Waren die Assyrer grausam?

Historiker Andreas Fuchs rückt das Bild über das kriegerische Volk zurecht

Professor Andreas Fuchs ist Spezialist für die Geschichte und Kultur der Assyrer an der Universität Tübingen. Sein Urteil zur Frage, ob die Assyrer grausam waren, lautet: Jein! Nach dem Verständnis ihrer Zeit - vor 2700 Jahren - waren sie nicht grausamer als andere große Staaten und Völker. Doch, was andere der Nachwelt verschwiegen, dessen rühmten sich die Könige Assyriens in Inschriften ihrer Paläste und in Berichten über ihre Feldzüge.

Relief zeigt Assyrer mit Kopf eines Gegners
Relief zeigt Assyrer mit Kopf eines Gegners Quelle: ZDF

"Die Assyrer waren grausam" - jeder moderne Mensch, der sich mit den Assyrern beschäftigt, wird sich dieser Aussage anschließen. Vielleicht ist es bei vielen auch das Einzige, was sie über dieses Volk und seine Kultur wissen. Sumerer zum Beispiel und die Babylonier gelten als freundlicher und mehr der Kultur zugewandt. Die Assyrer dagegen werden mit Machtpolitik, Brutalität und Grausamkeit in Verbindung gebracht - vor allem das Neu-assyrische Reich, das vom Ende des 10. bis zum Ende des 7. Jahrhunderts große Teile des Nahen Osten seiner Herrschaft unterwarf.

Nicht wesentlich brutaler als andere

Bibelstelle mit Sanherib (Schauspieler)
Altes Testament berichtet von Sanheribs Angriff gegen Jerusalem 701... Quelle: ZDF

Doch im Urteil seiner Zeitgenossen ist Assyrien nicht wegen besonderer Grausamkeit verschrien. Auch in den Büchern des Alten Testamentes nicht, in denen über den Sturm der Assyrer unter ihrem König Sanherib im Jahr 701 vor Christus berichtet wird.
Das Neuassyrische Reich scheint sich, wenn es um Grausamkeiten geht, nicht wesentlich von seinen Nachbarn unterschieden zu haben. Allerdings war es erfolgreicher als sie und hat seinem Ruf für alle Zeiten dadurch geschadet, dass die assyrischen Könige - anders als die sumerischen oder babylonischen Herrscher - darauf bestanden haben, ihre Erfolge auf ziemlich brutale Weise in Wort und Bild zu verewigen.

Doch bei genauerem Hinsehen wird deutlich: In vielen Teilen des heutigen Afrika und Asiens würde man auch heute, auf Grund eigener leidvoller Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit, das Wüten der Assyrer nicht als außergewöhnlich ansehen. Dennoch bleibt die Tatsache: Die Assyrer waren als kriegerische Eroberer grausam. Denn Völker, die andere durch Krieg unter ihre Herrschaft bringen, gehen selten freundlich vor.

Grausamkeit als Kriegstaktik

Grausamkeit bei der Kriegsführung hatte Methode. In Verbindung mit militärischer Überlegenheit verschaffte sie bei konsequenter Anwendung dem König und seinem Heer einen fürchterlichen Ruf, der ihnen bei Feldzügen vorauseilen und den Gegner vor Entsetzen lähmen sollte. So rühmte sich etwa einer der Könige von Assur mit sichtlicher Genugtuung: "Schon auf die bloße Erwähnung meines Namens hin fürchteten sie sich und es sanken ihnen die Arme kraftlos herab."

Relief zeigt Foltermethoden der Assyrer
Relief zeigt Foltermethoden der Assyrer Quelle: ZDF

Zunächst ging es dabei um reine Selbstbehauptung. Man machte Nachbarn zu Vasallen, um die eigene Existenz zu sichern. Später standen die Sicherung und Erweiterung der Herrschaft im Vordergrund. Auswärtige Mächte oder Rebellen fordern den assyrischen König zum Krieg heraus, indem sie Tribute verweigern, Verträge brechen, Vasallen aufhetzen, Flüchtlinge aufnehmen, Rebellen Asyl gewähren oder einfach nur Karawanen überfallen. Jeder assyrische König ist fortwährend in Kriege verwickelt. Im Norden ist das Reich von Urartu ein ständiger Konkurrent. Im Süden heißt der Hauptgegner Babylon.

Assyriens Macht auf dem Höhepunkt

Im Verlauf eines vielfach unterbrochenen Expansionsprozesses, der gegen Ende des 10. Jahrhunderts begann, stieg Assyrien in den darauffolgenden Jahrhunderten von einem eng begrenzten, um sein Überleben kämpfenden Land zur Vormacht Vorderasiens auf. Somit trat Sanherib, als er im Jahre 705 v. Chr. den Thron bestieg, die Herrschaft über das bei Weitem mächtigste Reich seiner Zeit an.

Warum bekannten sich die Könige Assurs mit entwaffnender Offenheit zu ihrem brutalen, oft grausamen Vorgehen? Die Antwort ist einerseits in der Tatsache zu suchen, dass die Idee der Menschenrechte in der Epoche des neuassyrischen Reiches noch gänzlich unbekannt war. Ein weiterer Grund liegt im assyrischen Verständnis von der Rolle des Königs und dem Funktionieren seiner Herrschaft.

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