Verschwörer, Merowinger und die Blutlinie Jesu

Interview mit dem Historiker Dr. Jan Rüdiger

Der Historiker Dr. Jan Rüdiger, Humboldt-Universität Berlin, im Gespräch mit Autor Georg Graffe.

Georg Graffe: Warum stoßen die Spekulationen von Lincoln/Baigent/Leigh über eine Liebesgeschichte zwischen Jesus und Maria Magdalena auf ein so großes Interesse?

Dr. Jan Rüdiger: Zunächst einmal: Magdalena ist sexy. Sie ist eine Sünderin, die bereut, das heißt: Sie hat ein Vorleben. Das macht die Heilige in der heutigen Zeit schon einmal enorm attraktiv. Allerdings stehen wir längst auf dem Standpunkt, dass es an der Sinnlichkeit nichts zu bereuen gibt, ganz im Gegenteil - sie muss unter allen Umständen etwas Positives sein. Und da kommt plötzlich die Magdalena von Lincoln/Baigent/Leigh daher. Das ist eine Frau, die ihre Sinnlichkeit auslebt und eine Liebesbeziehung mit Jesus hat. Sie bekommt Kinder von ihm und die beiden leben glücklich als Familie zusammen. Da ist keine Spur mehr von den Mysterien, die es uns so schwer machen, mit der christlichen Religion umzugehen: Jesus, der Gottmensch - wie soll man sich mit dem auf Augenhöhe unterhalten? Und wir wollen uns mit Leuten auf Augenhöhe unterhalten. Jesus, der Familienmensch, ist da einfach attraktiver.

Spuren der Maria Magdalena

Graffe: Nach den Behauptungen von Lincoln/Baigent/Leigh oder auch von Dan Brown versuchte die Kirche, die Spuren der Maria Magdalena in der Geschichte zu verwischen.

Rüdiger: Das Gegenteil ist der Fall. Das hat mit den Katharern zu tun. Im Hochmittelalter verbreitete sich in Südfrankreich eine neue Form von Religiosität, die wir Katharismus nennen. Der Katharismus ging davon aus, dass die beiden Welten - die stoffliche und die geistige - komplett getrennt sind. Jesus begriffen die Katharer als eine Art "Geistwesen", das auf der Erde kurz präsent war, um die Möglichkeit des Heils zu bringen. Aber eben nicht als Mensch. Dies widerspricht selbstverständlich dem kirchlichen Dogma, welches sagt, Jesus sei wahrer Gott und wahrer Mensch gewesen. Und gerade dieser Punkt "und wahrer Mensch" musste in jener Zeit gegen die aktuelle Bedrohung durch die Ketzer in Südfrankreich sehr stark lanciert werden. Maria Magdalena, die Frau, die Jesus berührt hatte, war eine ganz willkommene Figur, um die Menschlichkeit Jesu stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Daher wurde ihr Kult nicht etwa unterdrückt, sondern überall in Frankreich von der Kirche gefördert.

Graffe: In den Hypothesen von Lincoln/Baigent/Leigh spielt eine verborgene Linie der Merowinger eine zentrale Rolle. Lässt sich diese Annahme wissenschaftlich halten?

Rüdiger: Der Nachweis, dass die Merowinger eine angeblich verborgene und niemals durchbrochene Linie bis heute bilden, die im Geheimen sozusagen auf Standby steht, kann nur auf einer Fabrikation beruhen. Genealogien, die vor dem Jahr 1000 liegen, sind für uns nicht mehr rekonstruierbar. Und zwar deswegen, weil die Menschen der damaligen Zeit diese Dinge wenig beachteten und schon gar nicht aufschrieben. In späterer Zeit hat sich das geändert. Im Hochmittelalter erwachte ein großes Interesse an der eigenen Genealogie. Damals führte man die Stammbäume allerdings gerne auf die Trojaner oder bis zu Adam zurück. Aber es handelt sich dabei natürlich ebenfalls um Fabrikationen, die wir nicht verifizieren können. Es ist komplett unmöglich zu wissen, ob etwa ein Mensch des 12. Jahrhunderts von einem Merowinger des 6. Jahrhunderts abstammt - genauso wenig wie eben von Adam.

Das Geheimnis der Blutlinie Jesu

Graffe: In dem Buch von Lincoln/Baigent/Leigh ist die Rede von einer Geheimgesellschaft, die über Jahrhunderte hinweg das Geheimnis von der Blutlinie Jesu geschützt und bewahrt hat. Wie realistisch ist eine solche Annahme?

Rüdiger: Es ist praktisch unmöglich, eine solide Überlieferung zu bewahren, die über auch nur wenige Generationen hinweggeht, geschweige denn über mehrere Jahrhunderte. Es gibt nur eine einzige Organisation, die das geschafft hat, nämlich die katholische Kirche. Man braucht eine ungemein ausgefeilte Institution, um Inhalte menschlichen Wissens, in diesem Fall Dogmen und Überlieferungen, in einer getreuen Form zu reproduzieren, wie das die Kirche in den letzten 1600 Jahren getan hat. Aber dazu ist eben diese mächtige Institution nötig. Es ist einfach nicht möglich, dass eine Organisation, von der wir gar nichts wissen - nämlich diese Geheimgesellschaft - so gut strukturiert sein könnte, dass sie ein verlässliches Wissen so lange überliefert.

Graffe: Warum ist eine Verschwörungstheorie für viele Menschen so faszinierend?

Rüdiger: Ich glaube, das ist erst seit den 80er Jahren so. Damals kamen Begriffe wie "postmodern" oder "Patchwork-Existenz" auf. Das heißt: Mehr als je zuvor empfanden Menschen die Unübersichtlichkeit der Welt, in der sie leben. Wir sind mit dieser Unübersichtlichkeit aber ganz offensichtlich überfordert und wollen uns dieser Zumutung entziehen. Das bedeutet, dass wir heute ganz besonders für alle möglichen Sinnangebote, die eine angebliche Überschaubarkeit versprechen, empfänglich sind. Und eine Verschwörungstheorie ist ein solches Angebot. Sie enthält etwas, das uns ungemein gefällt - nämlich, dass doch nicht alles so unübersichtlich ist. Wenn man nur den richtigen Schlüssel hat, dann passt plötzlich wieder alles zusammen und die Welt ist, zumindest teilweise, wieder in Ordnung.

Moderner Mythos

Graffe: Was halten sie von dem Buch "Der Heilige Gral und seine Erben" von Lincoln/Baigent/Leigh?

Rüdiger: Das Buch entwirft im Grunde einen modernen Mythos. Dagegen ist nichts zu sagen. Unangenehm daran ist allerdings, dass es sich nicht damit begnügt. Die Autoren versuchen statt dessen, sich der wissenschaftlichen Rückendeckung zu versichern und operieren mit dem Begriff der Faktizität. Das hat aber in einem Mythos nichts zu suchen. Es ist doch eine spannende Geschichte, die sich trägt. Ich halte es für einen unglücklichen Ansatz, sie ständig mit Fakten zu vermengen und den Anschein zu erwecken, das Ganze habe mit Wissenschaft zu tun. Das ist tatsächlich problematisch an dieser Geschichte - dass sie ständig zwei Bereiche miteinander vermengt und dadurch verunreinigt.

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