Villons Gnadengesuch

Nach einer Messerstecherei muss der Dichter mit dem Ruf eines Mörders leben

Der Name Francois Villon war offensichtlich bis zum König vorgedrungen, denn im Archiv der Stadt Paris befinden sich besonders aufschlussreiche Dokumente aus der Kanzlei Charles VII. Die Dokumente schildern die Ereignisse des 5. Juni 1455.

Villons Gnadengesuch

Um viertel vor neun Uhr abends sitzt Francois Villon vor der Kirche von St. Benoît-le- Betourné und unterhält sich mit einer jungen Frau, deren Name in den Akten mit "Isabeau" vermerkt ist. Dann wird ein Priester erwähnt: Philippe Sermoise. Sermoise zettelt den Unterlagen zufolge einen Streit an. Der Priester ist offenbar schon vorher auffällig geworden und der Polizei als Unruhestifter bekannt. Villon - so die Akten weiter - zieht sein Messer, das er immer bei sich trägt und sticht Sermoise nieder. Von einer Sekunde auf die andere ändert sich Villons Leben. Er hat einen Mann getötet, nun droht ihm die Todestrafe oder Verbannung. Dies ist der Tag, der Villons Leben in neue Bahnen lenkt.

Besteck und Werkzeug zugleich

Gewalt ist ein Teil des Lebens im Quartier Latin. Mönche, Studenten, Priester, Kaufleute, Arbeiter - alle tragen Messer bei sich. Ein Messer ist Besteck und Werkzeug zugleich. Aber auch eine Waffe, denn das mittelalterliche Paris ist ein gefährlicher Ort, wo es ratsam ist, sich stets verteidigen zu können. Würde man Villon glauben, dass er sich nur verteidigen wollte? Als Mordverdächtiger käme er in den Kerker und viele überlebten nicht einmal die Untersuchungshaft. Villon fürchtet die Willkür der Richter und vor allem den Galgen. Um dem Prozess zu entgehen, flieht er aus Paris.

Die Pariser Polizeisergeanten sind gefürchtet wegen ihres brutalen Vorgehens bei der Befragung Verdächtiger. Ihr wirkungsvollstes Instrument der "Wahrheitsfindung" ist die Folter. Für die so genannten Befragungen verfügen die Folterknechte über die ungewöhnlichsten Gerätschaften. Oft bringt allein der bloße Anblick der Folterwerkzeuge den Delinquenten zum Sprechen. Und nur auf ein Schuldeingeständnis kommt es an.

Folterwerkzeuge

Aus Notwehr gehandelt

In seinem geheimen Unterschlupf auf dem Land ist Villon für eine Weile sicher vor der Verfolgung durch die Polizei. Es existieren keine Unterlagen darüber, ob Villon wie viele andere in Abwesenheit verurteilt wird. Aber dies ist nahe liegend, da er schon kurze Zeit später versucht, sich eine Besonderheit der mittelalterlichen Rechtssprechung zunutze zu machen: Das Gnadengesuch. Mehr als ein halbes Jahr verbringt Villon in seinem Versteck. Dann trifft das lang ersehnte Schreiben des Königs ein. Die Aktenlage bestätigt: Villon hat aus Notwehr gehandelt. Der König begnadigt ihn.

Der Dichter ist dem Galgen noch einmal entkommen, aber von nun an gilt er nicht mehr als unbescholtener Bürger. Trotz der Begnadigung sehen die Menschen in ihm einen Mörder. Im selben Jahr erscheint mit einem Kometen ein Unheilsbote am Himmel. Papst Callixtus III. sieht in ihm einen "Agenten des Teufels". Für Villon gilt zumindest, dass seine Ambitionen als Dichter unter einem schlechten Stern stehen. Der erhoffte Erfolg in der Pariser Gesellschaft bleibt aus. Er findet weder beim Adel noch bei den reichen Bürgern einen Gönner. Niemand möchte, dass ein Totschläger an seiner Tafel singt.

Erfolge in den Tavernen

Villons Sprache ist erstaunlich modern und subtil. Vor allem aber ist sie respektlos. Nicht unbedingt das, was ein Mäzen gerne hört. Um so größere Erfolge feiert er in den Tavernen. Seine spitzzüngigen Balladen gefallen den einfachen Menschen, die unter dem erstarkenden Bürgertum leiden. Villon spricht ihre Sprache. Er kennt ihre Probleme, und macht sich über die lustig, die auch im Mittelpunkt des Großstadtklatsches stehen: bigotte Geistliche, liebestolle Nonnen, betrügerische Neureiche und bestechliche Polizisten. Der Applaus ist ihm sicher. In Villons Liedtexten blieben auch die Namen von Kneipen erhalten, in denen er verkehrt: "Der Tannenzapfen" und "Die Dicke Margot".

Spielszene Villon singt in einer Taverne

Geld hat Villon offenbar keines. Möglicherweise gehört er zu der großen Zahl der Stadtbewohner, die der Spielsucht verfallen sind. Die Hoffnung auf den großen Wurf ist ein gefährliches Spiel.Beim Würfeln wechseln gelegentlich Haus und Hof den Besitzer. Weil damit Existenzen zerstört, und ganze Familien in die Armut getrieben werden, ächtet die Kirche das Spiel als "Teufelszeug". Villon gehört nicht zu den Gewinnern. Glück oder Unglück hat allerdings wenig damit zu tun, denn wie viele andere wird Francois Villon Opfer eines Falschspielers und Betrügers. Allerdings scheint sein Weg schon seit der Messerstecherei vorgezeichnet zu sein. Ohne Mäzen kann ein Dichter auf Dauer nicht überleben und landet unweigerlich im Abseits.

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