Verteidigung statt Angriff

Peking rüstet sich mit der Großen Mauer gegen Angriffe der Mongolen

Die Geschichte der Großen Mauer begann im Nordosten Chinas. Mit der Machtübernahme durch Ming-Kaiser Yongle wurde Peking 1421 zur "Nördlichen Hauptstadt" erkoren. Peking war stets durch die Nordgrenze von den dort lebenden Steppennomaden gefährdet. Die auf Verteidigung bedachten Chinesen sahen den einzigen Ausweg im Bau einer Schutzmauer.

Mauer der Ming-Dynastie
Mauer der Ming-Dynastie

In Peking residierten die Kaiser der Ming-Dynastie in der Verbotenen Stadt. Sie galt als Zentrum der Welt, von hier aus herrschte der Kaiser über "alles unter dem Himmel". Bei prächtigen Audienzen demonstrierte der Sohn des Himmels seine Macht. Wie das gesamte Leben bei Hofe folgte die Zeremonie einem strengen Ritual. "Ohne Ritual einen Staat zu regieren, ist wie Pflügen ohne Pflugschar", hieß es. Und unverrückbar wie der Polarstern am Himmel stand der Kaiser im Zentrum der Erde - er ist Oberhaupt und Mittelpunkt des Reichs der Mitte.

Überflüssige Kontakte

Kaum ein anderer Regent der Ming-Dynastie verkörperte dieses Prinzip so konsequent wie Kaiser Jiajing, seit 1522 der Herrscher auf dem Drachenthron. Zu jener Zeit galten in China alle Angehörigen fremder Kulturen als "Barbaren". Diplomatische Kontakte oder gar Handelsbeziehungen zu anderen Völkern waren aus chinesischer Sicht überflüssig. Sogar das Recht, Tribut zu zahlen, war eine Ehre, die der Kaiser erst einmal gewähren musste.

Im Jahre 1548 brachte eine Gesandtschaft mongolischer Nomaden eine Botschaft zur Verbotenen Stadt. Darin ersuchte man Kaiser Jiajing nicht zum ersten Mal, Tribut leisten zu dürfen - in der Hoffnung auf Gegengeschenke. Eine Art ritualisierter Handel also. Die Botschaft stammte aus Hohhot, Sitz des Mongolenfürsten Altan Khan. Altan Khan residierte in einem Palast, den er sich nach chinesischem Vorbild erbauen ließ. Er war ein Bewunderer der chinesischen Kultur und hatte mit den Traditionen seiner Vorfahren gebrochen. Als erster Mongolenherrscher nach dem großen Dschinghis Khan gründete Altan Khan eine befestigte Stadt.

Mongolische Gesandte aus dem Norden
Mongolische Gesandte aus dem Norden

Handel als Ausweg aus der Misere

Sein Volk jedoch wohnte nach wie vor in Jurten, den Rundzelten. Einzige Lebensgrundlage der Nomaden war das Vieh, mit dem sie auf den Weidegründen der Steppe umherzogen. Die Schwächsten, Kinder und Alte mussten in den langen, harten Wintern um das nackte Überleben kämpfen. Chinesische Quellen berichten: "Im Frühjahr werden unsere Soldaten an der Grenze immer wieder von Barbaren um eine Schale Reis oder Bohnen angebettelt. Einige versuchen, Pferdehaar zu verkaufen, um nicht verhungern zu müssen." Ein Ausweg aus dieser Misere wäre der Handel mit China, dem mächtigen Nachbarn im Süden.

Doch für Kaiser Jiajing stellte bereits die Aussicht, sich mit dem neuerlichen Ersuchen Altan Khans beschäftigen zu müssen, einen Affront dar. Die Vorstellung, mit den Mongolen Handel zu treiben wie mit Gleichberechtigten war für ihn undenkbar. Jiajing verfügte, dass seine Beamten in allen Dokumenten das Schriftzeichen für "Barbaren" so klein wie möglich schreiben mussten. Die mongolischen Gesandten wurden hingerichtet, auf Altan Khans Kopf wurde ein Preisgeld ausgesetzt.

Wie Wasser aus einem löchrigen Eimer

Leidtragende dieser unnachgiebigen Politik Jiajings waren seine eigenen Untertanen - die chinesischen Bauern. Sie wussten, dass sich die Nomaden jetzt mit Gewalt holen würden, was ihnen der Kaiser versagte. Und so geschah es: Wie Wasser aus einem löchrigen Eimer strömten die Reiterhorden über die Nordgrenze ins Reich der Mitte. Das Rad der Geschichte, das sich in dieser Region seit fast 2000 Jahren immer um Gewalt und Plünderung gedreht hatte, setzte sich erneut in Bewegung. Wer nicht durch die Hand der Mongolen starb, verhungerte später auf den verwüsteten Feldern.

"Den Barbaren liegt die Aggression, der Angriff. Uns dagegen mehr die Verteidigung." So lautete die Begründung der Entscheidung, die Kaiser Jiajing schließlich verkünden lässt. General Weng Wanda wurde zum Oberbefehlshaber der nördlichen Truppen ernannt. Er erhielt die Aufgabe die Befestigung der "Neun Grenzgarnisonen" auszubauen und mit einer langen Mauer zu sichern.

Exakte Berechnung

Die "Neun Grenzgarnisonen" wurden bereits 100 Jahre zuvor zur Sicherung der Nordgrenze angelegt. Mit ihrem Ausbau begann General Weng Wanda am westlichsten Punkt in der Festung Jiayuguan. Jiayuguan bedeutet "Pass des schönen Tals": Nur die 5.000 Meter hohen Gipfel des Qilian-Gebirges überragen die mächtige Trutzburg. Der Legende nach war die Berechnung des Baumaterials für die Festung so exakt, dass nur ein einziger Ziegel übrig blieb, der bis heute auf einem Torbogen liegt.

Festung Jaiyuguan
Festung Jaiyuguan

Jenseits der Festung Jiayuguan verläuft die Mauer Richtung Osten. Das raue Klima hat über die Jahrhunderte Breschen in den Verteidigungswall geschlagen. Denn hier besteht er nicht aus Stein, sondern aus gestampftem Lehm. Ein Material, das in China schon seit alters her zum Bau von Häusern und Mauern verwendet wird. Teilweise folgt die Ming-Mauer nur um wenige Meter versetzt dem Verlauf einer älteren Mauer, die um 1000 nach Christus errichtet wurde. Auf mehr als zweieinhalbtausend Kilometern Länge riegelt die Mauer des Generals Weng Wanda den Nordwesten Chinas ab. Die Hauptstadt Peking wurde sogar mit einem zusätzlichen Mauerring gesichert.

Einfallstor der Nomaden

Der Ordos, das Gebiet im Norden, das der Gelbe Fluss in einem riesigen Bogen umschließt, war zu allen Zeiten das Einfallstor der Nomaden nach China gewesen. Hier trotzten die einst mächtigen Türme Wind und Wetter, ragt die Mauerlinie heute noch am schroffen Ufer des Flusses empor. Vorposten im äußeren Mauerring waren die Garnisonsfestungen. Im Jahr 1550 standen sie vor ihrer größten Bewährungsprobe.

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