Vorstoß in die Städte

Die Boxerbewegung erweitert ihren Aktionsradius

In Peking herrscht zu Beginn des Jahres 1900 Krisenstimmung. Ein christlicher Missionar wurde von Anhängern der Boxer ermordet. Ein kollektiver Protest formiert sich in Diplomatenkreisen. In der Verbotenen Stadt sind die Reaktionen darauf unterschiedlich. Die Gemäßigten unter den Beamten wollen die Boxer-Bewegung verbieten, um die Europäer zu besänftigen. Der ultrakonservative Prinz Duan ist gegen ein Einlenken.

Stadtbild Peking mit Boxern Quelle: ZDF

Duan befürchtet, dass es sich beim gemeinsamen Protest der Europäer um eine Intrige handelt, um den zuvor von Kaiserwitwe Cixi entmachteten prowestlichen Kaiser Guangxu wieder an die Macht zu bringen. Zur Besänftigung der Europäer beschließt man einen Kompromiss. Ein bewährter General soll die Mörder des Missionars finden. Würde man die mächtige Boxerbewegung verbieten, könnte diese sich gegen das Kaiserhaus wenden. Sie wird deshalb toleriert, solange sie keine Verbrechen mehr begeht. Die Boxer betrachten die Politik des Kaiserhofs als heimliche Unterstützung ihrer Bewegung.

Der nächste Schritt

Dürre auf den Feldern rund um Peking Quelle: ZDF

Da Dürre und Hungersnot auch im Frühjahr 1900 noch anhalten, reißt der Zulauf zur Boxerbewegung nicht ab. Anfangs waren die Boxer Gegner der Regierung. Aber jetzt propagieren sie bei ihren Schaukämpfen und in ihren Parolen die Treue zur Kaiserfamilie: "Unterstützt die Dynastie der Qing, Tod allen Ausländern." Die Anführer der Boxer bereiten ihren nächsten Schritt vor. Sie wollen die Bewegung aus dem Land in die Städte tragen, da wo Zehntausende von chinesischen Christen leben - und die verhassten Europäer. Im April 1900 überschlagen sich in der Hauptstadt die Berichte von Übergriffen der Boxer gegen chinesische Christen.

Auch im darauffolgenden Mai regnet es nicht, die Unruhe auf dem Land wird immer größer. Eine große Zahl von Boxern strömt in das verschlafene Dörfchen Gao Luo, 120 Kilometer von Peking. Ihr Ziel sind Häuser der Konvertiten. Die einheimischen Christen werden auf die Straße gezerrt. Aufgrund ihrer Privilegien sind sie zutiefst verhasst. Dutzende von ihnen werden erschlagen. Die französischen Missionare in Peking übertreiben später die Zahl der Getöteten. Außerdem berichten sie fälschlicherweise, dass die Boxer von der chinesischen Regierung unterstützt würden. Anfang Juni fordern die europäischen Diplomaten für ihren persönlichen Schutz Truppen an.

Parade Marinesoldaten in Peking (Spielszene) Quelle: ZDF

Öffentliche Demütigung

Über 350 Marinesoldaten aus acht Nationen erreichen mit dem Zug Peking und paradieren durch die Stadt. Die Kommandeure glauben jedoch, dass die Krise schnell beizulegen ist. Doch die Soldaten haben nur begrenzte Munitionsvorräte bei sich. Eine fatale Entscheidung, wie sich später herausstellt. Der Einmarsch fremder Truppen ist eine öffentliche Demütigung. Für Chinesen ist die Wahrung des Gesichts von größter Bedeutung. Obwohl die chinesische Armee schlecht ausgerüstet ist, versichert man Cixi, dass man die Europäer im Kriegsfall schlagen könne. Schließlich sei man ihnen zahlenmäßig überlegen. Die Kaiserin hatte den Einzug des kleinen europäischen Truppenkontingents in die Hauptstadt erlaubt. Das nächste Mal, so beschließt sie, wird sie weniger nachsichtig sein.

