Warnung aus der Ferne

Bergsturz im Kaukasus lässt auch für Alpen Böses ahnen

Strahlende Gletscher, schroffe Felsen und fantastische Ausblicke: Die Welt der Hochgebirge ist vor allem für Touristen und Wanderfreunde Sinnbild unberührter Natur. Doch die scheinbar heile Sphäre oberhalb alltäglichen Ambientes hat seit langem Risse. Das bekamen die Einwohner eines Kaukasus-Dorfes im September 2002 grausam zu spüren. Niemand ahnte die herannahende Katastrophe - außer vielleicht die Rinder.

Zugeschüttetes Kaukasus-Dorf Nischni-Karmadon
Zugeschüttetes Kaukasus-Dorf Nischni-Karmadon Quelle: ZDF

Es ist der 20. September, ein Freitag wie jeder andere in dem kleinen Kaukasus-Dorf Nischni-Karmadon. Die Einwohner bereiten sich auf das bevorstehende Wochenende und die erwarteten Besucher vor. Der Ort liegt am Rande des malerischen Genaldon-Tales in Nord-Ossetien. Der wild-romantische Genaldon-Fluss macht die Gegend zu einem beliebten Naherholungsgebiet. Dass die Kühe an diesem Abend aus eigenem Antrieb von ihren tiefer gelegenen Weiden heraufkommen, nehmen die Bauern in Kani, einem 150-Seelen-Ort oberhalb von Nischni-Karmadon, erfreut zur Kenntnis - mehr nicht. Kurz nach 20 Uhr schwillt der Wind ungewöhnlich an. Aus den Bergen dringen seltsame Geräusche herunter.

Prominentes Opfer

Ossetien Karte
Ossetien Karte Quelle: ZDF

Binnen Minuten rast eine gigantische Lawine aus Geröll, Eis und Schlamm entlang des Flusslaufes durch die Schlucht. Nur wenige Einwohner von Nischni-Karmadon kommen mit dem Leben davon, weil sich ihre Häuser oberhalb des apokalyptischen Stromes befinden. Das Dorf selbst und einige andere Siedlungen sind in Sekundenschnelle von Felsblöcken und Eismassen geradezu wegrasiert. Bereits wenige Minuten später ist alles vorbei. Nach dem Ohren betäubenden Lärm legt sich gespenstische Stille über das Tal. Geschockt wagen sich einige Bauern aus dem verschont gebliebenen Kani hinab, um eventuell Hilfe zu leisten. Viel können sie jedoch nicht ausrichten.

Mehr als 120 Menschen haben den Tod gefunden. Unter den Opfern befindet sich auch der in Russland sehr berühmte Filmschauspieler und Regisseur Sergei Sergejewitsch Bodrow. Er wurde mit seinem 24-köpfigen Produktionsteam während laufender Dreharbeiten von den rasenden Massen des Geröll-Eis-Gemischs verschüttet. Eine Bergung ist bislang nicht möglich gewesen. Ob sein Leichnam nach Abschmelzen des Eises jemals zum Vorschein kommt, ist ungewiss. Geologen zu Folge ist damit - wenn überhaupt - nicht vor 2012 zu rechnen.

Historische Dimension

Nur langsam tritt das ganze Ausmaß der Katastrophe zu Tage. Erst am Tor zur Karmadon-Schlucht ist die gewaltige Schuttlawine zum Stehen gekommen. Eine Expertengruppe aus Russland und der Schweiz untersucht kurze Zeit später das Geschehen vor Ort. Die Spezialisten verfolgen die Spur der Verwüstung bis zu ihrem Ursprung - eine Strecke von mehr als 18 Kilometern. Mit einem Helikopter dringen sie bis zum 4780 Meter hohen Dshimaraj-Choch vor, dem zweithöchsten Berg Nord-Ossetiens. Dieser Felskoloss hat die Katastrophe geboren. Aus einer Steilwand haben sich 20 Millionen Kubikmeter Gestein gelöst und sind in die Tiefe gestürzt. Dadurch wurde fast der gesamte Kolka-Gletscher aus seinem Bett geschlagen und talwärts getrieben.

Gipfel des Dshimaraj-Chochs
Dshimaraj-Choch, zweithöchster Berg Nord-Ossetiens Quelle: ZDF

Der gewaltigste Bergsturz der russischen Geschichte raste in Richtung Karmadon-Schlucht. Insgesamt etwa 120 Millionen Kubikmeter Eis und Fels brachen sich Bahn - mit im Durchschnitt 180 Kilometern pro Stunde. Dabei wurden zusätzlich gigantische Materialmassen von den Berghängen abgelöst, mitgerissen und an verschiedenen Stellen angelagert - für die Wissenschaftler ein Ereignis von historischer Dimension. Darüber sind sich alle einig. Doch was die Ursache betrifft, entwickelt sich ein Wettstreit der Theorien. Von Erdbeben bis vulkanischer Tätigkeit reichen die Vorschläge - und werden bald wieder verworfen. Noch sind die Spezialisten zu keinem abschließenden Urteil gelangt.

Bilder aus dem All

Bei der Untersuchung der Katastrophe bekommen die Wissenschaftler Hilfe von unerwarteter Seite - von ganz oben. An jenem 20. September überflog die Internationale Raumstation ISS das Gebirge zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer. Ihre Aufnahmen aus dem All erweisen sich als höchst wertvoll. So erfährt auch "Gletscherpapst" Wilfried Haeberli an der Universität Zürich umgehend von dem Ereignis. Der Professor leitet das weltweite Beobachtungsprogramm aller Gletscher. Seither beschäftigt sich der Geowissenschaftler mit der Mega-Lawine.

Aufnahmen der ISS vom Unglücksort in Kardamon-Schlucht
Aufnahmen der Internationale Raumstation ISS vom Kaukasus-Unglück 2002 Quelle: ZDF

Über der Auswertung aller verfügbaren Untersuchungsergebnisse kommt Haeberli ins Grübeln. Die Bedingungen im Kaukasus erscheinen nicht ungewöhnlich. Weder Hangneigung noch Substanz des Gesteins noch andere Faktoren bieten eine eindeutige Erklärung für das Geschehene. In vielen Regionen der Alpen sind ganz ähnliche Bedingungen gegeben. Ist also eine ähnliche Katastrophe auch hier denkbar? Könnten die Vorgänge mit der globalen Erwärmung in Zusammenhang stehen? Vielleicht spielt ja auch in den Bergen Ossetiens ein Phänomen die entscheidende Rolle, das in den Alpen seit Jahren Anlass zu Besorgnis gibt: der Rückgang des Permafrostes.

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