Vier Jahreszeiten an einem Tag

Drehbericht von Christopher Gerisch und Kay Siering

Dass Neuseeland alles auf den Kopf stellen würde, hatten wir zwar geahnt. Doch wie sich das anfühlt, wird uns erst bei der Landung in Auckland bewusst: es herrscht Hochsommer, bei uns ist tiefer Winter, wir haben Ende Januar. Zu Hause ist es 11 Uhr morgens, in Neuseeland 23 Uhr abends. Kurz: Neuseeland bringt den Bio-Rhythmus gewaltig durcheinander.

Das Inselreich liegt mitten im Pazifik, zwölf Zeitzonen entfernt. Kein anderer Ort des Planeten ist weiter von Deutschland entfernt. Um auf dieses Archipel der Sehnsucht zu gelangen, muss man 24 Stunden nonstop fliegen.

Atemberaubende Natur

Insgesamt zehn Wochen verbringen wir am anderen Ende der Welt – aufgeteilt in drei Reisen zu verschiedenen Jahreszeiten. Nur so können wir die ganze Vielfalt der Natur einfangen. Mitten in den Bergen von Otago, einer Landschaft in der viele Szenen von "Herr der Ringe" gedreht wurden, verbringen wir drei Tage und Nächte mit zwei Goldsuchern aus Europa. Ein Helikopter setzt uns ab – inmitten einer atemberaubenden Natur, fernab jeglicher Zivilisation. Da stehen wir nun mit unseren neun Kisten Gepäck und beginnen erstmal unsere Zelte aufzubauen.


Die geliehene Campingausrüstung hat schon so manches Abenteuer hinter sich und die Schlafsäcke verdienen ihren Namen nicht. "Was soll's", denken wir, es ist schließlich Sommer in Neuseeland. Nach der ersten Nacht wissen wir, was das bedeuten kann: urplötzlich ist das Wetter umgeschlagen, es hat gefroren. Zitternd und mit Krämpfen in den Beinen kriechen wir aus den Zelten. Auf den umliegenden Berggipfeln liegt auf einmal Schnee. Unsere Goldsucher erwecken uns mit heißem Kaffee wieder zum Leben, um sich dann genussvoll über unsere Ausrüstung lustig zu machen. Und dann erklären sie uns, auf was jeder Neuseeland-Reisende gut vorbereitet sein sollte: In dem Paradies im Pazifik gilt die Redewendung: "Wir haben hier vier Jahreszeiten an einem Tag." Das sollte sich im Verlauf unseres Drehs noch mehrfach bewahrheiten.

Ungemütlicher Dreh

In der Bay of Islands segeln wir drei Tage lang mit Walforscher Jochen Zaeschmar durch die Weite der Meere. Geschlafen wird in winzige Kojen, riesige Wellen machen den Dreh recht ungemütlich. Doch am Ende reißt der Himmel auf und belohnt uns mit einem einzigartigen Panorama - und einem Schwarm Delphine, die Gefallen an unserer Yacht finden. Zum Abendessen gibt es frische Muscheln, die wir beim Schnorcheln vom Felsen ernten. Es könnte schlimmer kommen.

Reifenwechsel in der Pampa
Dumm gelaufen - Autopanne mitten in der neuseeländischen Pampa Quelle: ZDF/Christopher Gerisch

Dass man sich selbst in einem zivilisierten Land wie Neuseeland plötzlich sehr allein fühlen kann, erkennen wir auf dem Weg zu der deutschen Farmerin Regina Bernbeck. Drei Stunden lang fahren wir mit unserem Offroad-Fahrzeug durch die unbewohnten Ebenen südlich des Lake Wakatipu. Das Handy findet hier schon lange kein Netz mehr. Nachdem wir den dritten Flusslauf durchquert haben, reißt uns ein ohrenbetäubender Knall aus der Monotonie. Der rechte Vorderreifen ist geplatzt. Alte Baumstämme und Steine müssen als Unterstützung für den zu kleinen Wagenheber herhalten. Drei Stunden später sitzt das Notrad - die Fahrt kann weitergehen.

Der Milford Sound

Kurz nach Einbruch der Dunkelheit erreichen wir endlich unser Ziel. Auf der Farm werden wir schon sehnsüchtig erwartet, man hatte sich schon Sorgen um uns Städter gemacht. Und dann erfahren wir, dass alle Autos der Farmer aus gutem Grund mit Spezialreifen ausgerüstet sind. Der Milford Sound: Ikone Neuseelands - und ein absolutes Muss unserer Drehreise.


Hatten wir schon über das Wetter gesprochen? Hatten wir. Der Milford Sound mit seinen einzigartigen Bergen, die sich über 2000 Meter hoch direkt aus dem Wasser erheben, gehört zu einer der regenreichsten Regionen der Erde. Auch wir sitzen im Regen. Wir sehen nichts, gar nichts. Dafür laufen in unserem Backpacker-Hostel kleine Werbefilmchen, die eindrucksvoll zeigen, wie es aussehen könnte. Um uns herum junge Menschen aus aller Herren Länder, die sich auf ihren Laptops die schönsten Neuseelandbilder zeigen. Wir sind neidisch und legen uns schlafen. Am anderen Morgen regnet es noch immer. Wir hängen in einem Café ab und warten. Das Wetter soll besser werden, heißt es. Mittags regnet es noch immer. Wir haben noch kein einziges Bild gemacht. Aber das Wetter soll besser werden. Wir nehmen noch ein Kaffee und können es Minuten später kaum glauben. Der Himmel reißt plötzlich auf, die Sonne sendet erste Strahlen und die Berge schälen sich aus dem tristen Grau. Eine fantastische Naturkulisse tut sich vor unseren Augen auf und liefert wunderschöne Bilder. So schön, dass wir sie später sogar als Titelbild für unseren Film nehmen können.

Das Objekt der Begierde

Wie unberechenbar das Wetter an der Westküste ist, wird uns am Fox-Gletscher bewusst. Zwei Tage lang hängen tiefe Wolken und Nebel über dem Küstenstreifen. Das Objekt unserer Begierde, der imposante Fox-Gletscher, ist komplett verhangen. Unerreichbar. Doch am Tag unserer Abreise entdeckt der Helikopterpilot eine winzig kleine Lücke in den Wolken. "Schnell, es geht los!" heißt es plötzlich. Zehn Minuten später fliegen wir mit dem Hubschrauber durch eben dieses Wolkenloch - und werden für das lange Warten mehr als belohnt. Der Fox-Gletscher strahlt vor blauem Himmel und bietet ein eindrucksvolles Panorama.

Neuseeland hat es uns wettertechnisch wahrlich nicht leicht gemacht, hat uns aber mit sagenhaften Bildern und tollen Geschichten tief beeindruckt. Genauso wie die Menschen, die es einfach drauf haben immer freundlich und locker zu bleiben. Ganz egal wie das Wetter gerade ist.

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