Versteck im Wasserschloss

Zehn Jahre im Verlies

Mehr und mehr lernt Kaspar Hauser über die alltäglichen Dinge. Langsam bildet sich sein Bewusstsein heraus, die Vorstellung vom eigenem Ich. Nur, wer ist dieses Ich? "Wer bist Du Kaspar Hauser?" Eine Frage, die er sich selbst stellt und auf deren Antwort alle warten.

Ein Jahr nach seinem ersten Auftauchen als ungebildetes Kind schreibt Kaspar folgende Reime: "Mein erstes Jahr begrüß ich heut / In Dank und Liebe hocherfreut, / Von vieler Noth und Last gedrückt, / Von heute an genieß ich was mein Herz entzückt". Zeugnis einer empfindsamen Seele oder bloß Echo der damals vorherrschenden romantischen Stimmung? Nachts träumt er von seiner Herkunft, ein Traum kehrt immer wieder: Ein kleiner Junge läuft durch lange Gänge mit hohen Fenstern und hellen Lichtern, geführt von einer schönen Frau. An den Wänden hängen Bilder, Männer mit eisernen Kleidern, Helme und Rüstungen.

Besessener Chronist


Getrieben von den Rätseln seiner Abstammung, entwickelt sich Kaspar vom vormals stummen Sonderling zum besessenen Chronisten. 1829, mit 17, stellt er bereits die erste Reinfassung seiner Autobiografie fertig. Seine Schilderungen sind präzise. Doch liefern sie den Ermittlern keine weiteren Hinweise auf Orte einer Gefangenschaft. Immer wieder schreibt er von seinen Holzpferdchen, seinen einzigen Gefährten in der Dunkelheit.

Erst im Jahre 1924 rückt ein neuer Ort in den Mittelpunkt der Kaspar-Hauser-Forschung. Pilsach, ein verfallenes Wasserschloss in der Oberpfalz. Noch heute liegt Schloss Pilsach abgelegen vom gleichnamigen Ort und durch einen großen Park vom Dorfleben getrennt. Das Anwesen hatte im Laufe der Jahre mehrere Besitzer. Im Juli 1924 entdeckte die Dichterin Klara Hofer ein Verlies, einen niedrigen Raum, eingebaut als nicht erkennbares Zwischengeschoss zwischen Parterre und erstem Stock. Ein geniales Versteck: von außen fast nicht zu erkennen, durch zwei Meter dickes Mauerwerk lautlos von allem abgeschirmt. Der Zugang zum Verlies liegt heute im ersten Stock. Durch eine etwa 80 Zentimeter hohe Türöffnung gelangt man in den eigentlichen Kerkerraum: 4 Meter 30 lang, zwei ein halb Meter breit und 1 Meter 65 hoch. Einzige Lichtquelle ist das winzige Fenster, versperrt durch ein markantes Eisengitter. Ein Eisengitter, wie eine Blüte aus Kaspars Zeichnungen.

Erstaunlicher Fund

Bei der Renovierung 1982 macht der jetzige Besitzer des Schlosses einen erstaunlichen Fund. Hinter der Treppe zum Zwischengeschoss entdeckt er im Schutt ein Spielzeugpferd, das in vielen Details dem entspricht, was Kaspar Hauser überliefert hat. Ist das die Vorlage für die in Schloss Beuggen gefundene Pferdezeichnung? Oder nur ein Zufall? Nach Meinung der Hauser-Forschung soll Kaspar zehn Jahre hier eingesperrt gewesen sein - im Alter von sechs bis sechzehn Jahren. Zehn Jahre, in denen ein Kind wächst, neue Kleider braucht, essen und trinken muss.


Wer kümmerte sich um ihn? In Kaspars Erinnerung ist da niemand. Er hatte hat nie einen Menschen gesehen, auch niemals einen gehört. Kaspar erinnert sich nur, wie seine Kerkerhaft eines Tages plötzlich endet. Ein Mann kommt, um mit ihm das Schreiben seines Namens zu üben. Kaspar Hauser. Woher der Name stammt, bleibt ein Geheimnis. Der unbekannte Bewacher schleppt ihn aus dem Verlies, bringt ihm das Gehen bei und schickt ihn los.

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