Prinz Duan hat großes Interesse daran, dass die Situation eskaliert. Sein Sohn ist als Nachfolger des jungen Kaisers designiert. Nur wenn die Europäer vertrieben werden, so glaubt Duan, hat sein Sohn eine Chance auf den Drachenthron. Am 7. Juni 1900 entscheiden die Hardliner am Hof, den Druck auf die Ausländer zu erhöhen. Die Stadttore Pekings werden geöffnet. Tausende von Boxern strömen in die Metropole. Vor allem die chinesischen Christen fürchten um ihr Leben. Auch die Diplomaten sehen die Boxer zum ersten Mal mit eigenen Augen. Sie erkennen, dass sich die Gangart verschärft und die Gefahr sich vergrößert.

Boxer in Peking nach der Stadttoröffnung Quelle: ZDF

Multinationale Streitmacht

Als das Clubhaus der europäischen Rennbahn in Peking in Flammen aufgeht, ist das für den britischen Botschafter MacDonald der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Für die Europäer war die Rennbahn das Zentrum des gesellschaftlichen Lebens in Peking. Die beunruhigten Diplomaten fordern Verstärkung an. Hundert Kilometer weiter östlich hat sich eine internationale Flotte von über 40 Kriegsschiffen zusammengefunden. Ranghöchster Offizier ist der britische Admiral Edward Seymour. Er handelt sofort. Unter seinem Kommando setzen 2000 Marinesoldaten an Land - eine multinationale Streitmacht, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.

Der auslösende Funke

Admiral Edward Seymour Quelle: ZDF

Am 10. Juni 1900 steigen die Truppen unter Seymour an der Küste in einen der Züge nach Peking. Für Seymour spielt die Eisenbahn eine entscheidende Rolle, denn mit der Bahn können Truppen schnell transportiert werden. Doch seine Strategie geht nicht auf. 40 Kilometer vor Peking, in der Nähe der Stadt Lang Fang, haben die Boxer die Schienen auf dieser Eisenbahnbrücke zerstört. Fanatische Boxereinheiten greifen den internationalen Truppenverband an, ein verlustreicher Kampf für beide Seiten. Seymour und seine Männer werden gezwungen, sich zurückzuziehen. Entlang des Flussufers kämpfen sie sich den Weg zur Küste frei. Als sich die Nachricht von Seymours Scheitern in Peking verbreitet, ist die Genugtuung bei vielen Chinesen groß.



Die Boxer werden immer waghalsiger. Am 13. Juni tauchen Boxer vor der deutschen Botschaft auf, einer mit gezücktem Säbel. Für den heißblütigen Diplomaten Baron von Ketteler ein rotes Tuch. Von Ketteler verprügelt den Boxer brutal, dann wird er abgeführt und eingesperrt. Das ist der auslösende Funke. Die Boxer greifen Christen an und plündern Geschäfte, die mit westlichen Produkten handeln. Die Europäer suchen Schutz in ihren Botschaften. Drei Tage und drei Nächte halten die Ausschreitungen an, hunderte Menschen werden getötet. Pekings Kaufmannsviertel geht in Flammen auf.

Ausschreitungen in Peking (Spielszene) Quelle: ZDF

Als die Boxer damit beginnen, chinesische Christen anzugreifen, vergessen die Europäer für kurze Zeit ihre Ressentiments. Kleine Trupps schwärmen vom westlichen Viertel aus, um chinesische Christen zu retten. Fast 3000 chinesische Christen, die den Boxern entkamen, finden Aufnahme im Diplomatenviertel.Anfangs wollten die Diplomaten die Konvertiten nicht aufnehmen. Als Europäer seien sie für chinesische Untertanen nicht zuständig.

Aufforderung zur Kapitulation

Die Ereignisse außerhalb von Peking spitzen die Krise weiter zu. Um Admiral Seymour und seine Truppen zu retten, will die internationale Flotte weitere Verstärkungen anlanden. Als erstes müssen sie vier mächtige Festungen einnehmen, welche die Mündung des Peiho-Flusses schützen. Am Morgen des 17. Juni schickt die Flotte dem chinesischen Kommandeur die Aufforderung zur Kapitulation. Doch der lehnt ab. Von der Land- und Seeseite zugleich greifen die Alliierten die Forts an. Sie werden erstürmt, die Verteidiger niedergemacht.

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