Visionärer Plan

Unerfahrener Leutnant plant Nordpolarmeer-Trip

Optimismus und Durchhaltevermögen ist seit jeher die Losung aller Entdecker. Anfang des 20. Jahrhunderts schwärmen rund um den Globus Forscher aus, um die Welt zu erkunden. Auch Polar-Expeditionen stehen weit oben in der Gunst. So auch bei dem ehemaligen Leutnant Herbert Schröder-Stranz, der 1912 einen Trip ins Nordpolarmeer startet.

Schiff Herzog Ernst mit Beibooten Quelle: ZDF

Traum von der Polar-Expedition

Herbert Schröder-Stranz Quelle: ZDF

1911, ein Jahr vor der Schröder-Stranz-Expedition, gewinnt Roald Amundsen den Wettlauf zum Südpol. Gebannt nimmt die Öffentlichkeit Anteil an den Heldentaten des Norwegers. Der Leutnant aus Pommern möchte in die Fußstapfen seines großen Vorbildes treten. Er hat sich zum Ziel gesetzt, die Nordost-Passage zu durchqueren und als Handelsstraße für Deutschland zu sichern. Ein visionärer Plan, der Reichtum und Anerkennung verspricht.

Auf Gut Stranz wuchs der älteste Sprössling einer Patrizierfamilie wohlbehütet auf. Seine ersten Sporen erwarb er sich als einfacher Soldat in Südwestafrika - im Krieg gegen die Hereros. Später erhielt er den Dienstgrad des Leutnants. Von Typhus und Ruhr angeschlagen, kehrte Schröder-Stranz in die Heimat zurück. Bald trieb ihn das Fernweh erneut in die Fremde. Nach einem Trip durch Argentinien wanderte der Deutsche mit seinem Hund Tell 1907 über die russische Halbinsel Kola. Der Marsch durch die Einsamkeit veränderte sein Leben. Von da an träumteer von einer Polar-Expedition.

Gutshaus der Familie Stranz Quelle: ZDF

Am Morgen des 5. August 1912 trifft Leutnant Schröder-Stranz in der norwegischen Hafenstadt Tromsö letzte Vorbereitungen für seine Expedition in die Arktis. Mit an Bord des Motorseglers "Herzog Ernst" ist Kameramann Christopher Rave, der die gefahrvolle Reise für die Nachwelt festhalten soll. Schröder-Stranz träumt davon, als berühmter Entdecker in die Schlagzeilen zu kommen. Eile ist geboten, geht doch der Sommer bereits dem Ende entgegen. Viel zu spät eigentlich, um mit dem Zweimastschoner ins Eismeer vorzudringen.

Bunte zusammengewürfelte Mannschaft

Neben Schröder-Stranz gehören neun Deutsche und fünf Norweger zur Crew: Abenteurer, Wissenschaftler und junge Matrosen, die als einzige die Tücken des Nordmeeres kennen. Die bunt zusammengewürfelte Mannschaft steht vor ihrer ersten Bewährungsprobe. Die ehrgeizige Aufgabe lautet: Mensch und Material zu testen. Denn für das Jahr darauf planen die Männer die Durchquerung der Nordost-Passage. Für Schröder-Stranz steht viel auf dem Spiel. Es geht nicht nur um Ruhm und Ehre - ein Scheitern der Testfahrt hieße auch, namhafte Mäzene zu verlieren.

Eisberge Quelle: ZDF

Hindernisse gibt es zuhauf. Vor allem, weil rund um den Nordpol der Winter früh beginnt und die Wasserstraßen in eine tödliche Falle verwandelt. Von Anfang an warnt Kapitän Ritscher eindringlich vor dem Treibeisgürtel. Doch der Leutnant lässt sich von seinem Skipper nicht belehren. An seinem Vorhaben, die Inseln Nordostland und Spitzbergen zu durchqueren, hält er stur fest.

Denkwürdiger Moment

Kurz vor der Abreise lässt sich die gesamte Mannschaft fotografieren - als Erinnerung an den denkwürdigen Moment des Aufbruchs: der Expeditionsleiter Schröder-Stranz, sein Kapitän Alfred Ritscher, Christopher Rave sowie der Arzt Dr. Ludwig Kohl-Larsen. Im letzten Augenblick entschließt sich der Mediziner, von Bord zu gehen. Zu aussichtslos erscheint ihm die Chance auf eine sichere Rückkehr. Für alle anderen geht es 380 Seemeilen nordwärts - in Richtung Spitzbergen.

Die Expeditionsteilnehmer müssen mit kilometerlangem Packeis fertig werden. Für Kapitän Alfred Ritscher, der noch nie zuvor das Polarmeer befuhr, eine Herausforderung. Das norwegische Fangschiff ist kaum geeignet, winterlichen Extrembedingungen zu trotzen. Zudem könnte die verspätete Abreise aus Tromsö die Crew in eine prekäre Lage bringen. Deshalb versucht die Besatzung, so schnell wie möglich voranzukommen. Die "Herzog Ernst" muss Strecke machen.

Eisberge voraus

Doch schon nach wenigen Tagen passiert, was Alfred Ritscher von Anfang an befürchtet hat. Der Matrose im Ausguck meldet: Eisberge voraus. Bei 77 Grad drei Minuten nördlicher Breite und 19 Grad 17 Minuten östlicher Länge geht nichts mehr. Die Weiterfahrt ist blockiert. Womöglich das vorzeitige Aus der ehrgeizigen Mission.

Das gefährliche Treibeis kann die "Herzog Ernst" auf dem neuen Westkurs nach Nordostland hinter sich lassen. Doch dann gerät der Motorsegler in einen schweren Sturm. Viele an Bord leiden unter Seekrankheit. Besonders schlimm erwischt es den Kameramann Christopher Rave. In sein Tagebuch schreibt er: "Total abgestumpft, lag auch ich in meiner Koje, ohne innerhalb von 24 Stunden etwas zu mir zu nehmen. Am Abend spät kam der Leutnant Schröder-Stranz mit Schnitten geölten Brots mit Kaviar, das unerwartet wohltuend wirkte."

Kreuzfahrtschiff Viktoria Luise Quelle: ZDF

"Unvergessliche Stunden"

Erst nach Ankunft in der Magdalenen-Bay beruhigt sich das Meer. In der Bucht ankert auch die "Viktoria Luise", Deutschlands renommiertes Kreuzfahrtschiff. Für die Mannschaft eine willkommene Gelegenheit, frisches Trinkwasser zu bunkern, Briefe an die Familie mitzugeben und sich von den neugierigen Passagieren bestaunen zu lassen.

Auf dem Luxusdampfer der Hamburg-Amerika-Linie verbringen die Polarfahrer ein paar sorglose Stunden - inmitten der High Society. Ein Teil der feinen Gesellschaft tritt sogar den Gegenbesuch auf dem spartanischen Holzschiff an. Eine Ehrenbezeugung. "Überall wurden wir aufs Herzlichste begrüßt, umringt und ausgefragt", notiert der Geograf Hermann Rüdiger. "Unvergessliche Stunden, in denen wir uns ein wenig stolz vorkamen, so im allgemeinen Interesse zu stehen." Das unerwartete Zusammentreffen mit den Landsleuten - für viele Monate der letzte Kontakt zur Außenwelt.

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