Vision Nurflügler

Noch heute wird fieberhaft an der Umsetzung gearbeitet

Während des Zweiten Weltkriegs gelingt zwei Deutschen, was Hugo Junkers in den 20er-Jahren nicht erreichte. Sie bauen einen reinen Nurflügler im Auftrag der Luftwaffe. Zum Einsatz kommen die bemerkenswerten Flugzeuge allerdings auch nicht.

Das revolutionäre Patent von Junkers Nurflügelflugzeug wird inzwischen in der Luftfahrtausstellung des Deutschen Museums in München aufbewahrt. In der Patentschrift gibt ein weiteres Exponat Aufschluss über Hugo Junkers' weitrechende Visionen.

Projekt J1000

Es ist das Modell eines Nurflüglers, dass Hugo Junkers im Jahre 1923 entwarf. Die Maschine mit der Bezeichnung J1000 sollte im transatlantischen Luftverkehr eingesetzt werden. Bei diesem Großverkehrsflugzeug sollten in einer 80 Meter langen Tragfläche bis zu 100 Passagiere, Fracht und Triebwerke samt Tankanlage untergebracht werden. Die J1000 kam allerdings über das Stadium einer Studie nie hinaus.



Noch heute wird fieberhaft an der Umsetzung der Idee vom Nurflügelflugzeug gearbeitet. Am Institut für Fahrzeugtechnik der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften hat sich ein Team von Experten der schwierigen Aufgabe angenommen, ein solches Flugzeug für die zivile Passagier-Luftfahrt zu entwickeln. Die Flugstabilität der Nurflügler ist allerdings nach wie vor eine der schwierigen Aufgaben der noch immer zukunftsweisenden Technik. Ohne stabilisierenden Rumpf und Leitwerk neigt ein solches Flugzeug zum Taumeln und Abkippen.

Technik beherrschen lernen

Um den Tücken der Technik auf die Spur zu kommen, haben die Forscher in Hamburg ein Modell im Maßstab 1:30 entwickelt. Eine komplizierte Anordnung von Klappen am Heck soll die nötige Balance schaffen. Mit Hilfe des Modells will man in Hamburg die Technik beherrschen lernen. Schon in 50 Jahren, so hofft man, könnte der Luftverkehr von Nurflüglern dominiert werden.



Die Vorteile gegenüber herkömmlichen Flugzeugen, die schon Hugo Junkers erkannt hatte, sind wichtiger den je. Prognosen zufolge verbrauchen Nurflügler bis zu 30 Prozent weniger Treibstoff. Auch sind Passagierzahlen bis zu sagenhaften 1000 Personen denkbar. Anstatt der engen Rumpfröhre eines Ziviljets verspricht der breite Flugkörper des Nurflüglers eine großzügige Raumaufteilung, sogar mehrere Decks sind geplant.

Virtuelle Fenster

Ein Nachteil könnte der Flug in einer fliegenden Tragfläche aber für die Passagiere mit sich bringen. Fensterplätze sind rar, wenn sich die Sitze über fast die gesamte Breite des Fliegers erstrecken. Das stellt die Konstrukteure vor neue Herauforderungen. Um den Flugpassagieren das Gefühl von Sicherheit und Orientierung auch ohne den Blick aus dem Fenster zu vermitteln, wird über virtuelle Fenster nachgedacht. Auf Bildschirmen soll die Außenwelt ins Innere des Flugzeuges geholt werden.

Während des Zweiten Weltkriegs gelingt zwei Deutschen, was Hugo Junkers nicht erreichte. Die Brüder Walter und Reimar Horten bauen einen reinen Nurflügler im Auftrag der Luftwaffe. Man will einen schnellen Jagdbomber, der eine Tonne Bombenlast tragen kann und eine große Reichweite hat. Die Horten-Brüder hatten schon in den 30er Jahren mit Gleitfliegern auf sich aufmerksam gemacht, die auf den Nurflüglerprinzip basieren. Jetzt ist ein Nurflügler mit Düsentriebwerk geplant. Kurz vor Kriegsende finden Erprobungsflüge mit einem Prototypen statt. Die so genannte Fliegende Tragfläche mit der Kennung Ho 229 zeichnet sich bei ersten Tests durch gute Flugeigenschaften aus. Dann aber passiert ein tragisches Unglück, bei dem der Testpilot ums Leben kommt.

Kleinserie ohne Flugeinsatz

Dennoch wird eine Kleinserie in Auftrag gegeben. Zum Einsatz kommen die bemerkenswerten Flugzeuge allerdings nicht mehr. Nach Kriegsende fallen die nur zum Teil montierten Flugzeuge den Alliierten in die Hände. Eine Horten Ho 229 gelangt über England in die USA und wird genauestens untersucht. Man ist brennend an der Technik interessiert. In den USA beschäftigt sich auch der Flugzeugfabrikant Jack Northrop mit Nurflüglern. Zwar gelingt es den Amerikanern nicht, Testflüge mit der Ho 229 durchzuführen, es galt aber als wahrscheinlich, dass wichtige Erkenntnisse gewonnen wurden.

Dass der Konstrukteur Jack Northrop davon profitiert hat, ist zu vermuten. Dessen Entwicklungsarbeit mündet Ende der 80er Jahre in den einzigen im Einsatz befindlichen Nurflügler, den B 2 Spirit Bomber der amerikanischen Luftwaffe. Ähnlichkeiten zwischen der Ho 229 und dem B 2 Bomber sind auffällig. Beide Maschinen kommen ganz ohne Leitwerk aus. Die Düsentriebwerke sind in die sichelförmige Tragfläche integriert.

Unlesbares Echo

Für das Radar ist die B 2 schwer zu orten. Die fließende Form des Rumpfes und seine spezielle Beschichtung zerstreuen den Radarstrahl, machen das Echo unlesbar. Auch die Ho 229 machte es dem Radar schwer. Ihr Rumpf war aus Sperrholz und warf nur ein diffuses Radarsignal zum Boden zurück. Heute wird die Ho 229 in einer Lagerhalle des National Air and Space Museum in Washington DC aufbewahrt. Das revolutionäre Flugzeug ist in einem schlechten Zustand. Nur eine baldige Restaurierung könnte es vor dem Zerfall retten.

    Dieser Artikel entstammt dem Begleitbuch zur Sendereihe. Es ist im ZDF-Shop und im Handel für 15 Euro erhältlich. Die weiteren Themen des Buchs sind "Der Lohn des Schreckens", "Der Stromkrieg", "Der Sieg über den Höllenberg" und "Der Durchbruch bei Suez".

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