Wasser ist ihr Element

Die Seenomaden leben auf, in und mit dem Meer

Dokumentation | Terra X - Wasser ist ihr Element

Die Bajau leben von dem, was das Meer ihnen bietet. Wie gut sich diese Menschen an ein Leben am Wasser angepasst haben, wird besonders deutlich, wenn man mit ihnen taucht.

Beitragslänge:
1 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 18.04.2017, 17:30

In den seichten Gewässern der südwestlichen Philippinen, zwischen Küste und offenem Meer, hat ein Volk seine Verbindung zum Land fast ganz aufgegeben: die Bajau. Seit Generationen leben Angehörige dieser ethnischen Minderheit in größtmöglicher Nähe zum Wasser.

Seenomadendorf im Wasser
Die Bajau leben in Pfahlbauten und auf Booten in Küstengewässern. Quelle: ZDF

Traditionell verbringen die Bajau einen Großteil ihres Lebens auf kleinen überdachten Booten, die sie zu Siedlungen zusammenschließen. Sie sind Seenomaden; früher zogen viele von ihnen das ganze Jahr zwischen den Inseln umher, inzwischen bleiben die meisten an einem Ort.

Meisterliche Freitaucher

Die Bajau leben von dem, was das Meer ihnen bietet. Durch ihre Lebensweise wurden sie im Lauf der Jahrtausende zu hervorragenden Freitauchern. Ohne Pressluft, Lungenautomat, Tauchanzug und Blei bewegen sie sich unter Wasser fast so elegant und schnell wie Fische. Am Meeresgrund suchen die Taucher nach Muscheln, Seegurken und anderen Schätzen.

Freitauchen oder Apnoetauchen - vom griechischen "ápnoia", zu Deutsch "Nichtatmung" - ist die älteste Form des Tauchens. Schon in der Steinzeit suchten Apnoetaucher nach Muscheln oder Schwämmen. Die Bajau haben diese Technik zur Perfektion gebracht. Mit nur einem Atemzug kommen sie bis zu 40 Meter tief. Das gelingt ihnen, weil ihr Puls unter Wasser halb so schnell schlägt wie an Land. Da sie zudem wenig Körperfett besitzen, verspüren sie kaum oder nur geringen Auftrieb und benötigen keinen Bleigürtel.

Perfekte Anpassung

Die extremen Leistungen der Bajau im Tauchen sind nur durch jahrelanges Training und perfekte Anpassung möglich. Die Bajau haben den sogenannten Tauchreflex trainiert. Er bewirkt - ähnlich wie bei Robben und Walen - eine Reihe von automatischen Anpassungen des Körpers an die Bedingungen unter Wasser und an das Aussetzen der Atmung. Dabei wird auch verstärkt Blut aus den Extremitäten in den Brust- und Bauchraum, hin zu den lebenswichtigen Organen, geleitet, ein Vorgang, den die Mediziner "Bloodshifting" nennen.

Beim Tauchen muss ein Druckausgleich gemacht werden. Denn in der Tiefe nimmt der Atmosphärendruck alle zehn Meter um ein Bar zu, was sich auf alle Hohlräume des menschlichen Körpers, wie Ohren und Stirnhöhle, auswirkt. Besonders das Trommelfell reagiert empfindlich auf den steigenden Druck. Während Sporttaucher den Druckunterschied durch Pressen von Atemluft in die Körperhöhlungen ausgleichen und dadurch den Schmerz im Trommelfell verringern, platzt bei den Bajau meist schon in jungen Jahren das Trommelfell oder es wird sogar absichtlich zerschnitten, danach verursacht es keine Schmerzen mehr beim Tauchen. Lebenslängliche Schwerhörigkeit ist der Preis dafür.

Unter Wasser scharf sehen

Die erstaunlichste Fähigkeit entdeckte eine schwedische Forscherin bei den Kindern der Seenomaden: Auf der Suche nach Muscheln und Seegurken am Meeresgrund können sie ohne Brille tauchen. Eigentlich sollte ihnen das gar nicht möglich sein, denn unter Wasser sehen wir Menschen alles verschwommen. Aber die Kinder erkennen selbst Details. Wie schaffen sie das bloß?

