Waren die Ägypter schneller als Kolumbus?

Der Streit um einen frühen Kulturaustausch zwischen Amerika und der "Alten Welt" ist nicht entschieden

Was lange als bewiesen galt, will Dominique Görlitz mit seinen Abora-Expeditionen widerlegen: dass erst mit Kolumbus der Handel zwischen Europa und Amerika begann. Görlitz hingegen meint: Bereits vor 14.000 Jahren waren die Menschen fähig, den Atlantik zu überqueren, um Güter zu tauschen. Seine These stützt der Abenteurer aus Sachsen auf einige Indizien - beweisen lässt sie sich bis heute allerdings nicht.

Aborabug seitlich mit Seitenschwertern Quelle: ZDF

Ob es bereits vor Kolumbus transatlantische Kontakte gab, wird schon seit Jahrzehnten in der Wissenschaft heiß diskutiert. Laut Görlitz gibt es eine ganze Reihe von Anzeichen, die dafür sprechen. So wurden zum Beispiel auf beiden Seiten des Atlantiks dieselben Kultur- und Rauschpflanzen entdeckt.

Forscher konnten Spuren des Haschischwirkstoffs THC und von Nikotin in ägyptischen Mumien nachweisen - beide Drogen fanden in der "Alten Welt" jedoch erst ab dem 16. Jahrhundert Verbreitung. Allerdings ist es bis heute nicht geklärt, wie die Substanzen in die Körper gelangten. Manche Wissenschaftler halten es für möglich, dass die Spuren von Forschern stammen, die die Mumien später untersuchten.

Nikotin muss nicht aus Tabak stammen

Es ist also alles andere als sicher, dass die Ägypter nordamerikanischen Tabak rauchten. "Die Gleichung 'Nikotin gleich Tabak' ist zu einfach", meint Professor Nikolai Grube, Direktor des Instituts für Altamerikanistik und Ethnologie der Uni Bonn. "Nikotin kommt auch in anderen Pflanzen vor." Nur weil wir Nikotin heute mit Tabak verbänden, müssten die gefundenen Reste nicht aus Tabak stammen. Außerdem, so Dr. Heiko Prümers vom Deutschen Archäologischen Institut, handele es sich bei dem Fund um einen Einzelfall. Man haben "nie wieder vergleichbare Ergebnisse erzielt".

Doch Görlitz gibt sich damit nicht zufrieden: Als weiteres Indiz für transatlantischen Handel sieht er Reste des mexikanischen Tabakkäfers im Grab von Tut-Ank-Amun. Ungeklärt sei bisher auch, wie domestizierte afrikanische Flaschenkürbisse in der Zeit zwischen 9000 und 13.000 vor Christus ihren Weg nach Amerika gefunden hätten.

Keine archäologischen Beweise

Doch können diese Hinweise wirklich belegen, dass es einen Kulturaustausch über den Atlantik hinweg gab? Der Archäologe Heiko Prümers bezweifelt dies. Er hält Görlitz Thesen für eine Außenseiterposition. Die Anzahl der Hinweise, die dafür sprechen seien im Vergleich zu denen, welche die Gegenthese stützten, eher gering. Auch Professor Nikolai Grube ist skeptisch: "Ich halte diese Hypothesen für sehr gewagt. In Nordamerika gebe es "keine archäologischen Beweise, keinen einzigen Fund", der auf einen frühen transatlantischen Austausch hindeute.

Abora auf hoher See


"Ich will nicht ausschließen, dass durch Zufall ein Boot nach Afrika gelangt sein könnte - oder umgekehrt", meint Professor Nikolai Grube. "Aber auf dieser Grundlage konnten die Völker keinen Handel betreiben." Für ihn stellt sich auch die Frage, warum die Völker überhaupt Handel hätten betreiben sollen. "Was gab es denn auf der anderen Seite des Meeres, dass sie dieses enorme Risiko auf sich genommen hätten?"

Wer hat die pazifischen Inseln besiedelt?

Der Streit der Forscher um einen frühen Kulturaustausch zwischen Amerika und der "Alten Welt" schwelt schon seit langem und fand mit den Expeditionen von Thor Heyerdahl einen vorläufigen Höhepunkt. Der norwegische Forscher war der Meinung, dass der pazifische Inselraum von Südamerika aus besiedelt wurde, und nicht von Asien aus - was die gängige Lehrmeinung war. Um seine Theorie zu stützen, ließ sich Heyerdahl 1947 auf einem Floß aus Balsaholz von Peru aus mit den Passatwinden nach Polynesien treiben.

Ra II Thor Heyerdahl Quelle: dpa

Später versuchte er mit den Schilfbooten Ra I und Ra II von Afrika aus Amerika zu erreichen - was ihm mit Ra II auch gelang. Damit wollte er zeigen, dass schon lange vor Kolumbus ägyptische Seefahrer nach Südamerika gesegelt sein könnten. Aus wissenschaftlicher Perspektive wurde die Aussagekraft der spektakulären Fahrten jedoch als nicht allzu groß eingeschätzt: Zwar könnte Heyerdahls Vermutung richtig sein, räumten seine Kritiker ein, bewiesen sei damit allerdings noch lange nichts.

Erbgutanalysen stützen Heyerdahl

Ende der 1990er Jahre konnte die amerikanische Genetikern Rebecca Cann schließlich mit Hilfe von Erbgutanalysen nachweisen, dass polynesische Seefahrer bereits Hunderte von Jahren vor Kolumbus nach Amerika gelangt sein müssen. Die Forscherin fand in den DNA-Proben von polynesischen Ureinwohnern und amerikanischen Indianerstämmen auffallende Übereinstimmungen - was als Beleg für Heyerdahls These gelten kann.

Auch eine Forschergruppe des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie fand bei den Polynesiern neben asiatischen Erbanteilen solche, die von der Urbevölkerung Papua-Neuguineas stammen. Die wissenschaftliche Kontroverse um frühe transatlantische Wanderungsbewegungen hat dieser Befund allerdings nicht beendet.

Vielleicht hilft hier das "Genographic Project" weiter. Das Projekt der amerikanischen Forschungsorganisation National Geographic und des Computerkonzerns IBM will die Ausbreitung der Menschheit über den Erdball mit Hilfe von Genanalysen nachzeichnen. Fast 20.000 Speichelproben aus allen Teilen der Welt wurden dafür bereits gesammelt und analysiert. Voraussichtlich im Jahr 2010 wird das Projekt abgeschlossen sein. Möglicherweise kann dann auch geklärt werden, von wo aus Polynesien und Südamerika besiedelt wurden.

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