Wanderer oder Seefahrer?

Gelehrtenstreit um die Besiedlung Amerikas

Vor 12.000 Jahren hält die letzte Eiszeit die Erde fest im Griff. Gletscher breiten sich aus und lassen den Meeresspiegel um bis zu 150 Meter sinken. Dadurch entsteht an der Beringstraße eine Landbrücke, über die Menschen aus Sibirien nach Nordamerika wandern.

Lange Zeit gelten diese Menschen als die ersten Bewohner des Kontinents. 1937 werden auf dem Gebiet der Stadt Clovis, im US-Bundesstaat New Mexico, Speerspitzen gefunden. Ihr Alter wird auf etwa 11.500 Jahre datiert. Die These der Besiedlung Amerikas über die zugefrorene Beringstraße scheint gefestigt. Neue Funde in Südamerika lassen jedoch Zweifel daran aufkommen, dass der Doppelkontinent von Norden aus bevölkert wurde.

Knochenfunde am Grünen Berg

Bei Grabungen am Monte Verde, dem Grünen Berg, im südlichen Chile stößt der amerikanische Archäologe Tom Dillehay auf die Überreste einer Kultur, die bereits vor über 12.500 Jahren, also bevor es die Landbrücke über die Beringstraße gab, existiert haben soll. Dies ergeben Radiokarbon-Untersuchungen von Ufersedimenten eines Bachlaufs am Fuße des Berges.




Vermächtnis Thor Heyerdahls

Unter den Funden des Professors der University of Kentucky befinden sich messerscharfe Steinklingen, Pfeilspitzen und Knochen, die einst als Schürhaken dienten. Die menschlichen Hinterlassenschaften aus der Steinzeit sind Beweise dafür, dass die Erschließung viel früher stattfand, als bisher angenommen. Dies würde bedeuten, dass der Kontinent nicht übers Land, sondern vom Meer aus besiedelt wurde.


Bereits 1947 stellt der Norweger Thor Heyerdahl mit seiner berühmten Kontiki-Expedition die gängige Theorie von der Erstbesiedlung über die Beringstraße in Frage. Der Abenteurer überquert mit einem primitiven Floß aus Balsa-Holz den Pazifik. Damit will er zeigen, dass Südamerika schon lange vor Kolumbus eine Seeverbindung zu anderen Kontinenten gehabt haben könnte.

Unterstützung aus der alten Welt

In einer weiteren Expedition versucht Heyerdahl mit einem Papyrusboot von Marokko nach Südamerika zu gelangen. Im zweiten Anlauf glückt der ehrgeizige Versuch: Der Norweger erreicht mit seiner drei Meter langen Ra II trockenen Fußes Barbados. Heyerdahls Experimente bleiben in der Fachwelt jedoch umstritten und werden von vielen Wissenschaftlern nicht ernst genommen.


Tom Dillehay hingegen wird ernst genommen. Die Forschungen des renommierten Archäologen stellen die gängige Lehrmeinung über die Ur-Geschichte Amerikas auf den Kopf. Doch die Anhänger der traditionellen, so genannten Clovis-Theorie, weisen die Ergebnisse ihres Kollegen als falsch zurück. Sie behaupten, dass Chile damals noch unter einer dicken Eisschicht gelegen habe und daher menschliches Leben dort nicht möglich gewesen sei. Sie halten daran fest, dass die ersten Bewohner des Kontinents zu Fuß über die Beringstraße kamen und somit Nordamerikaner waren.


Eine deutsche Expedition zur Südspitze des Kontinents, nach Patagonien, soll helfen, das Rätsel der ersten Amerikaner zu lösen. Das Team um den Paläobiologen Frank Riedel von der Freien Universität Berlin will ergründen, ob die natürlichen Bedingungen in Südamerika tatsächlich so lebensfeindlich waren, wie die Kritiker Tom Dillehays behaupten.




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