Waräger in Kiew

Nordisch-russische Verbindung

Das Ziel des Archäologen Volodymyr Kowalenko liegt im Norden, in der Nähe von Tschernobyl. Seit der Nuklearkatastrophe wirkt das Land rund um Kiew wie ausgestorben.

Kowalenkos Exkursion führt an einen wichtigen Ort slawisch-wikingischer Geschichte: Listven. Ein mächtiger Erdhügel ist alles, was von der Holzburg von Listven übrig geblieben ist. Nordische Söldner waren hier stationiert, die für den Fürsten von Tschernigow Tribute eintrieben und Flusszoll kassierten. "Die Herrschaft über die Flüsse war Silber wert", ist sich Kowalenko sicher.

Herrschaft über die Flüsse

1024 kämpften zwei Brüder in Listven um diese Herrschaft. Einer vertraute dabei einem Söldnerheer Wikinger. Sie wurden besiegt. Schriftquellen belegen: Es lagen viel mehr skandinavische Gerippe in der Erde von Listven als slawische. Die Schlacht von Listven markiert eine Zäsur. Der Einfluss der Nordmänner schwand in der Folgezeit. Wurden damit in Tschernigow ihre Spuren für immer verwischt?


Die Hamburger Archäologin Renate Rolle fahndet seit Jahren nach Zeugnissen der Wikinger im Osten. Sie nimmt die älteste Kirche der Provinzhauptstadt ins Visier. Kollege Kowalenko gab ihr den Tipp. An den Kapitellen erkennt sie kunstvolle Verzierungen. Die geschlungenen Tiermuster sind eindeutig Wikingerstil. Frisch renoviert strahlen die Ornamente der lange Jahre verdrängten Vorbilder aus dem Norden. Zeichen eines Zeitenwechsels nach dem Fall des Eisernen Vorhangs.

Gräber in Kiews Altstadt

Der Weg der Waräger, der Wikinger, nach Byzanz führte sie dnjeprabwärts nach Kiew. Hier wurde 882 nach blutigen Kämpfen die "Kiewer Rus" gegründet, das unterworfene Nowgorod mit Kiew erstmals vereint.
Nach langen Jahren der Unterdrückung dürfen die Archäologen endlich unvoreingenommen nach der historischen Wahrheit forschen. Eine eilige Notgrabung an einer Großbaustelle soll neue Indizien zu Tage fördern. Immer wieder Gräber. Wer lebte in Kiews Altstadt vor gut 1000 Jahren? Wikinger oder Slawen? Oder beide? Keramik aus Nowgorod belegt zumindest eindeutig die Verbindung der beiden Metropolen.

Die Anthropologin Alexandra Kozak hat sich auf die Gebeine derer spezialisiert, die in den anscheinend recht rauen Zeiten der Reichsgründung in und um Kiew begraben wurden. Derbe Kampfspuren sind dabei keine Seltenheit. Ein Mann wurde besonders zugerichtet. Die Forscherin kann beinahe den Kampfverlauf nacherzählen. Noch wichtiger ist: Die Knochen verraten ihr Alter und die Herkunft der Krieger. Das Resultat: In vielen Gräbern Kiews liegen Skandinavier. Macht und Reichtum hatten sie in der Goldenen Stadt am Dnjepr gesucht.

Kilometerlange Katakomben

Die Maria-Himmelfahrts-Kathedrale im Lavra-Kloster ist über einem weitverzweigten Höhlensystem erbaut. Die Grablege für Märtyrer und Heilige. Einer alten Chronik zufolge sind unter ihnen auch zwei christliche Wikinger.

In den kilometerlangen Katakomben lebten einst Eremiten in absoluter Armut und Enthaltsamkeit. Doch bevor die Höhlen zum "Jerusalem des Ostens" wurden, hatten sie eine andere Funktion: Die Wikinger nutzten einen Teil als Lager und Versteck für ihre wertvolle Handelsware. "Warägerhöhlen" nennt sie der Volksmund bis heute. Unter den Mumien soll auch jener Mönch Nestor sein, der die Nordmänner als Gründerväter in die russische Geschichte schrieb.

"Goldenes Kiew"

Die Sophienkathedrale ist ein weiterer Glanzpunkt des "Goldenen Kiews". Hier schließt sich auch die Beweiskette für Nestors umstrittene Behauptung. An den prachtvoll ausgemalten Wänden des Gotteshauses befindet sich das Porträt einer Frau: Ingigerd, Tochter des Schwedenkönigs und Gattin von Jaroslav dem Weisen, dem Fürsten der Kiewer Rus.


Weitere Spuren der nordisch-russischen Verbindung sucht die Archäologin Renate Rolle auf der Fürstenempore, die nur dem engsten Herrscherkreis vorbehalten war. Auf einem unscheinbaren Graffito steht in altrussischer Sprache: "Herr, hilf deinem Knecht Jakun". Jakun hieß auch der Anführer der Wikinger in der Schlacht von Listven. Wenn ein Nordmann auf dieser Empore stehen und sich verewigen durfte, muss er zum engsten Zirkel der Macht gehört haben.

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