Verfallene Kultbauten sichtbar machen

Mit Lichtzeichnungen auf Spurensuche

Mit einem eigens entwickelten Beleuchtungs-Verfahren macht Michael Engler die Spuren der Vergangenheit sichtbar. Für ZDFonline erläutert der Filmemacher, wie er vorgegangen ist.

Viele antike Monumente aus Stein beeindrucken die Menschen bis heute. Ob die gewaltigen Pyramiden Ägyptens oder die legendären Ruinen mediterraner Arenen und Tempel auf dem Bildschirm erscheinen, der Zuschauer zeigt sich fasziniert - allein schon von der unglaublichen Bauleistung der frühen Architekten.

Aber wie kann ein Filmemacher Interesse wecken, wenn die Überreste historischer Stätten nur aus Erde bestehen? Auch die Ureinwohner Nordamerikas schufen über Jahrtausende eindrucksvolle Kultbauten. Von Gras überwachsen, präsentieren sich die Gebilde heute Grün in Grün und in ihrer Umgebung kaum noch erkennbar. Von einst geschäftigen Tempelorten, Observatorien oder Opferplätzen blieben nur bescheidene Hügel, Wälle und Gräben erhalten. Als einmalig auf der Welt gelten die Effigy Mounds, Hügel in Tiergestalt. Sie stellen Schlangen, Bären, Hirsche oder Vögel dar. Aber selbst der geübte Fachmann kann heute nur mit großer Mühe die niedrigen Umrisse der Anlagen in der Landschaft ausmachen.

Spezielles Verfahren

Um solche unscheinbaren Bodendenkmäler eindrucksvoll vorstellen zu können, habe ich für den "Terra X"-Film "Pyramiden in Amerika" ein spezielles Ausleuchtungsverfahren eingesetzt. Die von mir entwickelte Methode nenne ich "Lichtzeichnungen". Das heißt: Erhebungen, die kaum noch wahrzunehmen sind, werden mit Hilfe von Licht nachgezeichnet. Die Hügel erscheinen dann deutlich als helle Linien und Formen im realen Filmbild und führen dem Zuschauer die ursprüngliche Gestalt des Erdwerks vor Augen. Besonders wenn die Konturen sich nur sehr schwach im Gelände abheben, bleibt allein die Lichtzeichnung als Möglichkeit der bildnerischen Wiedergabe.

Seit Jahren nehme ich mit diesem Verfahren Geschichtsspuren in deutschen Landschaften auf. Wie im fotografischen Prozess selbst werden dabei latente Bilder sichtbar gemacht. Sie erzählen vom Leben der Vorfahren im Lauf verschiedener Epochen. Meine Arbeiten führten zu mehreren preisgekrönten Veröffentlichungen.

Mit der Lampe unterwegs

Für den Film brachte ich das Lichtbild-Verfahren in Bewegung. Dafür ist es - neben der perfekten Ausleuchtung - nötig, ein Objekt von demselben Standpunkt aus zu filmen, von dem später die Lichtzeichnung fotografiert wird. Zum Verfahren: Nachdem die Filmaufnahmen bei Tageslicht gemacht sind, wartet das Team den richtigen Zeitpunkt für die Belichtung der fotografischen Platte ab. Die Großbildkamera steht auf einem schweren Stativ, direkt neben der Filmkamera. Sobald es dunkel genug ist, wird der Verschluss zur Langzeitbelichtung geöffnet. Dann schreitet der Filmemacher mit mehreren Akkus und Lampen durch die Landschaft und zeichnet die Erhebungen mit dem Licht nach, leuchtet sie sozusagen im Vorbeigehen aus. Er selbst bleibt dabei unsichtbar. Die optischen Signale seiner Assistenten helfen ihm, im Dunkeln nicht in die Kamera zu leuchten. Denn das würde das Bild zerstören und die oft stundenlange Arbeit zunichte machen.

Am konkreten Beispiel des Serpent Mound in Ohio, der fast 400 Meter langen Riesenschlange aus Erde, kann ich das Vorgehen erläutern. Der gewählte Abstand zum Tierhügel sowie meine Schrittgeschwindigkeit bestimmen die Belichtungszeit. Gehe ich langsamer, wird der Mound heller ausgeleuchtet. Laufe ich aber zu schnell, erscheint der Erdwall unterbelichtet. Das deutet bereits an, welche Fehlerquellen in dem Verfahren lauern. Andererseits bleibt aber auch Raum für Gestaltung und Ausformung der Objekte. Bei der Schlange sollte der Körper des Reptils herausgearbeitet werden. Um den ästhetischen Schwung der Figur nicht zu beeinträchtigen, durfte kein Lichtstrahl den Boden treffen.

Die Wanderung mit der Lampe dauerte mehr als eine halbe Stunde: Zum einen, weil der Wall von beiden Seiten belichtet werden musste, aber auch weil die große Entfernung zwischen Kamera und Schlange die Belichtungszeit zusätzlich verlängerte. Denn die Lichtkraft nimmt bekanntlich im Quadrat der Entfernung ab. Andere Effigy Mounds - in Form von Bären, Adlern oder Donnervögeln - liegen in Gruppen beieinander. Die Lichtwanderung entlang mehrerer, häufig nur kniehoher Tierfiguren benötigte meist mehr als eine Stunde.

600 Einzelbilder für die Riesenschlange

Zu Hause begann abschließend der aufwändige Prozess, die von der Großbildkamera aufgezeichneten Ausleuchtungen mit den Filmaufnahmen zu kombinieren. Die sehr komplizierten Kranfahrten der einzelnen Szenen mussten auf den Fotografien mit der Trickkamera in gleichem Bildausschnitt und gleicher Geschwindigkeit wiederholt werden. Dadurch decken sich die Lichtspuren mit den realen Erdhügeln. Es wird sogar möglich, sie im Lauf der Bewegung ineinander zu blenden - so das einfachere Verfahren.

Andere Ausleuchtungen sollten in die Filmszenen hineinlaufen und erst dabei ihre Gestalt annehmen. Dafür musste ich die Lichtzeichnungen in einzelne Phasen zerlegen. Die Riesenschlange brachte es auf 600 Einzelbilder. Sie entstanden aus nur einem Foto, in dem die ausgeleuchtete Schlange Millimeter für Millimeter gelöscht wurde. Fügt man diesen Phasentrick wieder zusammen - Bild für Bild wie beim Daumenkino - , so schlängelt sich die Licht-Schlange langsam in die reale Filmszene und gewinnt schließlich in der Gesamtübersicht ihre endgültige Gestalt. Auch bei der optischen Aufbereitung gut erhaltener Hügelbauten half das Verfahren. Wenn das Licht zum Beispiel entlang der Wälle eines riesigen Oktogons gleitet, können die Peillinien einer antiken Sternwarte vor Augen "gezaubert" werden. In anderen Fällen hebt die Ausleuchtung Bollwerke hervor, die nach dem Glauben der frühen Indianer im Osten Nordamerikas Kultanlagen vor bösen Geistern schützen sollten.

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