Venezianische Glasindustrie

Staatsgeheimnis auf isoliertem Eiland

Albrecht Dürer bewundert neben der Kunst der Venezianer vor allem auch ihr kaufmännisches Geschick. Aber während Venedigs Mächtige in Kunst und Kommerz ihren Geschäften nachgehen, kann Dürer nur abwarten und seine Studien vorantreiben. Geheimgehaltene technische Entwicklungen wie die venezianische Art der Glasherstellung entgehen ihm aber.

Das Geschäftsviertel um die Rialtobrücke, damals ganz aus Holz, kannte er bereits in und auswendig. Es galt als das deutsche Viertel, bekannt vor allem durch das deutsche Handelshaus, der "Fondacco tedescchi". Hier hatten deutsche Bäcker und Schuster ihre Läden, und auf der Straße und in den meisten Tavernen wurde deutsch gesprochen. Zu Dürers Zeit war die Rialtobrücke der einzige Fußweg über den Canal-Grande.

Krustentiere als Modelle

Der Fischmarkt unmittelbar neben der Rialto-Brücke hat bis heute eine zentrale wirtschaftliche Bedeutung. Hier wird der Fang aus der Lagune wie vor 500 Jahren frisch an den Endverbraucher verkauft. Bizarre Meeresbewohner standen auch im Deutschen Haus auf dem Speiseplan und so macht Dürer viele neue Erfahrungen. Was dem Venezianer ein köstliches Abendessen, ist für Albrecht Dürer Modell. Zwar kennt der Maler Flusskrebse aus Nürnberg, doch ein Krustentier mit größerem Ausmaß ist ihm fremd. Das exotische Wesen beeindruckt ihn so sehr, dass er es anatomisch genau porträtiert. Dürer richtet sich hier erstmals auf die unscheinbaren Kreaturen der Natur.

Notwendige Schutzmaßnahme

Mehr noch als für die Wunder der Natur hätte sich Dürer wohl für die technischen Wunder Venedigs interessiert. Aber die Stadt hütet ihre Geheimnisse gut auf den Inseln der Lagune. Eine davon ist Murano. Im Jahr 1291 wurde per Dekret ein streng geheimer Industriezweig aus der Innenstadt nach Murano verlagert: Die Glasindustrie. Das Gesetz, das die Glasbläser zum Umzug zwang, war aus zwei Gründen erlassen worden.


Zum einen hatten die Glasöfen immer wieder verheerende Brände verursacht, denen ganze Stadtviertel zum Opfer gefallen waren. Die Umsiedelung war also eine notwendige Katastrophenschutzmaßnahme. Zum anderen war das Herstellungsverfahren des berühmten venezianischen Glases ein Staatsgeheimnis, das auf dem isolierten Eiland besser vor Industriespionen geschützt werden konnte. Die Glasbläser waren Geheimnisträger und standen unter staatlicher Aufsicht. Verräter mussten mit drakonischen Strafen rechnen.

Besondere Privilegien

Die Geheimnisse des Glases waren den Venezianern sehr wichtig. Bestimmte Produktionsverfahren, aber auch die Rezepturen der Glasfärbungen. So wurden um 1500 für die Färbung des Glases auch bestimmte Algen aus der Lagune verwendet - das wussten nicht viele. Wer solche Geheimnisse preisgab, dem wurde zumindest eine Hand abgeschlagen. Es gab ein Ausfuhrverbot für Glaspaste und von Werkzeugen, die man zur Glaserzeugung benötigt. Eingeführtes Glas als "venezianisch" zu bezeichnen stand unter Strafe. Es gab also schon gewerblichen Rechtsschutz.


Die Betreiber der Brennöfen und die Glasbläsermeister waren sozial abgesichert. Bei Krankheit, bei Unfall oder im Alter wurden sie aus einem eigenen Versorgungsfond unterstützt. Die Glasbläsermeister hatten besondere Privilegien. Sie konnten in den Adel einheiraten, ja sogar die Tochter des Dogen zur Frau nehmen. Sie saßen bei den großen Festlichkeiten der Stadt, den Regatten an ganz besonderen Plätzen auf den Balkonen der Paläste. Vor allem aber nahmen sie aktiv am politischen Leben der Stadt teil.

Dürer hat nie eine venezianische Glashütte von innen gesehen. Die unglaublichen Farben, für die die Gläser in aller Welt berühmt waren, begeisterten ihn sicher, waren es doch die Farben Venedigs, die er jeden Tag vor Augen hatte - und jede Nacht. Angeblich verdienten um die 11.000 Liebesdienerinnen ihren Unterhalt mit dem ältesten Gewerbe der Welt. Immerhin ein Zehntel der Bevölkerung. Es kursierten sogar gedruckte Kataloge mit Namen und Preisen der Kurtisanen. Gesetze regelten, wo sie wohnen durften und wie sie sich in der Öffentlichkeit zu verhalten hatten. Auf sie verzichten wollte Venedig nicht. Denn allein von den Steuern, die die Prostituierten zahlten, konnten jährlich drei Kriegsschiffe gebaut werden.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet