Vom Jäger zum Gejagten

Die Luftschlacht um England

Mitte 1940: Hitler hat halb Europa in knapp einem Jahr erobert oder annektiert. England liegt in Reichweite. Doch ohne Lufthoheit scheint eine Landung aussichtslos. Es kommt zu einer der kriegsentscheidenden Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Kann die Deutsche Luftwaffe die Royal Air Force niederkämpfen?

"Der deutsche Endsieg auch über England ist nur mehr eine Frage der Zeit", notiert General Jodl Ende Juni 1940. Eine Woche zuvor hat Frankreich kapituliert. Zu dieser Zeit scheint die deutsche Wehrmacht unaufhaltbar vorzurücken: Die Tschechoslowakei ist zerschlagen, die Armeen Polens, Dänemarks, Norwegens, Belgiens und der Niederlande sind besiegt. Die alte Ordnung Europas fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

England, ein leichter Gegner?

Nach der Niederlage Frankreichs ist die englische Kanalküste nur wenige Kilometer vom deutschen Machtbereich entfernt - eine Eroberung Englands liegt, zumindest theoretisch, in greifbarer Nähe. Nach einer Unterredung zwischen Großadmiral Raeder und Adolf Hitler am 21. Mai 1940 läuft die Planung zur "Operation Seelöwe" an. "Eine Landung in England kann erst ins Auge gefasst werden, wenn die Luftherrschaft durch die deutsche Luftwaffe erkämpft ist" erläutert der von Hitler geschätzte Stratege Alfred Jodl in einer Denkschrift.

Am 16. Juli befiehlt Hitler, die Vorbereitungen zur Invasion bis zum 15. September abzuschließen; allerdings will er den endgültigen Befehl zur Landung vom Ausgang der Luftoffensive, der "Operation Adlerangriff" abhängig machen. Beschwingt von den Erfolgen der Wehrmacht und persönlicher Hybris poltert Reichsmarschall Göring, in vier Tagen schon seien die feindlichen Jagdflugzeuge in Südengland niedergekämpft. Die Vernichtung der gesamten Royal Air Force (RAF) werde nur unwesentlich länger, maximal zwei bis vier Wochen, dauern.

Technik und Taktik gegen die Übermacht

Die groteske Fehleinschätzung des Luftwaffenchefs stützt sich vor allem auf die zahlenmäßige Überlegenheit der deutschen Luftwaffe. Mangels genauer Erkenntnisse lässt die deutsche Führung jedoch den entscheidenden Faktor der Luftschlacht völlig außer Acht: die Wirksamkeit der "Chain Home", einer Kette von Radaranlagen entlang der englischen Küste.


Auch aus taktischer Sicht sind die Engländer erfolgreicher. So verliert die Luftwaffe schon vor dem Beginn der eigentlichen Luftschlacht knapp 300 Flugzeuge, als sie mit Sondierungsangriffen versucht, die englischen Jagdflieger hervorzulocken. Die Verluste der RAF sind nur etwa halb so hoch - vor allem weil sie den Großteil ihrer Jagdflugzeuge noch zurückhält. Außerdem sind die englischen Spitfires und Hurricanes den deutschen Messerschmitt-Jägern Me 109 und vor allem den im Polenfeldzug noch erfolgreich eingesetzten Sturzkampfbombern im Luftkampf weit überlegen.

Unerkanntes Radar: "Chain Home" wirkt

Doch entscheidend für den Ausgang der Luftschlacht um England ist letztlich die Radartechnik. Mit den von Sir Robert Watson-Watt ab April 1936 errichteten Radar-Frühwarnanlagen können die Angreifer schon etwa 200 Kilometer vor Erreichen der Küste geortet werden - bis zu einer Flughöhe von 10.000 Metern. Nach dem ersten erfolgreichen Flugzeug-Ortungsversuch Anfang 1933 hatte die britische Regierung die Weiterentwicklung der als strategisch wichtig erkannten Radartechnik mit bis zu 100 Millionen Pfund jährlich gefördert. Bis zu 3000 Spezialisten arbeiten zeitweise an dem Projekt - darunter auch der 1936 nach England geflüchtete Otto Böhm, ehemaliger technischer Direktor von Telefunken in Berlin.

Zu Beginn des "Adlerangriffs" am 12. August 1940 stehen der Luftwaffe ungefähr 2300 Maschinen zur Verfügung, davon etwa 1000 Jagdflugzeuge. Die RAF kann dagegen nur 700 bis 800 Jäger zur Verteidigung aufbringen. Die ersten deutschen Angriffe richten sich gegen die "Chain Home" Radarstationen, von denen fünf beschädigt werden. Eine sechste erhält einen Volltreffer und ist damit außer Betrieb gesetzt. Doch da die deutsche Führung die Wichtigkeit der Anlagen für die britische Luftverteidigung nicht erkennt, werden die Bombardements nicht fortgesetzt.

Bittere Überraschung für die Luftwaffe

So können die Briten die deutschen Flieger schon beim Start in Frankreich orten und deren Flugrouten exakt verfolgen. Die Daten werden dann in den unterirdischen Nervenzentren der Luftverteidigung, den "Sector-Stations", ausgewertet und an die britischen Jagdgeschwader übermittelt. So sind die Abfangjäger schon in der Luft, noch bevor die Deutschen die britische Küste erreicht haben. Zudem sind die Piloten der RAF dank der permanenten Radaraufklärung immer über die aktuelle Luftlage unterrichtet, während die Einsatzbefehle der Deutschen schon mehrere Stunden alt sind.

Indem die RAF so die mittels Radaraufklärung gewonnenen Daten wesentlich effizienter nutzt als die Luftwaffe, kann sie ihre zahlenmäßige Unterlegenheit dank technischer und taktischer Überlegenheit nahezu ausgleichen. Der erfolgreiche Jagdflieger Adolf Galland sagte nach dem Krieg aus, er habe über Funk die Kommandos mitverfolgen können, mit denen die britischen Jäger exakt an die deutschen Formationen herangeführt wurden. "Ihr Radar und Jägerleitnetz war für uns und die Führung eine ausgesprochene Überraschung, und zwar eine sehr bittere", schrieb Galland später in seinem Buch "Die Ersten und die Letzten".

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