Vermessung und Rekonstruktion

Auf der Suche nach dem Geheimnis

Das Wissen einer großen Kultur lag vor hundert Jahren noch unberührt unter dem "Leichentuch des Flugsandes", wie es Robert Koldewey formulierte. Heutzutage ermöglicht moderne Technik eine detailgetreue Rekonstruktion.

"Unwillkürlich", so schreibt Koldewey, "erinnert das Ruinenfeld an den Fluch des biblischen Propheten: "...und Babel soll nimmermehr bewohnet werden, und niemand drinnen hausen". Babylon - ein ewiges Rätsel? Konnte Koldewey ahnen, dass schon hundert Jahre später ganz neue Methoden entwickelt würden, um das Geheimnis Babylon zu lüften?

Wertvolle Hinweise

Detailscharfe Fotos eines russischen Aufklärungssatelliten sind für die Luftbildarchäologie von unschätzbarem Wert. Aus der extremen Vogelperspektive kann der Fachmann oft wertvolle Hinweise gewinnen. Umrisse von ehemaligen Bauwerken, die unerkannt im Boden schlummern, werden auf den Luftbildern durch Farb- und Vegetationsveränderung erkennbar. Das alte Babylon ist zum ersten Mal auf einer Satellitenaufnahme zu sehen. Das Luftbild zeigt, dass nur ein kleiner Bruchteil der alten Stadtfläche bis heute archäologisch erfasst wurde. Auch vom Erdboden aus gesehen ist die Rekonstruktion Babylons beeindruckend. Gewaltige Mauern, weite Plätze und verwinkelte Seitengassen lassen ahnen, wie großstädtisch es in dieser Metropole einst zuging. Rekonstruiert wurde nur ein kleiner Teil des einstigen Babylon: In Wirklichkeit war Nebukadnezars Stadt über 60 mal größer.

Noch heute ist deutlich aus der Vogelperspektive ein Gebäude auszumachen, das zu einer eigenen Legende werden sollte: der Turm zu Babel, heute nichts weiter als ein Wassertümpel. Die Luftaufnahme zeigt, dass der Bau offenbar quadratisch angelegt war. Die Rekonstruktionen mittelalterlicher Maler sind also reine Phantasie. Der "Turm zu Babel" war kein Rundturm, sondern ein quadratischer Stufenbau, vermutlich fast 100 Meter hoch. Das mächtige Bauwerk, das hier einst stand, hat die Phantasien aller Zeiten angestachelt. Der Turm zu Babel wurde - mehr noch als die Stadt - zu einem Symbol für zügellosen Hochmut, der vor dem Fall kommt.

Weg in den Himmel

Herodot, der Vater der Geschichtsschreibung, hat den Turm zu Babel wohl noch halbwegs erhalten gesehen - auch wenn schon unter dem Sohn Nebukadnezars der Verfall der Metropole begann. Zumindest in seiner Phantasie konnte Herodot sich ausmalen, wie prächtig einst die königliche Prozession den Aufstieg begann - den Aufstieg hinauf zum blauen Hochtempel des Stadtgottes Marduk.

Der Weg hinauf zum Stadtgott Marduk war ein Weg in den Himmel, ein Weg zu den Sternen. Und ganz oben - am höchsten Ort des massiven Stufentempels - da wohnt Gott Marduk, so berichtet Herodot. "Auf einem goldenen Bette", so fabuliert er, "liege eine babylonische Jungfrau, die Vermählte des Gottes - und von Zeit zu Zeit erscheine der Gott auch selbst: Marduk - der göttliche Herrscher. Der große Gott Babylons; der Gott, der alles weiß, der alles sieht. In Herodots phantastischem Bericht vermischen sich Traum und Wirklichkeit. Auch er kann nur erzählen, was man zu seiner Zeit in den verfallenden Straßen von Babylon raunt.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet