Vom Propellerflugzeug zum Düsenjet

Visionäre wie von Ohain und Whittle revolutionieren die Luftfahrt

Große Erfindungen scheinen oft "in der Luft" ihrer Zeit "zu liegen". Die ersten Flugzeuge mit Propellermotor hatten kaum abgehoben, da machen sich kühne Pioniere der Technik bereits Gedanken über neue, revolutionäre Antriebsarten. Doch bis zum ersten Start eines Düsenflugzeugs im Jahr 1939 ist es ein langer Weg.

Hans Joachim Pabst von Ohain (14. Dezember 1911 – 13. März 1998): Vom Physikstudenten in Göttingen zum Flugpionier

Hans Joachim Pabst von Ohain
Hans Joachim Pabst von Ohain: flugbegeisterter Physikstudent

Der Offizierssohn aus Dessau legt eine blitzsaubere Karriere vor. Im Alter von 19 Jahren beginnt er das Physikstudium in Berlin, Rostock und Göttingen. Auch privat ist er ein Technikfreak. Er liebt Autos und fährt als Student bereits einen modischen Ford. Mit Max Hahn, dem Mechaniker der Werkstatt, die sein Wagen wartet, fachsimpelt der junge Physiker gerne über technische Neuerungen. Nebenbei beschäftigt er sich mit einer Versuchapparatur zur Erprobung seiner Berechnungen für einen Turbinenstrahl-Antrieb, die er zum Patent angemeldet hat. Max Hahn hilft beim Bau und steuert manchen guten Vorschlag bei. So entsteht in der Göttinger Werkstatt von "Bartels und Becker" die Test-Anlage für Hans von Ohains neuartigen Antrieb.

Als Ingenieur bei Heinkel

Die Doktorarbeit schreibt Hans von Ohain bei seinem Göttinger Professor Robert Wichard Pohl. Thema ist die Wellentheorie von Licht und Schall. Der Doktorvater schätzt den begabten jungen Mann und lässt sich überreden, einen Versuch Hans von Ohains in der Garagenwerkstatt zu begutachten. Zwar läuft dabei nicht alles nach Wunsch, doch der Professor schreibt dem frisch gebackenen Doktor der Physik eine Empfehlung an einen bekannten Freund: den Flugzeugbauer und Firmenchef Ernst Heinkel. Der geniale Konstrukteur und Unternehmer erkennt die Chance des Projektes. Er engagiert Hans von Ohain und stellt ihm in den Heinkel Werken eine eigene, von der Konkurrenz abgeschirmte Abteilung zur Verfügung.

Grafik Düsenantrieb
Ohains Plan: Ein Luftstrahl erzeugt Schub und treibt das Flugzeug an

1937 erhält Hans Pabst von Ohain das Patent für sein Verfahren eines "Turbo Luftstrahl Triebwerks". Die Grundidee seiner folgenden Entwicklung ist ein kompakter Antrieb mit Radialverdichter und Radialturbine, Brennkammer und Schubdüse. Bereits Mitte 1937 erweisen erfolgreiche Probeläufe, dass Hans von Ohain und sein Team auf dem richtigen Weg sind. Zwei Jahre später, am 27.August 1939 hebt Testpilot Erich Warsitz mit einer Maschine vom Typ Heinkel 178 zum spektakulären Erstflug eines Düsenflugzeugs ab. Damit ist das Zeitalter der Düsenjets eröffnet.

Nach 1945 – In den USA geht die Karriere weiter

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ist Hans von Ohain bei Heinkel in Rostock und später im von Heinkel übernommenen Motorenwerken "Hirth" in Stuttgart-Zuffenhausen für die Triebwerksentwicklung verantwortlich. Auch die deutsche Konkurrenz, vor allem Messerschmitt arbeitet an eigenständigen Verfahren. Zwar gelangen auf deutscher Seite unterschiedliche düsengetriebene Kampfflugzeuge zum Fronteinsatz, doch entscheidend für den Kriegsausgang waren sie nicht. 1947 verpflichten die Amerikaner Hans von Ohain wie viele andere Wissenschaftler im Rahmen der "Operation Overcast" für den Dienst in der U.S. Air Force. In Amerika hilft er der Air Force bei der Entwicklung eigener Düsenflieger. 1956 wird Hans von Ohain zum Direktor des Luftwaffen-Forschungsinstituts der U.S. Air Force befördert In den 60er Jahren schließt er Freundschaft mit seinem einstigen englischen Konkurrenten Frank Whittle. In der entscheidenden Phase der Entwicklung hatten beide nichts voneinander gewusst. 1975 übernimmt er den Posten eines Chefentwicklers für Strahlantriebssysteme. Nach der Pensionierung im Jahr 1982 lehrt und forscht er als Professor an der Universität von Dayton. Zahlreiche Vortragsreisen führen Hans von Ohain auch zurück nach Deutschland.

