Vorstoß zum 90. Breitengrad Nord

Seit der Antike erobern Menschen Stück für Stück die Arktis

Niemand weiß genau, wie weit der griechische Geograph Pytheas von Massalia um das Jahr 320 v. Chr. nach Norden vordrang. Vermutlich erreichte er zumindest die Treibeiszone des Nordpolarmeeres. Seitdem haben immer wieder Menschen versucht, die eisige Polkappe zu bezwingen. Es ist eine Geschichte heroischer Versuche, dramatischen Scheiterns und sehr später Erfolge.

90 Grad Nord - Der Pol
90 Grad Nord - Der Pol Quelle: ZDF

Dass die Erde eine Kugel ist, nahmen schon die alten Griechen an. Wann die Vorstellung von einem nördlichen Pol entstand, ist ungewiss. Ob die Wikinger jenen entlegenen Ort ahnten, als sie im 9. und 10. nachchristlichen Jahrhundert Island, Teile Grönlands und von Nordwest-Kanada zumindest zeitweise besiedelten, ist nicht nachweisbar. Erst im 14. Jahrhundert findet sich auf Karten der Arktis ein "Magnetberg" oder ein schwarzer Felsen inmitten der eisfreien "Bernsteinsee", umgeben von vier großen Inseln.

Am Rand der Welt

Wikinger-Schiff Quelle: ZDF

Der Nordpol als geographischer Punkt, von dem aus es in alle Richtungen nur südwärts geht, blieb lange ein mythischer Ort jenseits unüberwindbarer Eisbarrieren. Bis Ende des 19. Jahrhunderts galten die ersten planmäßigen Erkundungen der Arktis vor allem dem Auffinden neuer Seewege und neuer, Schätze verheißender Länder. Bei der Suche nach der Nordwest- und der Nordost-Passage wurden arktische Inseln wie Spitzbergen entdeckt und riesige Küstenabschnitte am Rand der damals bekannten Welt vermessen.

    Nordwest-Passage: Seeweg aus dem Nordatlantik durch die arktische Inselwelt Nord-Kanadas bis in die Beringstraße als Schiffsroute von Europa nach China und Südost-Asien

    Nordost-Passage: Seeweg entlang der Nordküste Eurasiens bis in die Beringstraße als Schiffsroute von Europa nach dem fernöstlichen Asien

Erst allmählich weckt der Nordpol selbst das Interesse von Wissenschaftlern und Abenteurern. Das Streben, möglichst weit nach Norden vorzustoßen, bezahlen viele Männer mit ihrem Leben. 1893 bricht der Norweger Fridtjof Nansen mit der "Fram" ins Nordmeer auf, um mit der Eisdrift über den Nordpol hinwegzutreiben - ein vergebliches Unterfangen. Schließlich versucht er mit seinem Heizer Frederick Hjalmar Johansen, das Ziel zu Fuß zu erreichen. Bei 86°14'N müssen sie umkehren - dennoch eine Rekordleistung. Nie zuvor stand ein Mensch so weit nördlich: 418 Kilometer vom Pol entfernt.

Im Fokus der Forscher

Es setzte ein Run auf den Pol ein. Mit Ballonen, Schiffen und Schlitten wurde versucht, den 90. Grad nördlicher Breite zu stürmen - vergeblich. Immerhin erreichte im April 1900 der Italiener Umberto Cagni mit drei Begleitern und Hundeschlitten 86°36 N - nur noch 383 Kilometer bis zum Pol. Inzwischen war das Finden des nördlichen Austrittspunktes der Erdachse vom persönlichen zum nationalen Ziel mutiert - spätestens seit der Naturliebhaber, Abenteurer und Großwildjäger Theodore Roosevelt 1901 US-Präsident wurde.

Im August 1909 kehrte der amerikanische Arktisforscher Robert Edwin Peary von einer Expedition zurück und behauptete, im April den Pol erreicht zu haben. Knapp einen Monat später traf der deutschstämmige Arzt Frederick Cook von seiner vorjährigen Arktistour nach Kopenhagen zurück und gab an, bereits am 21. April 1908 am Pol gewesen zu sein. Weder Peary noch Cook konnten ihre Aussagen beweisen. Es entwickelte sich eine Schlammschlacht, die in die Geschichte einging und mit einem Remis endete. Es wird angenommen, dass Peary 87°57' erreicht haben könnte, während Cook in noch größerer Distanz geblieben sein dürfte.

Lohn und Luxus

Karte vom Nordpol
Karte Nordpol

1926 entstand neuer Zank - diesmal zwischen dem Norweger Roald Amundsen und dem Amerikaner Richard E. Byrd. Amundsen hatte den Nordpol am 12. Mai mit seinem Luftschiff "Norge" überflogen, doch der US-Admiral will bereits drei Tage zuvor mit einem Flugzeug dort gewesen sein - eine Behauptung, die heute stark angezweifelt wird. 1937 landete Iwan Papanin mit einer russischen Tupolew Tb-3 am Pol. Erst 1952 folgten die Amerikaner mit einer C-47. 1958 schließlich unterfuhr das atomgetriebene U-Boot "Nautilus" das gesamte Pol-Eis - eine Pioniertat der US-Navy.

Zankapfel der Zukunft

Borge Ousland Quelle: ousland.com

1968 erreichte der Amerikaner Ralph Plaisted mit Schneemobilen den geographischen Nordpol. Ohne die Macht von Maschinen schaffte das ein Jahr später der Engländer Wally Herbert. Sein Lohn: Er wurde zum Sir erhoben und gilt als der erste Mensch, der unmotorisiert "zu Fuß" dort angekommen ist, wohin so viele vor und nach ihm strebten. Der norwegische Tiefseetaucher Børge Ousland überquerte den Pol bei seiner Solotour von Sibirien nach Kanada. 2006 gelang ihm sogar eine Winterexpedition während der Polarnacht zum eisigen Zentrum. Seit Jahren ist der Nordpol aber auch Ziel von Luxusreisen und exzentrischer Events. Sein Mythos schmilzt durch den Protz-Tourismus dahin wie das Eis infolge der globalen Erwärmung.
Je mehr die gefrorene Polkappe auftaut, desto stärkeres Interesse weckt die Region bei Wirtschaftsbossen, Politikern und Strategen. Gewaltige Öl- und Gasreserven werden unter dem Nordpolarmeer vermutet. Die Fischerei wittert neue Fanggründe und die Schifffahrt sieht lukrative Verkürzungen der Seewege. Immerhin waren im August 2008 Nordwest- und Nordost-Passage erstmals gleichzeitig eisfrei. Doch wo es so viel zu holen gibt, lässt das Gerangel der Anrainer nicht lange auf sich warten.

1977 bahnte sich der sowjetische Atomeisbrecher "Arktika" seinen Weg zum Pol - eine Leistung, die das deutsche Forschungsschiff "Polarstern" 1991 wiederholte. Doch spätestens seit im August 2007 die beiden russischen "Mir"-Tauchboote direkt am Pol in einer Tiefe von 4261 Metern eine russische Fahne aus rostfreiem Titan aufstellten, ist der Streit um Gebietsansprüche und Nutzungsrechte entbrannt. Pessimisten sehen bereits einen neuen Kalten Krieg in der wärmer werden Arktis heraufziehen.

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