Warum Winnetou ein Sachse ist

Karl Mays Helden in neuem Licht

Der Mythos von Winnetou & Co. stand 2007 im Zentrum einer Tagung, zu dem die Karl-May-Gesellschaft nach Berlin eingeladen hatte. Sie zählt mit rund 1850 Mitgliedern zu den größten und erfolgreichsten deutschen literarischen Vereinigungen. Thema des Kongresses: Wie kam Karl May zu seinen Stoffen und Helden und wie können sie heute interpretiert werden.

Winnetou und Old Shatterham (Spielfilmszene)
Winnetou und Old Shatterham (Spielfilmszene)

Grundlage für die "Sudanromane" ist die Auseinandersetzung um die Kolonien, erklärt der Kurator und Vorsitzende der Karl-May-Gesellschaft, Johannes Zeilinger, in seinem Vortrag. In diesem europäischen Konflikt, so Zeilinger weiter, wird ab 1888 der Kampf gegen die Sklaverei instrumentalisiert für die kolonialistischen Interessen des Deutschen Reichs. Bereits im Januar 1889 begann Karl May auf Anregung seines Verlegers mit der Niederschrift seiner Erzählung "Die Sklavenkarawane".

Züge von Eduard Schnitzer

Er greift das Thema auf, stellt sich aber nicht in den Dienst der kolonialistischen Propaganda, sondern verlegt den Ort in eine andere Region und siedelt den Plot zehn Jahre früher an. Seine Hauptfigur "Dr. Emil Schwarz" trägt Züge von Eduard Schnitzer. Der Arzt mit jüdischen Wurzeln, als Christ getauft, später zum Islam konvertiert und den Fachleute heute unter seinem "Nom de Guerre" Emin Pascha kennen. Der Deutsche war sogar Gouverneur der ägyptischen Äquatorprovinz und ist ein Zeitgenosse des Mahdi Mohammed Achmed, der sich als Nachfolger des Propheten verstand.

Johannes Zeilinger sieht im Mahdi einen "frühen Taliban". Er errichtet in den 80er Jahren des 19. Jahrhundert im Sudan einen islamischen Gottesstaat und besiegt sogar die britischen Kolonialtruppen in Karthoum. All dies bildet später die Kulisse für Karl Mays Romantrilogie "Im Reich des Mahdi". Dort freilich ist es nun Karl May selbst, der als Kara Ben Nemsi sogar den Mahdi persönlich trifft. Er brilliert mit seinen Korankenntnissen und versucht, den Gotteskrieger von der Sinnlosigkeit seines Tuns zu überzeugen. May identifiziert sich so sehr mit dieser Rolle, dass er seinem Verleger verkündet, er gehe "als Leiter einer gut gerüsteten Expedition nach dem Sudan, um beim Mahdi gefangene Mönche und Nonnen zu befreien".

"Ein Beamter, der Ordnung schafft"

Spannend ist auch, wie sich Peter Brenner den Balkan-Romanen Mays nähert. Der profunde Kenner von historischer Reiseliteratur schildert, wie es Karl May gelingt, durch die Wortwahl und Beschreibung von "Schluchten, Urwäldern und Sümpfen das Gefühl von Fremdheit herzustellen". Mit dem Balkan wählt er zudem eine "europäische Krisenregion" voller Chaos, in der überall Banden lauern. Kara Ben Nemsi freilich "erkennt das Böse sofort", er ist wie "ein Beamter, der Ordnung schafft". Nur an einem scheitert er - am Schmutz und an den Läusen. "Der Schmutz ist das eigentlich Bedrohliche!"

Peter Bolz erinnert daran, wie "sauber" dagegen Winnetou immer dargestellt wird - als "idealer Freund in sauberer Kleidung". Der Ethnologe hält die Verwendung des Begriffs vom "edlen Wilden" für problematisch, der "rote Gentleman" sei in Wirklichkeit "ein kultureller Überläufer". Der Leiter der Nordamerika-Sammlung des Ethnologischen Museums Berlin räumt mit Vorurteilen auf. So gab es keine "Blutsbrüderschaft" - dies war ein germanischer Brauch, den Karl May kurzerhand in die Neue Welt übertrug.

"Kulturelle Evolutionslehre"

Offenbar träumte der Schriftsteller von der Erziehung der Indianer zu "guten Christenmenschen", war in diesem Sinne ein Anhänger der "kulturellen Evolutionslehre", die mit zweifelhaften Mitteln die "Native Americans" zu vollwertigen Mitgliedern der Vereinigten Staaten umerziehen wollten. Zunächst schnitt man Indianern in den Missionsschulen die Haare, dann zog man ihnen andere Kleidung an und ließ sie kochen, nähen und natürlich schreiben lernen.

Manuskript von Winnetou IV
Manuskript von Winnetou IV

In dem erst 1910 veröffentlichen Band "Winnetou IV", der Mays Alterswerk zuzuordnen ist, hat der große Apachenhäuptling sogar ein fünfbändiges Testament verfasst und wird zum Stifter eines "neuen Bundes" zwischen Weißen und Indianern. Peter Bolz zitiert den Begriff der "Apple Indians", der "Apfel-Indianer", wie dies Aktivisten vom "American Indian Movement" in den siebziger Jahren nannten: "Außen rot und innen weiß". So sehr sich May auch mit den Indianern gegen die Weißen solidarisiert, so sehr formt er sie nach europäischem Bild - und nimmt ihnen damit ihr Recht auf Anderssein.

Berühmte Todesszene

Karl May selbst reiste erstmals 1908 in die Vereinigten Staaten, blieb aber ausschließlich an der Ostküste. Peter Bolz ist im übrigen dankbar, dass "der Autor Winnetous Schwester Nscho-tschi umbringen lässt. Dadurch blieb uns eine sächsische Idylle im Wilden Westen erspart - mit Spitzendecke, Napfkuchen und Rüschenvorhang!" Der Ethnologe zitiert die berühmte Todesszene aus Winnetou III, in der der sterbende Apachenhäuptling am Ende bekennt : "Ich glaube an den Heiland." Winnetou ist zudem ein Christ geworden. Bolz dreht den Satz um, der Apache hätte wohl treffender sagen sollen: "Ich glaube an Karl May und Winnetou ist ein Sachse geworden."

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