Frank Whittle (01. Juni 1907 – 09. August 1996): Vom Arbeitersohn zum Professor

Frank Whittle
Frank Whittle in einem Film für seine Firma "Power Jets"

England, 1930. Frank Whittle ist nicht der erste, der Pläne für einen Strahlantrieb für Flugzeuge zum Patent anmeldet. Bereits 1908 ließ sich der Franzose Rene Lorin ein ähnliches Triebwerk patentieren. Und 1921 erhielt dessen Landsmann Maxim Guillaume ein eigenständiges Patent auf seinen Düsenantrieb. Doch beide Patente geraten in Vergessenheit, da sie nicht zur Ausführung kamen. Fast wäre es Frank Whittle ähnlich ergangen.

Im Auftrag der Royal Air Force

Nach dem College-Abschluss geht Frank Whittle zur Royal Air Force und meldet sich zur Pilotenausbildung, die er 1928 als Zweitbester seines Jahrgangs beendet. Bereits zu dieser Zeit arbeitet er an den Plänen seines neuen Flugzeugantriebs. Es soll ein Triebwerk sein, das Luft ansaugt, erhitzt und durch eine Düse mit hoher Geschwindigkeit ausströmen lässt. Als sich die Air Force weder an seinen Plänen noch dem erteilten Patent interessiert zeigt, studiert er weiter, wird Offizier und Ingenieur. An der Universität von Cambridge macht er 1936 einen ausgezeichneten Abschluss. Mit zwei ehemaligen Kameraden gründet Frank Whittle eine Firma. Ziel der "Power Jets Ltd" ist der Betrieb einer Testanlage zur Entwicklung eines Düsentriebwerks.

Düsenflugzeug Gloster E 28/39 beim erfolgreichen Testflug
Erfolgreicher Testflug: Düsenflugzeug Gloster E.28/39

Die ersten erfolgreichen Testläufe erfolgen im April 1937, beinahe zeitgleich mit den Versuchen Hans von Ohains in Deutschland. Keiner der beiden Konkurrenten weiß von der Arbeit des Anderen. Nach zunächst anhaltenden Schwierigkeiten mit der Antriebs-Steuerung bringt der Kriegsausbruch die Wende. Militärs erkennen die Möglichkeiten, die in Frank Whittles Idee schlummern. Er bekommt Forschungsförderung und den Auftrag, Triebwerke für ein Düsenflugzeug zu liefern, dessen Rumpf die Firma Gloster entwickelt. Am 15. Mai 1941 geht die Testmaschine auf dem Militärflughafen Cranwell an den Start,. Der Jungfernflug der "Gloster E.28/39" dauert 17 Minuten und wird mit einer Spitzengeschwindigkeit von 545 Kilometern in der Stunde ein voller Erfolg. – eineinhalb Jahre nach dem Erstflug der He 178 Hans von Ohains.

Als Entwicklungsingenieur in den USA

1942 verlagert Frank Whittle seine Entwicklungsarbeit von England in die USA, wo er geschützt vor deutschen Bombenangriffen ist. Sein Projekt besitzt jetzt auf beiden Seiten des Atlantiks höchste Priorität. In den vereinigten Staaten hilft er der "General Electric Company" bei ihrem "Bell P-59 Airacomet" Programm. Fünf Jahre später wird eine Bell X-1 als erstes bemanntes Flugzeug mit Raketenantrieb die legendäre Schallmauer durchbrechen. Zwischenzeitlich nach England, zurückgekehrt, um für "Rolls-Royce" zu arbeiten, verlässt Frank Whittle den Dienst endgültig als die Regierung unter Premierminister Attlee seinen Betrieb "Power Jets" 1946 verstaatlicht. Zwei Jahre später scheidet er aus der Royal Air Force aus – hoch geehrt im Rang eines Air Commodore.

Hans von Ohain (u.l.) und Frank Whittle (u.r.) mit Familien bei Preisverleihung
Hans von Ohain und Frank Whittle mit Familien bei Preisverleihung Quelle: Stephanie Prisell von Ohain

Doch Frank Whittle ist nicht nur Patriot, sondern auch ein guter Geschäftsmann. Viele seiner Patente hatte er für sich gesichert. Er arbeitet fortan als Berater für die britische Luftverkehrsgesellschaft und emigriert 1976 nach Amerika. Auch um in den USA zum zweiten Mal zu heiraten, nach der Scheidung seiner ersten Ehe aus der zwei Söhne hervorgegangen sind. Bei der US Naval Academie in Annapolis erhält der geschätzte Spezialist eine Professur für Luftfahrttechnik. Hier lernt er auch Hans von Ohain kennen. Die beiden Konkurrenten der ersten Jahre des Düsenzeitalters werden enge Freunde. Frank Whittle stirbt im August 1996 in Columbia zwei Jahre vor Hans von Ohain mit dem er den Erfinder-Ruhm für den Düsenantrieb teilt.

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