Dürer die Stadt mit anderen Augen sehen. Er erkennt die geplante Wirkung architektonischer Details. Die Architektur selbst gibt ihm allerdings immer noch Rätsel auf. Die Häuser scheinen direkt aus dem Wasser zu ragen. Wie kann eine ganze Stadt auf so unsicherem Grund ruhen?

Neun Pfähle pro Quadratmeter

Was Dürer verborgen bleibt: Die Konstrukteure der Lagunenmetropole haben Holzpfähle in den Schlamm getrieben - bis hinunter zu den festeren Lehm- und Sandschichten. Im Salzwasser - unter Luftabschluss - wird das Holz hart wie Beton, und sie halten Jahrhunderte lang. Neun Pfähle pro Quadratmeter stützen die Fundamente der Häuser. Millionen von Bäumen, ganze Wälder wurden auf dem Festland geschlagen, um die Stadt im Wasser zu errichten.


Bis in die Gegenwart muss bei Kanalarbeiten dafür gesorgt werden, dass die hölzernen Fundamente unter Wasser bleiben. Nur die Auflage aus Kalksteinblöcken wird ausgebessert. Der Kalkstein verhindert, dass Salzwasser in die Ziegelmauern der Häuser eindringt und sie zerstört.




Wunder der Baukunst

Wie ausgefeilt diese Fundamentkonstruktion ist, zeigt der Dogenpalast mit dem Großen Ratssaal. Obwohl der Untergrund seit dem Verlegen vor über 500 Jahren mehrmals nachgegeben hat, zeigt der Boden nicht den winzigsten Riss. Die größte freitragende Halle der damaligen Zeit ist ein Wunder der Baukunst.




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