Vom Theater auf die Bühne der Archäologie

Anmerkungen zu Giovanni Belzoni, Teil 1

Den 16. Oktober 1817 bezeichnet Giovanni Battista Belzoni (1778 - 1823) in seinem Ägypten-Buch als Glückstag, als einen der schönsten Tage seines Lebens. Im Tal der Könige legte der Italiener den Eingang zu einem Pharaonengrab frei.

Bis der goldene Tutenchamun 105 Jahre später die Schlagzeilen beherrschte, sollte die größte und prächtigste Anlage der Nekropole die Hauptattraktion auf dem Westufer des Nil bleiben. Da zu jener Zeit noch niemand Hieroglyphen lesen konnte, wurde die letzte Ruhestätte von Sethos I., die ihren Entdecker weltberühmt machte, einfach "Belzonis Grab" genannt.

Flucht aus Rom

Als Giovanni mit 16 Jahren den Barbierladen seines Vaters in Padua verließ, träumte er sicher nicht von einer Karriere als Archäologe. Der arme Junge schlug sich in Rom zunächst als Hausierer durch. Einige Quellen berichten, er wollte in ein Kloster eintreten. Nachdem jedoch die französische Armee 1797 die Ewige Stadt eingenommen hatte, floh er vor dem drohenden Militärdienst außer Landes und studierte vermutlich in Holland Hydraulik.


1803 verschlug es ihn nach London, wo er bald im Sadler's Wells Theatre als "Samson aus Patagonien" mit einer Kraftaktnummer Furore macht. Der blendend aussehende Belzoni balanciert auf seinen Schultern ein 60 Kilo schweres Eisengestänge. Darauf drehen sich zwölf Artisten wie Kuchenstücke auf einem rotierenden Teller. Dank seiner ungeheuren Körperkraft, die der Zwei-Meter-Mann mit geschmeidigen Bewegungen einzusetzen weiß, spaziert der schöne Samson in einem farbenfrohen Kostüm grazil und leichtfüßig über die Bühne - in den Händen zwei bunte Fähnchen schwenkend.

Als Ingenieur in Kairo

In den nächsten Jahren tingelt er mit seiner Ehefrau Sarah und dem irischen Diener James Curtain durch Europa. Auf Malta lässt sich Belzoni schließlich von einem Gesandten des ägyptischen Herrschers Mohammed Ali anheuern und reist mit seinem Anhang nach Kairo, denn der Pascha sucht europäische Fachleute für die Verbesserung der Landwirtschaft am Nil. In kurzer Zeit konstruiert der gelernte Ingenieur eine hydraulische Bewässerungsmaschine, die das manuell betriebene Schöpfrad ersetzen soll. Aber die Araber fürchten um ihre Arbeitsplätze und inszenieren eine Panne bei der Demonstration vor dem Regenten. Damit ist das erhoffte Geschäft für den Italiener geplatzt.


Doch er hat Glück. Durch Vermittlung des Schweizer Gelehrten Johann Ludwig Burckhardt stellt der englische Konsul Henry Salt den muskulösen Burschen als seinen persönlichen "Jäger auf Altertümer und Antiquitäten" ein. Damals wird Ägypten wahllos und ohne Skrupel ausgeplündert. Mohammed Ali zeigt nicht das geringste Interesse an den vielen, mit Inschriften bedeckten Steinen, die überall herumliegen. Er verschenkt oder verkauft sie jedem, der die Tonnen schweren Denkmäler der Pharaonen abtransportieren kann.

Gigantischer Steinbruch



Nicht nur Mittelsmänner wie Henry Salt oder sein größter Rivale, der französische Konsul Bernardino Drovetti, raffen alles zusammen, was sie beschlagnahmen können. Tausende von Händlern, Sammlern und Amateur-Archäologen sehen im Land am Nil nichts anderes als einen gigantischen Steinbruch. Einheimische Räuberclans verscherbeln den gierigen Fremden ganze Wandreliefs, Friese, Statuen und Obelisken, aber auch kleine Objekte wie Papyrusrollen, Schmuck und vor allem eine Unzahl von Mumien. Meist dienen Brecheisen und Sprengstoff als Werkzeug, Bestechungsaktionen ungeheuren Ausmaßes sind an der Tagesordnung. Jahrtausende alte Kunstwerke verschwinden in Privatsammlungen oder werden brutal zerstört.

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