Verirrte Geister aus der Traumzeit

Warum die Aborigines die Knochen ihrer Ahnen zurückfordern

Für Aborigines besteht die Welt aus einer geschlossenen Einheit. Reißt man einen Gegenstand oder ein Lebewesen von seinem angestammten Platz, ist der Kreislauf des Lebens unterbrochen. Diesen Glauben leben die australischen Ureinwohner schon seit Jahrtausenden. Deshalb fordern sie vehement die Skelette ihrer Verstorbenen zurück, die zu Tausenden in den Archiven westlicher Museen lagern.

Felsmalerei der Aborigines
Felsmalerei der Aborigines Quelle: adler

Die Welt der Aborigines, der australischen Ureinwohner, steckt voller mythischer Figuren und ist für einen Außenstehenden nur schwer zu begreifen. Sie ist bestimmt von der "Traumzeit", einer alles durchdringenden Vergangenheit, in der der Himmel, das Land, die Lebewesen und alle Erscheinungen des Universums, aber auch Recht und Gesetz ihren Ursprung finden.

Legenden aus der "Traumzeit"

Die Traumzeit bildet die Grundlage ihrer Gesellschaftsstruktur: Die Aborigines leiten ihr Weltbild, ihre Werte, Regeln und Normen sowie ihr eigenes Selbstverständnis von der Traumzeit ab.

Ayers Rock
Australien: Ayers Rock - Uluru Quelle: ZDF,bublath, joachim

Die Traumzeit, englisch "dreaming", wird durch mündlich tradierte Geschichten überliefert. Es handelt sich dabei aber nicht um Geschichten, wie wir sie kennen, sondern um rituell erzählte Legenden. In ihnen wird berichtet, wie Schöpfungsfiguren topografische Gegebenheiten wie Berge und Flüsse schufen, Tieren und Pflanzen ihre Namen gaben und die Totems, die Bestimmungen, der Lebewesen festsetzten.

Eines der wichtigsten dieser Wesen, die auch stets als spirituelle Ahnin angesehen wird, ist die Regenbogenschlange. Sie soll auf ihrem Weg durch Australien Berge, Täler und Wasserläufe erschaffen haben. Bei vielen Aborigines-Völkern ist sie jedoch ebenfalls die Sonne, die den Regenbogen erschafft und das Wasser behütet.

Jedem Aborigines ein Totem zugeordnet

Das Weltbild der Aborigines ist in höchstem Grade geosophisch, das bedeutet, dass sich die Geschichten und damit die Wirkungskraft der Traumzeit und ihrer Figuren in den topografischen beziehungsweise geografischen Gegebenheiten und heiligen Stätten des Landes widerspiegeln. Jeder Fluss, jeder Stein, jede geologische Formation hat eine eigene Traumzeitgeschichte zu erzählen. Die heiligen Stätten und das zu der jeweiligen Sippe gehörige Land war hierdurch seit jeher bedeutsam für die Identität von Individuum und Gruppe.

Felsgebilde in den Weiten Australiens
Karlu_Karlu_imago_McPHOTO_Wasiolka Quelle: imago/McPHOTO/Wasiolka

Diese Bedeutung der heiligen Stätten für den Einzelnen, aber auch für die gesamte Gesellschaft ergibt sich aus der Tatsache, dass jedem Wesen und damit auch jedem Aborigines seit jeher ein eigenes "dreaming", ein Totem zugewiesen ist. Dieses Totem ordnet den Betreffenden nicht nur in die Gesellschaft ein, sondern auch in das Gesamtgefüge der Welt: Es verknüpft die Person eng mit dem jeweiligen Totemtier - zum Beispiels einem Känguru oder einem Vogel - und mit dem ihm zugeteilten Land, mit dem eine untrennbare Verbindung besteht. Daraus resultieren bestimmte Aufgaben, Rechte und Pflichten.

Kreislauf des Lebens unterbrochen

Für die Aborigines ist alles eng miteinander verknüpft. Alles ist als Einheit geschaffen, in der jede Erscheinung, jedes Objekt und jedes Wesen seinen genau festgelegten Platz einnimmt. Als Aborigines hat man die Aufgabe, diese Einheit zu wahren und zu beschützen, denn die Eingeborenen sehen sich auch als spirituelle Nachkommen jener Schöpfergeister, die in der Traumzeit wirken. Ihre Seelen, die so genannten "Spirits", die auch vermeintlich tote Objekte beseelen, stammen aus der Traumzeit und kehren nach dem Tod dorthin zurück. Deshalb fühlen sich die Aborigines verpflichtet dafür zu sorgen, dass alles seinen zugedachten Platz behält und das Weltgefüge bestehen bleibt.

Dieses Gefüge ist jedoch seit mehr als einem Jahrhundert gestört: Nachdem die Skelette der Aborigines während der Kolonialzeit von ihrem angestammten Platz entfernt wurden, wandern im Glauben der Aborigines nun die Geister, die Spirits der Toten, umher und kommen nicht zur Ruhe. Eine Rückkehr in die Traumzeit ist nur in ihrer Heimat, an ihrem angestammten Platz, möglich. In ihrem Glauben zieht dieses Ungleichgewicht Tod und Verderben nach sich - weshalb sie Geister ihrer Ahnen wieder nach Australien zurückbringen wollen.

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