Wahrheit und Dichtung

Evans' Deutungen der minoischen Kultur geraten ins Wanken

Die wichtigste der zweifelhaften Elfenbeinfiguren ist die Schlangengöttin in Boston. Evans genügten Fotos um ihre Echtheit festzustellen. Sie war der greifbare Beweis, dass seine Vorstellung von einer Mutter-Gottheit stimmte. Das Museum hat sie nach einer Alters-Analyse ins Archiv verbannt.

Kenneth D. S. Lapatin und Joseph A. Macgillivray Quelle: ZDF

Furchtlos und stolz ist die Bostoner Schlangengöttin selbst zu einem Symbol geworden. Sie hat Schriftsteller und Modeschöpfer inspiriert und wurde sogar zu einer Ikone der Frauenbewegung. Die Mischung aus Erotik und Horror, die die barbusige Mutter-Gottheit mit den Schlangen vereint, ist merkwürdig fesselnd - schon seit der Antike. Wie schon Eva oder Kleopatra: schöne gefährliche Frauen mit Schlangen.

Überraschende Alters-Analyse

Zweifel an ihrer Echtheit gab es immer wieder. Verdächtig ist, dass sie so gut erhalten ist, auch wenn das Gesicht beschädigt ist. Die obere linke Hälfte hat sich abgeschuppt. Das passiert bei Elfenbein. Aber das Gesicht erscheint trotzdem ebenmäßig. Das deutet darauf hin, dass das Elfenbein vor, und nicht nach der Beschädigung bearbeitet wurde. Das Museum ließ ihr Alter durch einen C-14 Test feststellen. Das Ergebnis ist überraschend. Wenn die Statue antik wäre, sollte das Elfenbein auf 1450 vor Christus datieren. Die Datierung war tatsächlich 1450 - aber nach, und nicht vor Christus. Also ist das Elfenbein viel zu neu um Minoisch zu sein. Bleibt die Frage, wer sie dann gemacht hat.

Ohne Emile Gilliéron wäre der Palast von Knossos nicht das, was er heute ist. Mit seinen Rekonstruktionen hilft er Evans, Ruinen ein Leben einzuhauchen und ein Bild der Minoer zu schaffen. Er weiß, was Evans braucht, und er liefert es ihm. Kein anderer ist so wie er in der Lage gewesen, diese kunstfertigen Fälschungen herzustellen: Die Gilliérons arbeiten mit Elfenbein, haben das Können und das Wissen aus erster Hand. Stecken also die Gillierons hinter der Bostoner Lady of Sports und der Schlangengöttin? Die Indizien sind erdrückend. Aber den endgültigen Beweis wird es nicht mehr geben. Fast ein Jahrhundert ist inzwischen vergangen.

Evans Königsgrab

Im November 1922 erregt eine archäologische Entdeckung weltweites Aufsehen. Diesmal ist es nicht Evans, der in den Schlagzeilen erscheint. Howard Carter hat Tutenchamuns Grab gefunden. Evans schreibt abwertend: Dies sei ja nur das Grab eines Pharaos und meint: Ganz andere Wunder würden uns erwarten, fände er das Grab des König Minos. Aber acht weitere lange Jahre gehen ins Land, ohne dass Evans Wusch in Erfüllung geht.

Doch dann bekommt er den Besuch eines Priesters aus der Umgebung. Er bringt einen goldenen Ring und berichtet, ein junger Schafhirte hätte ihn südlich von Knossos an einer Weinrebe hängend gefunden. Für Evans ist dies der Ring eines Königs. Sein Grab muss ganz in der Nähe des Fundorts sein. Und wieder findet Evans wonach er sucht. Eine Keramikfigur wird eine Göttin, eine Ruine zum Grab eines Königs. Das Tempelgrab ist heute für normale Besucher geschlossen. In diesem findet der junge Schafhirte angeblich den goldenen Ring. Aber Evans bekommt auch diesmal König Minos nicht zu fassen.

Kein Grab auf Kreta

Die gesamte ägyptische Archäologie basiert auf der Öffnung der Pharaonen-Gräber. Es gibt kein einziges auf Kreta. Nicht ein einziges Grab bei dem man sagen könnte "Hier haben wir einen Minoischen Herrscher". Evans hat die Anlage zu einem Königs-Grab gemacht. Der Beton, mit dem Evans das Tempelgrab rekonstruierte, zerfällt langsam zu Staub. Genauso wie viele seiner Erkenntnisse über die Minoer.

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