Versager oder Sündenbock?

Die Schuld des Quinctilius Varus

Die Ansichten über Varus' Schuld am Untergang seiner Truppen sind im Laufe der Geschichte sehr unterschiedlich ausgefallen. Die antiken Historiografen waren sich einig, dass der Feldherr komplett versagt hatte.

Varus nach der Schlacht (Spielszene)
Varus nach der Schlacht (Spielszene)

"Das beste Heer von allen, das an Manneszucht, Tapferkeit und Kriegserfahrung unter den römischen Truppen das erste war, geriet durch die Stumpfheit seines Führers, die Tücke des Feindes und die Missgunst des Schicksals in die Falle", klagt Velleius Paterculus. Doch überrascht das harsche Urteil aus der Sicht römischer Schreiber? Sicherlich nicht, denn für eine Katastrophe solchen Ausmaßes musste ein Sündenbock her. Und jemand, der sich nicht mehr gegen Anschuldigungen wehren konnte, bot sich da besonders an.

Als Unglücksrabe verlacht

Das Urteil der älteren Historiker fiel kaum weniger streng aus. Theodor Mommsen verunglimpfte ihn als "Hofgeneral" und "Popanz" ohne jede militärische Begabung und Erfahrung. In Scheffels Studentenmoritat von den frech gewordenen Römern, die nach Deutschlands Norden zogen, wird er seit Jahrzehnten als Unglücksrabe verlacht. Er ist da eine Verliererfigur, "er geriet in einen Sumpf, verlor zwei Stiefel und ein Strumpf und blieb elend stecken. Da sprach er voll Ärgernussen zum Centurio Titiussen: 'Kamerade, zeuch dein Schwert hervor und von hinten mich durchbohr, da doch alles futsch ist.'"

Moderne Historiker dagegen haben das strenge Urteil des Velleius Paterculus ins Reich der Fantasie eines grantigen alten Soldaten verwiesen. Nicht die Fehler des Varus, sondern eine Verkettung von für die Römer nachteiligen Umständen habe das Heer in den Untergang getrieben. Tatsächlich scheinen Unglück und Unvermögen im Verlauf der Varusschlacht eine fatale Allianz eingegangen zu sein. Der Feldherr Varus hatte sich trotz einer Warnung für den Aufbruch in ihm unbekanntes Gelände entschieden. In Anbetracht der erdrückenden Übermacht seiner Streitkräfte mag dieser Schritt noch nachvollziehbar sein.

Rätselhafte Entscheidungen

Rätselhaft aber bleibt sein Verhalten in der Schlacht selbst. Nirgends ist die Rede von Kundschaftern, die den Truppen vorauseilten. Hatte er sich wirklich nur auf die germanischen Auxiliarkräfte verlassen, die längst abtrünnig geworden waren? Auch die Entscheidung, das Heil im Vorrücken nach Nordwesten zu suchen, wirft Fragen auf. Immerhin hätte er im Marschlager bleiben können, bis er mehr Klarheit über die Situation gehabt hätte. Und auch wenn das Wetter eine Orientierung erschwerte, hätte es dem Feldherrn gelingen müssen, die Moral der eigentlich überlegenen Truppe aufrechtzuerhalten und ihre Kräfte zu mobilisieren.

Doch die Quellenlage lässt zu viele Fragen offen, um ein wirkliches Urteil über Verdienste oder Unvermögen des Varus zu fällen. Nur wenige Legionäre überlebten die Schlacht, konnten sich bis zum Rhein durchschlagen und berichten, was geschehen war. Ihr Dienstrang, ihre eigenen Erlebnisse und ihre Platzierung im Zug werden den Eindruck vom Ablauf des Geschehens geprägt haben. Die Intentionen der späteren Historiografen färbten die Geschichte weiter, so dass ihr wahrer Ablauf auch nach 2.000 Jahren weiterhin Rätsel aufgibt.

Widerstand unmöglich

Der Tod der Anführer hatte wie in jeder Schlacht fatale Auswirkung. "Als sich die Kunde davon verbreitet", so Cassius Dio, "leistete vom Rest der Leute, selbst wenn er noch bei Kräften war, auch nicht einer mehr Widerstand, vielmehr ahmten die einen das Beispiel ihres Feldherrn nach, während andere selbst ihre Waffen wegwarfen und sich vom Nächstbesten niedermachen ließen; denn Flucht war unmöglich, wie sehr sie einer auch ergreifen wollte."

Nach drei Tagen war den Männern des Arminius das Unvorstellbare gelungen: Sie hatten drei komplette römische Legionen vernichtet. Sogar die Feldzeichen und zwei Legionsadler hatten die Germanen laut Florus erbeutet. "Bevor der dritte in die Hände der Feinde fallen konnte, riss ihn der Standartenträger ab, steckte ihn in die Öffnungen seines Wehrgehenks und verbarg sich so im blutigen Sumpf", so das dramatische Ende der Geschichte bei Florus.

Zeit des Triumphes für die Germanen

Germanen plündern das Schlachtfeld (Spielszene)
Germanen plündern das Schlachtfeld (Spielszene)

Für die Germanen war jetzt die Zeit des Triumphes gekommen. Sie ließen alles mitgehen, was die Römer mit sich trugen: Schwerter und Schilde, die Helme, manchen Münzbeutel, den ein Legionär am Gürtel getragen haben mag. Sie zogen den Soldaten aller Wahrscheinlichkeit nach Rüstungen und Sandalen aus und bedienten sich großzügig an dem, was noch an Trossgut im Zug gewesen war. Noch mag der ein oder andere Legionär schwer verwundet am Leben gewesen sein. Doch sofern er nicht an seinen Verletzungen starb, werden die siegreichen Germanen dem Ringen ein Ende gemacht haben.

Zurück blieb ein Gelände, dessen Boden blutdurchtränkt war. Ein Morast von zerbrochenen Waffen, abgeschlagenen Gliedmaßen, Pferdekadavern und Leichen. Dann endlich herrschte Stille auf dem Schlachtfeld. Bis das Zetern der Krähen lauter wurde und die ersten Tiere aus dem Unterholz kamen, um sich über die Leichen derer herzumachen, die noch vier Tage zuvor der Stolz der römischen Armee gewesen waren.

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