Vom Jäger zum Gejagten - Teil 2

Entscheidung über England

Trotz der Effizienz ihrer Radaranlagen gerät die Royal Air Force immer mehr in Bedrängnis: Die Britische Luftverteidigung steht kurz vor dem Zusammenbruch. Hitler will Englands Städte "ausradieren", doch sein Zeitplan gerät langsam aber sicher aus den Fugen. Die Royal Air Force ist noch immer nicht vernichtet - da will Luftwaffenchef Göring eine Entscheidung erzwingen ...

Ende August 1940 beginnt die entscheidende Phase der Luftschlacht: Zwischen dem 23. August und dem 6. September fliegen täglich etwa 1000 deutsche Maschinen Angriffe auf militärische und industrielle Ziele. Dabei werden sechs der sieben Sector Stations so schwer getroffen, dass das britische Jägerleitsystem kurz vor dem Zusammenbruch steht.

Ein Zufall rettet England

Die RAF verliert in diesen Tagen knapp 500 Flugzeuge; fast ein Viertel der Piloten ist tot oder verwundet. Nicht nur die zahlenmäßige Überlegenheit der Luftwaffe zeigt ihre Wirkung - auch sind die deutschen Verluste im selben Zeitraum um einiges geringer. Noch ein paar Wochen ähnlich intensiver Angriffe, und die britische Insel würde keine organisierte Luftverteidigung mehr haben.

Doch kommt den Briten der Zufall und eine taktische Fehlentscheidung Görings zur Hilfe: Bereits am 23. August bombardieren deutsche Flugzeuge wegen eines Navigationsfehlers versehentlich Londons Innenstadt - und damit vor allem die Zivilbevölkerung. Tags darauf wirft die RAF zur Vergeltung erstmals Bomben auf Berlin - allerdings ohne größere Schäden anzurichten.

Englands Städte "ausradieren"

Jedoch ist die moralische Wirkung auf die Bevölkerung der eigentliche Volltreffer: Hatte Göring zu Beginn des Krieges doch versprochen, er wolle Meier heißen, sollte je ein feindlicher Flieger deutschen Luftraum erreichen. Die Illusion der Menschen, im Deutschen Reich vor feindlichen Angriffen sicher zu sein, weicht purem Entsetzen. Nachdem bei einem weiteren Angriff auf Berlin zwölf Menschen getötet werden, hält Hitler wenige Tage später eine flammende Rede: Wenn der Feind in großem Ausmaß deutsche Städte angreife, würden die Deutschen deren Städte vollständig ausradieren. Er erntet fanatischen Jubel.

So befiehlt Luftwaffenchef Göring am 7. September, die bei der deutschen Bevölkerung populären nächtlichen "Rache"-Bombardements auf London durchzuführen - anstatt sich auf die Ausschaltung der britischen Jagdflieger zu konzentrieren. Außerdem spekuliert die deutsche Führung, durch die "Ausradierung" Londons den Durchhaltewillen der britischen Bevölkerung zu brechen - und so England ohne eine risikoreiche Invasion zum Frieden zwingen zu können.

Falsche Taktik, schlechtes Wetter

Dieser Befehl Görings ist einer der schwer wiegendsten taktischen Fehler der deutschen Führung, denn so haben die erschöpften britischen Piloten genug Zeit, sich zu erholen. Eine große Zahl ihrer beschädigten Jagdflugzeuge kann in diesen Tagen repariert werden. Auch den Durchhaltewillen der Bevölkerung brechen die intensiven Bomberangriffe nicht, obwohl sie in der Stadt gewaltige Schäden verursachen.

Nach dem von Hitler bereits mehrmals verschobenen Zeitplan soll bis zum 14. September die Luftschlacht entgültig entschieden sein - auch weil mit fortschreitender Jahreszeit die schlechteren Wetterbedingungen eine Überquerung des Ärmelkanals immer schwieriger gestalten würden. Bereits am 10. September sprach man bei der deutschen Kriegsmarine von "völlig anormalem" und unbeständigem Wetter.

Die Entscheidungsschlacht

So entschließt sich die Luftwaffenführung für einen alles entscheidenden Tagangriff auf London am 15. September. Etwa 800 deutsche Flugzeuge greifen die Stadt an, werden jedoch bereits im Anflug geortet. Die wieder erstarkte Luftverteidigung drängt die meisten Bomber ab, nur wenige Maschinen erreichen das Stadtgebiet. Auch eine zweite, aus noch mehr Flugzeugen bestehende Angriffswelle wird an diesem Tag von den Briten abgefangen.

In diesen Tagen greifen die Briten zusätzlich die französischen Kanalhäfen mit Bombern, kleineren Marineverbänden und Fernartillerie an, um die dort zusammengezogenen Transportschiffe zu versenken. Die Seekriegsleitung meldet am 17. September "sehr erhebliche Verluste" bei der Landungsflotte. Die britische Marine, der deutschen in Zahl und Kampfkraft weit überlegen, kann zudem nahezu störungsfrei im Kanal operieren.

Kriegsentscheidender Fehlschlag


Die geplante Überquerung mit 260.000 Soldaten innerhalb von drei Tagen würde so - ohne eigene Lufthoheit und in Reichweite starker britischer Flottenverbände - einem Himmelfahrtskommando gleichen. "Die feindliche Luftwaffe ist noch keinesfalls geschlagen. Ihre Tätigkeit nimmt im Gegenteil zu. Der Führer beschließt daher, "Seelöwe" auf unbestimmte Zeit zu verschieben" lautet der Eintrag im Tagebuch der Seekriegsleitung für den 17. September.

Und obwohl die Luftwaffe noch bis zum 3. November 57 Nächte lang London und andere Industriestandorte bombardiert, steigt die britische Rüstungsproduktion stetig an. Die hohen Verluste der Luftwaffe können dagagen in der Folge nicht mehr vollständig ausgeglichen werden. Somit ist die Niederlage der Luftwaffe letztlich einer der kriegsentscheidenden Faktoren des Zweiten Weltkriegs. Der britische Premierminister Winston Churchill erklärte noch während der Tage der Luftschlacht, anspielend auf die Leistung der Luftverteidigung: "Niemals hatten im Bereich menschlichen Ringens so Viele so Wenigen so viel zu verdanken."

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