Vom Handwerk zur Industrie

Pioniere der Technik und Unternehmer prägen den Fortschritt

Das 19. Jahrhundert bietet beste Chancen für Techniker, Erfinder und Unternehmer. Die Staaten Europas befinden sich im Wirtschaftsaufschwung. "Industrialisierung" ist das Zauberwort und Stahl der Stoff, aus dem die nationalen Träume geschmiedet werden. Jacob Mayer und Alfred Krupp erkennen die Zeichen ihrer Zeit und handeln.

Jacob Mayer (1. Mai 1813 – 30. Juli 1875): vom Bauernsohn zum Unternehmer

Jacob Mayer
Jacob Mayer Quelle: Historisches Archiv Krupp

Jacob Mayer ist der Sohn eines Bauern aus Dunningen, bei Rottweil in Württemberg. Nach dem Besuch der Dorfschule lernt er bei seinem Onkel in Köln das Uhrmacherhandwerk. Die feinen und teuren Präzisionswerkzeuge, mit denen er arbeitet, sind aus Stahl und stammen aus England. Dort versteht man sich am besten auf die Verarbeitung des neuen Wundermaterials. Der junge Uhrmacher interessiert sich für die Zukunftstechnologie. Nach Ende seiner Ausbildung geht er für mehrere Jahre nach England, um die Geheimnisse des Stahlkochens und Schmiedens zu lernen. Nach seiner Rückkehr und ersten erfolgreichen Versuchen in kleinerem Rahmen sucht der aufstrebende Jungunternehmer einen kapitalkräftigen Partner zum Bau einer eigenen Stahlfabrik.

Die Standortwahl ist für Jacob Mayer ein wichtiges Kriterium. Zur Stahlherstellung gehört die Kohle. Stahlfabriken arbeiten besonders wirtschaftlich, wenn sie in der Nähe von hochwertigen Kohlevorkommen und modernen Förderbetrieben entstehen. Der Kaufmann Eduard Kühne aus Magdeburg ist von dem Konzept überzeugt, und so steht der Gründung der neuen Gussstahlfabrik "Mayer und Kühne" mit Standort Bochum im Ruhrgebiet nichts mehr im Wege. 1845 verlassen die ersten frisch gegossenen Stahlblöcke den Betrieb. Die Nachfrage aus der Werkzeugindustrie und zum Ausbau der Eisenbahnnetze wächst beinahe schneller als die Fabriken produzieren können.

Schon nach wenigen Jahren ist Jacob Mayer für den Marktführer Alfred Krupp ein ernstzunehmender Konkurrent geworden. Er erfindet etwas ganz Neues: Nie zuvor war es gelungen, flüssigen Gussstahl so heiß zu halten, dass er unmittelbar in die gewünschte Form gegossen werden kann. Jacob Mayer reicht 1851 und 1852 Patentanträge ein für sein Verfahren des Stahlformgusses. Beide Anträge werden jedoch zurückgewiesen.  Erst die Weltausstellung 1855 in Paris bringt dem Erfinder eine Goldmedaille und weltweite Anerkennung: Er präsentiert der Weltöffentlichkeit Kirchenglocken, die in einem einzigen Vorgang aus flüssigem Stahl gegossen wurden - damals war das eine Sensation. Im Maschinenbau und beim Eisenbahnbau setzt sich Mayers Gussmethode rasch durch.

Geläut für die Kaiserin Augusta Gedächntniskirche, Berlin
In Bochum gegossen: Geläut für die Kaiserin Augusta Gedächntniskirche Quelle: Historisches Archiv Krupp

In Bochum entsteht ein weiteres Walzwerk. Das nötige Geld beschafft Jacob Mayer, indem er den Betrieb zur Aktiengesellschaft umwandelt. Den Posten des Generaldirektors im neuen "Bochumer Verein für Bergbau und Gußstahlfabrikation" überlässt Jacob Mayer einem anderen. Er wird Technischer Leiter und übernimmt eine wichtige Position im Verwaltungsrat. 1865 führt er in seinem Betrieb das zehn Jahre zuvor von Henry Bessemer entdeckte Verfahren zur Stahlhärtung ein. Dabei wird in der so genannten "Bessemer Birne" dem flüssigen Roheisen während des Schmelzprozesses Sauerstoff zugeführt. 1867 kam das Siemens-Martin Verfahren hinzu. 4500 Mitarbeiter beschäftigt der außergewöhnliche Erfinder in seinem "Bochumer Verein".

Am Ende, beinahe 100 Jahre später, werden es bis zu 20.000 Arbeiter sein. Unter den deutschen Stahlfabriken nimmt Jacob Mayers Betrieb eine führende Stellung ein. Dazu verhilft auch die Vielseitigkeit der Produktion, die vom Maschinen- und Werkzeugbau über Formguss von nahtlosen Radreifen für die Eisenbahnwerke, bis zur Herstellung von Kanonenrohren reicht. Über mehr als 100 Jahre spiegelt die Entwicklung des "Bochumer Vereins" wechselvolle deutsche Industriegeschichte. 1965 übernimmt der Krupp-Konzern die Aktienmehrheit. Der Guss von Glocken aus Stahl, der am spektakulären Anfang der Firmengeschichte steht, endet 1970. Vier in Jacob Mayers Bochumer Stahlwerk gegossene Glocken erklingen an besonderem Ort: Es sind die Friedensglocken, in Hiroshima, in Japan.

Alfred Krupp (26. April 1812 – 14. Juli 1887): vom Unternehmersohn zum Konzernchef

Alfred Krupp
Alfred Krupp

Alfred Krupp übernimmt 1826, im Alter von 14 Jahren, die Fabrik seines Vaters. Seine Vorfahren kamen im 17. Jahrhundert als Religionsflüchtlinge aus Holland nach Essen und brachten es als Kaufleute zu Einfluss und Ansehen. Alfreds Vater erkennt früh die Zeichen der Zeit. 1812 gründet er ein Gussstahlwerk, das zum Zeitpunkt seines Todes hoch verschuldet ist und kurz vor dem Ende steht. Doch die Krupps geben nicht auf. Alfreds Mutter Theresia gründet eine Familiengesellschaft, um den Betrieb wieder rentabel zu machen. Alfred, der älteste Sohn, hatte noch beim Vater gelernt. Er verlässt die Schule, um sich als Firmenchef ganz dem Wohl der Fabrik zu widmen.

Alfred Krupp kämpft genau wie seine Mutter um jeden Auftrag. Doch erst der Ausbau der Eisenbahn bringt den ersten Erfolg. Er sichert die Abnahme der in Krupps Werk hergestellten Rohstahlwalzen. Mit der Gründung des Deutschen Zollvereins (1834) wächst der Warenverkehr, und die Nachfrage nach Industriestahl steigt. 1836 kann der Jungunternehmer bereits 60 Arbeiter beschäftigen. Ein Patent für eine Walze aus Gussstahl zur Herstellung von Essbesteck trägt zum Ertrag der Firma bei. Alfreds Hobby ist das Experimentieren mit Waffenstahl zum Bau von Gewehrläufen und Geschützen. Doch es braucht lange, bis er die Militärs von seinen Ideen überzeugen kann. Die Finanzdecke der Firma bleibt dünn, die Lage angespannt.

Anders als manche seiner Konkurrenten, setzt Alfred Krupp auf ein straff geführtes Familienunternehmen statt auf Aktienkapital. Erneut bringt die Eisenbahn den Durchbruch. 1853 erfindet Alfred Krupp den nahtlosen Radreifen aus Stahl. Als es ihm gelingt, neben der europäischen Kundschaft auch die amerikanischen Eisenbahn-Gesellschaften von der Qualität seiner neuen Räder zu überzeugen, ist der Weg des Aufstiegs für Krupp auf Jahrzehnte gesichert - was auch dazu führt, dass die drei Reifen und nicht die später so Gewinn bringenden Kanonenrohre zum Symbol der Firma Krupp werden. Nach wenigen Jahren wächst die Belegschaft auf über 1000 Arbeiter an.

Eintragung Firmenzeichen Krupp
Drei übereinander gelegte Radreifen lässt Krupp als Firmenlogo eintragen. Quelle: Historisches Archiv Krupp

Als Preußen mit dem Ausbau seiner Armee beginnt, ist Alfred Krupp mit Angeboten zur Stelle. 1860 verkauft er seine erste aus Stahl gefertigte Kanone nach Berlin. Eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte. Bald verkauft Krupp an alle Nationen - außer an Frankreich - Kanonen, die weiter und genauer schießen als die der Konkurrenz. Drei Siege über Dänemark, Österreich und Frankreich machen Preußen zum führenden Staat im neuen Deutschen Kaiserreich. Die Überlegenheit der preußischen Kanonen hat ihren Anteil an der Entwicklung. Gewinne investiert Krupp in neue Herstellungsverfahren und Fabriken. Die Niederlage gegen den ungeliebten Konkurrenten Jacob Mayer in Kampf um den Stahlformguss ist ärgerlich, doch zu verschmerzen.

Nach Gründung des Deutschen Reiches (1871) wird "Krupp" zum größten Industrieunternehmen in Europa. Alfred Krupps "Villa Hügel", die er in Essen mit seiner Familie  bewohnt, steht an Pracht und Komfort jedem Adelssitz gleich. Einen Adelstitel lehnt der Chef jedoch mit stolzen Worten ab: Krupp reicht. Für seine Arbeiter sorgt Alfred Krupp wie ein väterlicher Patriarch. Er lässt Wohnungen bauen, gründet Krankenversicherungen und Betriebsrenten. Bismarck holt sich bei ihm Rat für seine Sozialgesetzgebung. Sozialdemokraten allerdings sind dem Stahlkönig buchstäblich ein "rotes Tuch". Seinen Arbeitern verbietet er jeglichen Umgang mit ihnen. Wer dies nicht beachtet, dem drohen Kündigung und Verlust aller Privilegien. Alfred Krupp überlebt Jacob Mayer um zwölf Jahre. Fast 100 Jahre später übernimmt der Krupp-Konzern die Aktienmehrheit am von Jacob Mayer gegründeten "Bochumer Verein".

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