Animation: Akkomodierung des Auges an Unterwasser-Weitsichtigkeit
Die kugelförmige Linse bricht das Licht in einem anderen Winkel. Quelle: dapd

Wasser ist dichter als Luft und hat deshalb andere optische Eigenschaften. Unter Wasser wird das Licht so gebrochen, dass der Fokus hinter der menschlichen Netzhaut liegt. Deshalb erscheint dem menschlichen Auge alles unscharf. Ein Seenomadenkind "lernt" jedoch bei seinen Tauchgängen, seine Linse so stark zu verformen, dass sie von einer flachen zu einer fast kugeligen Form zusammengezogen wird. Das gleicht die Unschärfe um bis zu 16 Dioptrien aus.

An den Grenzen der Anatomie

Doch nicht nur die Linse verformt sich. Seenomadenkinder können außerdem ihre Pupillen auf Stecknadelkopfgröße zusammenziehen. Die Pupille funktioniert wie die Blende einer Lochkamera: Je weiter sie geschlossen ist, desto größer ist die Schärfentiefe. In Kombination mit der kugeligen Linse erreichen die Kinder so eine Sehkraft, die fast 30 Dioptrien Fehlsichtigkeit ausgleichen kann. Dabei gehen sie an die Grenzen des anatomisch Möglichen. Mit zunehmendem Alter geht diese Fähigkeit aber verloren, da die Sehmuskeln schwächer werden. Erwachsene Seenomaden tauchen daher mit Brille.

Wo die Seenomaden umherziehen, vereinigen sich die Gewässer zweier Weltmeere zum Indopazifik. Hier liegt das so genannte Korallendreieck, das artenreichste Gebiet unseres Planeten. Die Korallen sind Lebensraum einer einzigartigen Unterwasserwelt. Sie bieten Fischen Schutz vor Feinden und genügend Nahrung, dienen ihnen als Brutstätte und Kinderstube. Für die Seenomaden wird es jedoch immer schwieriger, ein Leben im Einklang mit der Natur zu führen. Unter dem Einfluss der Globalisierung beginnt sich die traditionelle Lebensweise der Bajau zu wandeln. Und nicht alle Filipinos haben den gleichen Respekt vor den Ressourcen des Meeres. Effiziente Methoden, an die Schätze des Meeres zu gelangen, versprechen schnellen Gewinn.

Bedrohte Korallenriffe

In den meisten Gebieten ist die Technik des Pa-alling verboten. In letzter Zeit haben andere, illegale Methoden der philippinischen Unterwasserwelt schwer zugesetzt, neben dem Fischen mit giftigem Natriumcyanid ist das vor allem das Dynamitfischen. Für die Fischer lohnt sich diese Methode: wenig Aufwand, viel Ertrag. Der Markt belohnt das Zerstörungswerk. Rifffische wie Zackenbarsch und Napoleon-Lippfisch gelten als Delikatesse in chinesischen und taiwanesischen Restaurants und werden hoch gehandelt. Doch der "Kollateralschaden" ist enorm. Nur wenige Promille der geschädigten Lebewesen sind tatsächlich Speisefische. Die Zauberwelt der Korallenriffe wird so zur Mondlandschaft.

Riff mit totem Korallenstock
Durch Dynamit zerstörtes Riff Quelle: ZDF

Doch allmählich ist eine Umkehr in Sicht. Umweltschutzorganisationen wie der WWF haben inzwischen Programme aufgelegt, um die Unterwasserwelt vor dem Kollaps zu bewahren, beispielsweise durch Einrichtung von Fangverbotszonen. Auch die Bajau können bei der Umsetzung dieser Programme mit ihrem Wissen und durch ihre enge Verbundenheit mit dem Ozean und seinen Geschöpfen ihren Part dazu beitragen, den wertvollen Lebensraum zu schützen.

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